Politik

Castoren rollen nach Deutschland Proteste verzögern Abfahrt

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Bei einer Gleisblockade in Lieusaint, in der Nähe von Valognes.

(Foto: REUTERS)

Ungewöhnlicher Auftakt eines Castor-Transports in Frankreich: Bereits vor dem Start rührt sich heftiger Widerstand. Demonstranten versuchen, die Abfahrt des Zuges unter allen Umständen zu stoppen. Immerhin kommt eine Verzögerung dabei heraus. In Deutschland stehen Tausende Beamte bereit, um die Züge mit dem hoch radioaktivem Atommüll zu schützen.

Ein Castor-Transport mit hochradioaktivem Atommüll ist von Frankreich aus in Richtung Gorleben gestartet. Trotz heftiger Proteste von Atomkraftgegnern setze sich der Zug am Nachmittag gegen 16.00 Uhr an der Areva-Verladestation bei Valognes in Bewegung. Nur wenige Stunden zuvor hatten Aktivisten vorübergehend Gleise besetzt und Signalanlagen beschädigt. Ein Polizeiwagen ging in Flammen auf.

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An der Bahnstation in Valognes.

(Foto: REUTERS)

Ein Großaufgebot an Sicherheitskräften drängte die Demonstranten schließlich unter massivem Einsatz von Tränengas zurück. Mindestens zwölf Demonstranten wurden nach Medienberichten festgenommen. Die Behörden hatten auf beiden Seiten der Bahngleise eine Art Sperrzone eingerichtet.

Der Bürgermeister von Valognes, Jacques Coquelin, verurteilte die Gewalt. Auch die Umweltorganisation Greenpeace schloss sich dieser Haltung an und bezog sich dabei ausdrücklich auf beide Seiten.

Der Zug bringt deutschen Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Gorleben. Nach rund 1200 Kilometern Wegstrecke soll er am Wochenende im Wendland eintreffen. Die Route des Transports ist noch unklar.

Stay: In Frankreich geht's los

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In Dannenberg stehen bereits die Abdeckhauben für den Straßentransport der Castor-Behälter bereit.

(Foto: dapd)

Auch in Deutschland bereiten sich Atomkraftgegner vor. Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation ".ausgestrahlt" zeigte sich zunächst überrascht von den massiven Protesten in Frankreich: "Das ist völlig neu. Der Streit um die Atomkraft geht in Frankreich erst richtig los. Und hierzulande ist er nicht vorbei, so lange noch neun Reaktoren weiterlaufen und in Gorleben ein maroder Salzstock zum Atommüll-Endlager ausgebaut wird." Laut Stay würden die Proteste im Wendland in der Großdemonstration am Samstag gipfeln, "zu der wir deutlich mehr Menschen erwarten, als bei den Castor-Transporten der Vergangenheit – einmal vom Ausnahmejahr 2010 abgesehen".

Route noch unklar

Schwerpunkt der Aktionen im Südwesten soll wie in den Vorjahren der Grenzübergang Berg sein, teilten die Initiativen mit. Der Zug soll mit einer "Südblockade" aufgehalten oder zu einem Umweg gezwungen werden. Drei Varianten für den Grenzübertritt sind möglich: über Kehl, Berg oder Saarbrücken. Welche Strecke der Zug nimmt, wird offiziell nicht mitgeteilt. Anti-Atomkraft-Initiativen planen Proteste entlang der Strecke. den Zug zu stoppen oder Nachschubwege für Einsatzkräfte zu blockieren.

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Proteste auch vor dem Bundeskanzleramt in Berlin.

(Foto: dpa)

Bundesumweltminister (CDU) rief zu einem friedlichen und besonnenen Verhalten auf. "Es gibt ein Recht auf Demonstrationsfreiheit, es gibt aber kein Recht auf Gewalt", sagte er in Berlin. "Gewalttätigkeiten sind kein Mittel der politischen Auseinandersetzung". Er forderte die Gorleben-Kritiker auf, sich konstruktiv an der Diskussion über den Neustart bei der Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll zu beteiligen. "Wer jahrelang einen grundlegenden Neuanfang bei der Suche nach einem Endlager fordert, der sollte die einmalige Chance, die es jetzt gibt, nutzen, den Kampf der vergangenen Jahrzehnte zu begraben und das Thema im Konsens zu lösen", sagte der CDU-Politiker.

Vorerst letzte Tour nach Gorleben

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Die Vorbereitungen sind bereits gelaufen.

(Foto: dpa)

Nach einer Konzentration auf Gorleben in den vergangenen 35 Jahren sollen künftig auch andere Optionen geprüft werden. Die Gegner halten den Salzstock an der früheren DDR-Grenze im niedersächsischen Wendland für zu unsicher, um hier den Müll für immer in rund 800 Metern Tiefe zu lagern. Daher gibt es seit Jahren Proteste gegen Castor-Transporte in das nahe des Salzstocks gelegene oberirdische Zwischenlager, wo der Müll bis zur Endlagerung abkühlen soll.

Ein Greenpeace-Antrag, vor der Abfahrt Wärmebilder der elf Castor-Spezialwaggons zu machen, wurde von Polizei abgelehnt. Jeder der elf Castorbehälter enthalte viermal so viel radioaktives Material wie bei der Reaktorkatastrophe in Fukushima in die Umwelt gelangt sei, betonte Greenpeace. Die deutsche Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) betonte jedoch in einer Erklärung, die vor dem Start des Transports durchgeführten Messungen hätten kein Gefährdungspotenzial ergeben.

Katz-und-Maus-Spiel in Frankreich

Mehrere hundert französische Atomkraftgegner hatten sich in den vergangenen Tagen in einem Protest-Camp nahe der nordfranzösischen Kleinstadt Valognes getroffen, um den Castor-Transport zu blockieren. Augenzeugen berichteten von einem wahren Katz- und Maus-Spiel, bei dem die Gegner Lücken in den Reihen der zahlreich aufmarschierten Sicherheitskräfte suchten. "Wir machen weiter, wir suchen die Lücken", äußerte sich die junge Französin Anna Laurent im französischen Fernsehen kampfbereit.

Der Protest wird organisiert von dem Zusammenschluss französischer Atomkraftgegner "Valognes Stop Castor". Der wird auch vom Netzwerk Atomausstieg ("Sortir du nucléair") unterstützt.

Quelle: ntv.de, dpa/AFP/rts