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Experte Gressel zur Mobilmachung "Putin pokert sehr hoch"

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Leiche eines getöteten russischen Soldaten in der Region Charkiw.

(Foto: picture alliance / AA)

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Militärexperte Gustav Gressel äußert im Interview mit ntv.de große Zweifel an der Wirksamkeit der russischen Mobilmachung: Weder könne Russland seine Kampfkraft kurzfristig substanziell stärken, noch werde das Land langfristig deutlich mehr Soldaten mobilisieren können. Wladimir Putins Atomwaffen-Drohungen seien ein "psychologisches Spiel". Russlands Präsident agiere aus einer Position der Schwäche. "Hätte Putin diesen Schritt nicht unternommen, hätte die russische Armee wahrscheinlich den Krieg über den Winter verloren."

ntv.de: Russland hat nach Wochen schwerwiegender militärischer Niederlagen in der Ukraine eine Teilmobilisierung ausgerufen. Was bedeutet diese Entscheidung für den weiteren Kriegsverlauf?

Gustav Gressel: Es ist unklar, in welcher Struktur die 300.000 Einberufenen in die Ukraine ziehen sollen. Sollen die Reservisten die Strukturen auffüllen, die schon in der Ukraine sind? Dann geht das relativ schnell. Oder werden diese Leute einberufen, trainiert und für die Aufstellung neuer Verbände genutzt? Das dauert dann weitaus länger und hat auch Konsequenzen für die künftige Aufwuchsfähigkeit der russischen Armee. In Russland sind nur noch Rumpfstrukturen für die Ausbildung von Wehrpflichtigen und neu mobilisierten Soldaten vorhanden. Würden diese Rumpfstrukturen zusammen mit den 300.000 Reservisten in die Ukraine verlegt, fehlt dieses Material für die künftige Ausbildung, etwa bei einer totalen Mobilmachung.

Wie schnell gelangen die Reservisten an die Front, falls sie nur die eingesetzten Soldaten im Feld ablösen sollen?

Das dauert mindestens einen Monat. Es kommt immer darauf an, wen genau die Armee einberuft. Dann muss sie die Männer ausstatten, wahrscheinlich auch nachausbilden und erst dann können sie die Leute in die Ukraine schicken.

Hat die russische Armee überhaupt genügend Material, um so viele Männer zusätzlich auszurüsten?

Es gibt noch Gerät in Russland, aber mit dem bildet die Armee ständig aus. Geht das Material auch in die Ukraine, gefährdet das künftige Mobilisierungen. Vom Reservegerät wurde schon sehr viel zur Ergänzung der Front in die Ukraine geschickt. Da ist nicht mehr enorm viel Luft drin. Etwas anderes wäre es, wenn die Soldaten in die Ukraine geschickt werden und dort mit dem Material ihrer Vorgänger kämpfen müssen. Dort steht ja relativ viel militärische Hardware herum. Neues Personal, altes Material: Das wäre die Hardcore-Variante einer Rotation. Allerdings steht in Putins Ukas schon, dass alle Zeitverträge auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Ein Zeichen dass man keine der etwa 120.000 abgekämpften Soldaten, deren Verträge bald auslaufen nach Hause schicken wird.

Immerhin könnte die russische Armee dann mit frischen Kräften operieren, oder?

Wenn man 300.000 Reservisten einberuft, lose ausbildet und direkt in die Ukraine schickt, ist das nicht effizient. Man kann sie in schon in der Ukraine kämpfenden Bataillone stecken, allerdings nicht alle 300.000 Mann. Für die übrigen fehlt es an gefestigten Strukturen und ausreichend professionellen Offizieren. So kommt Russland nicht zu einer schlagkräftigen militärischen Maschinerie.

Die reine Zahl klingt aber für den Laien beeindruckend.

300.000 Soldaten sind eine so große Zahl, die ausreicht, um die Ukraine wieder in die Defensive zu drängen und die Front einzufrieren, aber nicht um sie zurückzuschlagen. Die ukrainische Armee ist etwa 700.000 Mann stark. Davon sind immer 400.000 Mann im Feld. Der Rest rotiert oder ist Teil der Unterstützungsstruktur. Da ist also schon einiges an Masse auf der ukrainischen Seite. Zudem halten die Ukrainer ihre Stellungen schon lange und haben sie gut ausgebaut. Das ist für Russland nicht einfach, sie da zurückzuschlagen. In dem Sinne pokert Putin sehr hoch.

Die russischen Reservisten werden jetzt zum Kriegsdienst zwangsverpflichtet, nachdem die Mobilisierung freiwilliger Kämpfer offensichtlich nicht ausreichend Ergebnisse gebracht hat. Was sagt das über die Motivation der Reservisten aus?

Die Nachricht von der Niederlage in Charkiw ist mitten in die Bemühungen geplatzt, Soldaten für die nächste Rotation zu gewinnen. Selbst aus den Gefängnissen hat man 4000 bis 6000 Leute rekrutiert. Das war schon die letzte Verzweiflung. Die Motivation der nun mobilisierten Reservisten kann nicht als besonders hoch eingeschätzt werden. Noch schwerer wiegt die Frage der kompetenten Führung. Es ist relativ unkompliziert, einfache Soldaten auszuwechseln. Nachdem aber bereits relativ viele Vertragssoldaten, darunter Offiziere, in die Ukraine geschickt wurden, lautet die Frage: Wer führt diese neu ausgebildeten Leute? Sind da noch genügend Offiziere, die auch die nötige Professionalität zur Umsetzung ihrer Aufträge mitbringen? Daran habe ich noch größere Zweifel als an der Moral der Reservisten.

Putin hat erneut mit dem russischen Atomwaffenarsenal gedroht. Wie ordnen Sie diese Äußerungen ein?

Diese Drohung ist sehr ambivalent formuliert: Es ist ja nichts neues, dass Putin mit Atomwaffen droht, um eine Nichteinmischung zu erzwingen. Diese Einmischung liegt nach Putins Verständnis aber längst vor. Ähnlich zweideutig ist der Verweis auf die territoriale Integrität, wenn damit eigentlich annektiertes Gebiet gemeint ist. Nach meiner Ansicht will Putin den Westen nervös machen. Er testet aus, was die Drohung im Westen auslöst. Ich glaube wirklich nicht, dass Russland in absehbarer Zeit eine Atomwaffe einsetzt. Aus einem einfachen Grund: Eine einzelne Atomwaffe würde militärisch nichts entscheiden. Der Einsatz von mehreren Gefechtsfeldatomwaffen wiederum hätte für ihn und die eigenen Streitkräfte verheerende Konsequenzen. Ich halte das eher für ein psychologisches Spiel.

Haben wir heute einen russischen Präsidenten erlebt, der aus einer Position der Schwäche agiert, oder einen, der Stärke demonstriert?

Das ist Schwäche. Hätte Putin diesen Schritt nicht unternommen, hätte die russische Armee wahrscheinlich den Krieg über den Winter verloren. Jetzt hat er dafür gesorgt, dass die russische Armee zumindest im Krieg bleibt, wobei der Ausgang des Krieges immer noch vage ist und vieles möglich ist.

Mit Gustav Gressel sprach Sebastian Huld

Quelle: ntv.de

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