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Premiere als Bewerberduo Die Neue an Scholz' Seite

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Klara Geywitz bewirbt sich gemeinsam mit Olaf Scholz um den SPD-Parteivorsitz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für seine Bewerbung um den SPD-Parteivorsitz brauchte Olaf Scholz dringend eine Frau. Denn die Partei drängt auf eine Doppelspitze. Klara Geywitz, Abgeordnete im Landtag Brandenburg, ist nun an Bord. Finanzminister + No Name: Das Duo hat in Berlin Premiere.

Es sind noch keine fünf Minuten vergangen, da hat Klara Geywitz schon mehr über sich preisgegeben, als ihr Teampartner Olaf Scholz vermutlich in 18 Jahren als Bundespolitiker. Sie wolle "als Mutter von drei Kindern, die im Leben steht, das repräsentieren, was viele machen, nämlich jeden Tag hart arbeiten, gucken, dass die Kinder anständige Menschen werden, und dass die Familie zusammenhält", erklärt Geywitz in trockenem Ton auf einer Pressekonferenz in Berlin. Dann zitiert sie Malermeister Zacharias aus Potsdam, der sie am Vorabend zu Hause besucht habe und das super fände: "Eine einfache Frau aus dem Volk geht nach Berlin und vertritt uns da." Über die Chemie im Bewerberduo Scholz/Geywitz sagt die "einfache Frau", die studierte Politologin ist: "Wir haben viele Unterschiede", aber das zu erwähnen, ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon nicht mehr nötig.

Olaf Scholz sitzt neben der ruhig sprechenden Klara Geywitz, und sein dünnes Lächeln verrät nichts darüber, ob er gerade erstaunt miterlebt, wie da jemand in der Bundespressekonferenz authentisch wirkt, oder ob er sich vor allem gerade sehr weit weg wünscht. Der Finanzminister, scharfsinnig, immer kontrolliert bis gefühlsarm wirkend, dessen Spitzname "Scholzomat" aus der eigenen Partei stammt, und die ostdeutsche Mutter aus dem echten Leben: Einer für die echte Politik, eine für die Volksnähe? Die 43-jährige Brandenburgerin nimmt den Verdacht vorweg: "Wenn Olaf Scholz mit Klara Geywitz antritt, sagen sie, das ist offensichtlich das dekorative Salatblatt an seiner Seite." Doch werde es nicht so sein, "dass einer die Weltpolitik erklärt, und der andere die SPD-Unterbezirksparteitage besucht. Sondern wir werden das auf Augenhöhe partnerschaftlich machen."

Dass sie es ernst meint mit der "Augenhöhe", dafür spricht, dass sie in Brandenburg einst ihren Posten als Generalsekretärin hinwarf. Sie hatte sich in die weitreichende Entscheidung über den Stopp einer geplanten Reform der Landkreise vom Ministerpräsidenten nicht genug einbezogen gefühlt. Seitdem ist Geywitz nur noch Landtagsabgeordnete und offensichtlich nicht zu allem bereit, nur um eine Position zu sichern.

Auch wenn Scholz im Gegensatz zu den meisten seiner Mitbewerber um den Parteivorsitz als Verfechter der Großen Koalition und eines eher konservativen Kurses gilt: Er und Geywitz wollen ihre Kandidatur nicht an ein Bekenntnis zur Großen Koalition knüpfen. Der Finanzminister verweist auf eine Befragung der SPD-Mitglieder, die zum Ergebnis hatte, dass Klimapolitik eine ganz zentrale Frage sei, ebenso, wie man dafür sorgen könne, "dass es nicht immer mehr auseinander geht zwischen Arm und Reich". Darum werde die Frage der großen Koalition auf den Regionalkonferenzen zwar eine Rolle spielen, aber nicht im Mittelpunkt stehen. "Denn jeder weiß: Mit der Vorsitzendenwahl wird darüber nicht entschieden. Das machen wir in einem ganz anderen, eigenständigen Verfahren."

"Gespür dafür, wie Menschen sich fühlen"

Neben Klimapolitik, Gleichstellung und digitalen Lebensfragen als Herausforderungen hebt Scholz besonders die Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen hervor und nennt das Beispiel des Strukturwandels "für die Männer und Frauen in den Braunkohlerevieren". Es müsse "unser gemeinsames Anliegen, unsere Aufgabe sein, zu sagen: Du bist nicht alleine". Sich selbst zuhörend, mag Olaf Scholz vielleicht noch einmal seine Entscheidung überdenken, ausgerechnet für das Gesetz zur Unterstützung des Strukturwandels in den Kohleregionen kein zusätzliches Geld bereitzustellen. Oder Klara Geywitz könnte ihn auf diesen Widerspruch zwischen Reden und Handeln stoßen. Immerhin attestiert sie sich selbst "ein sehr feines Gespür dafür, wie Menschen sich fühlen, wenn sie glauben, dass ihr Leben, ihre Probleme nicht wahrgenommen werden".

Ein starker Impuls für Geywitz' Zusage, "als Olaf mich gefragt hat", war nach ihren Worten die eigene Überzeugung, dass die Forderung nach einer Doppelspitze der richtige Weg ist. Da Geywitz sich im Parteivorstand für das Verfahren stark gemacht hatte, wie auch dafür, "dass Menschen aus Ostdeutschland vertreten sind in den Entscheidungsrunden", müsse auch eine Kandidatur aus Ostdeutschland erfolgen. "Deswegen hab ich das sehr gerne gemacht." Bisher stammen die allermeisten der 17 Bewerberinnen und Bewerber aus dem Westen.

Zu ihrem Engagement für Menschen, "die sich nicht repräsentiert fühlen", passt gleich wieder eine Begebenheit aus der Familie Geywitz vom Wochenende, diesmal ohne Handwerker, sondern mit großer Kindergruppe im Park. Die Kinder mussten Blätter bestimmen. Ein Mädchen aus Syrien, vor einigen Jahren hergekommen, habe als einzige die Rosskastanie erkannt und auf ein Lob entgegnet: "Das ist doch gut, wenn auch schlaue Ausländer da sind." Aus den Reihen der Journalisten hört man jemanden lachen. Geywitz sagt: "Ich habe fast geweint." Man meint es ihrer Stimme jetzt noch anzuhören.

Olaf Scholz hatte bis vor wenigen Tagen noch erklärt, der SPD-Vorsitz und sein Ministeramt seien zeitlich nicht vereinbar. Nach dem Beweggrund für seinen Sinneswandel gefragt, sagt er, er nehme es sehr persönlich, "ob es der SPD gut oder schlecht geht". Er wünsche sich eine mutige SPD. "Und das heißt dann natürlich, dass man auch selber mutig sein muss."

Quelle: n-tv.de

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