Politik

Zehntausende bei Protestmarsch Polizei führt Demonstranten in Belarus ab

135727332.jpg

Zu Fuß kamen die Menschen im Zentrum zusammen, um gegen den Präsidenten Lukaschenko zu demonstrieren.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Metro ist gesperrt, das Internet lahmgelegt. Mit Sturmgewehren und in Kampfuniform bringen sich Soldaten in Minsk für einen erneuten Massenprotest in Stellung. Obwohl dieser friedlich verläuft, werden Demonstranten abtransportiert. Doch Lukaschenkos Drohkulisse hält die Menschen nicht auf.

In Belarus haben Uniformierte mit Sturmhauben bei der sechsten Sonntagsdemonstration in Folge mit der Festnahme von Gegnern des Präsidenten Alexander Lukaschenko begonnen. Die Einsatzkräfte fassten im Zentrum der Hauptstadt Minsk friedliche Demonstranten und zwängten sie in Gefangenentransporter. Menschenrechtler berichteten am frühen Abend von mehr als 100 Festnahmen in Minsk und anderen Städten.

Es waren Hundertschaften von Polizei und Armee im Einsatz, um einen neuen Massenprotest gegen "Europas letzten Diktator", wie Gegner Lukaschenko nennen, zu verhindern. Am Morgen ließen die Einsatzkräfte der Regierung Militärfahrzeuge und gepanzerte Mannschaftstransporter in der Innenstadt auffahren und errichteten Stacheldrahtbarrieren.

Menschen versammeln sich zu "Marsch der Gerechtigkeit"

Beobachter sprachen von mehr als 50.000 Demonstranten - das sind weniger als zuletzt. Die Menschen strömten zu Fuß für einen "Marsch der Gerechtigkeit" aus verschiedenen Richtungen ins Zentrum. Sie trugen rote und weiße Kleidung, die Farben der Opposition. Am Palast der Republik standen mit Sturmgewehren bewaffnete Soldaten in Kampfuniformen, wie ein Korrespondent vor Ort berichtete. Auch in Seitenstraßen des Prospekts der Unabhängigkeit bezogen Truppen der Miliz, wie sie in Belarus heißt, und des Militärs Stellung. Das stärkste Aufgebot an Einsatzkräften gab es wie an den vorherigen Sonntagen am Präsidentenpalast. Der 66 Jahre alte Lukaschenko hatte sich dort zuletzt auch zweimal mit Kalaschnikow gezeigt, um eine Erstürmung des Palastes zu verhindern. Die Proteste sind allerdings stets friedlich.

Die Behörden sperrten Metrostationen in der Innenstadt, um einen Zustrom von Menschen zu verhindern. Auch das mobile Internet funktionierte nicht. Trotz dieser Einschränkungen und Drohkulisse hatten sich nach Einschätzung von Beobachtern allein am vergangenen Sonntag 150.000 Menschen in der Stadt versammelt. Auch in anderen Städten kam es nun erneut zu Protesten gegen Lukaschenko, darunter in Grodno, Gomel, Witebsk und Chodino.

"Neue Phase der Eskalation der Gewalt"

"Es lohnt sich, um die Freiheit zu kämpfen. Habt keine Angst, frei zu sein!", ließ die inhaftierte Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa mitteilen. Sie hatte die Proteste gegen Lukaschenko mit angeführt, bevor sie vor zwei Wochen entführt worden war und dann in Haft kam. Der 38-Jährigen drohen bis zu fünf Jahre Haft wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit. Kolesnikowa wies dies als absurd zurück. Sie meinte aber, dass sie nichts bereue und alles wieder so tun würde.

Bei den Frauenprotesten am Vortag waren mehr als 400 Demonstrantinnen festgenommen worden. Der oppositionelle Koordinierungsrat sprach angesichts der im Vergleich zum vergangenen Wochenende sehr viel höheren Zahl an Festnahmen von einer "neuen Phase der Eskalation der Gewalt gegen friedliche Demonstranten".

Seit der Präsidentenwahl am 9. August kommt es in Belarus täglich zu Protesten. Lukaschenko hatte sich mit 80,1 Prozent der Stimmen nach 26 Jahren im Amt zum Wahlsieger erklären lassen. Die Opposition hält dagegen Tichanowskaja für die wahre Siegerin. Die EU erkennt Lukaschenko nicht als Staatschef von Belarus an und bereitet derzeit Sanktionen vor.

Quelle: ntv.de, chf/dpa/AFP