Politik

USA warnen vor zu großem Optimismus Rebellen kämpfen um Tripolis

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Zeichen der Verachtung: Ein Gaddafi-Bild wird verbrannt.

(Foto: dpa)

Die Menschen in Libyen bereiten sich auf einen Machtwechsel vor. Die Aufständischen bringen fast die gesamte Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle. Niemand weiß allerdings, wo sich Machthaber Gaddafi aufhält. Möglicherweise befehligt er von einem Bunker aus seine letzte Schlacht. Die Aufständischen sind sich sicher: "Dies ist der Tag der Entscheidung." Die USA warnen jedoch vor zu großem Optimismus. Es könnten noch Tage oder Wochen vergehen, bis Gaddafi und sein engster Kreis aufgeben. Wesentlichen Anteil am überraschend schnellen Erfolg der Rebellen soll die NATO haben. Sie soll in tausenden Einsätzen von Kampfjets und Drohnen den Weg für die Rebellen freigeschossen haben.

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(Foto: stepmap.de)

Die Aufständischen in Libyen haben nach eigenen Angaben bereits 95 Prozent der Hauptstadt Tripolis erobert. "Heute ist der Tag der Entscheidung", sagte der Militärsprecher der Aufständischen in Bengasi, Ahmed al-Bani. Die Niederlage der Truppen von Muammar al-Gaddafi sei unabwendbar. Zur Stunde werden schwere Kämpfe um die Residenz Gaddafis gemeldet. "Was da genau abläuft, können wir aber nicht sagen", berichten Reporter aus der libyschen Hauptstadt.

Gaddafis Sohn Chamis soll nach einem Bericht des TV-Senders Al-Arabija eine Truppeneinheit befehligen und Panzer in ins Zentrum von Tripolis geschickt haben. Die Truppen hätten Gaddafis Militärkomplex verlassen, berichtet der Fernsehsender unter Berufung auf Rebellenkreise. Drei seiner Brüder waren in der Nacht festgenommen worden. Die Rebellen selbst berichten von großen Verlusten bei den Kämpfen gegen Gaddafis Truppen. Viele ihrer Gefolgsleute seien getötet worden. Doch die Rebellen bekommen Verstärkung: Aus ihrer östlich gelegenen Hochburg Misrata stoßen 1000 Bewaffnete nach Tripolis vor.

NATO-Bomben ebnen den Weg

Einen wesentlichen Anteil am überraschend schnellen Erfolg der Rebellen in Tripolis soll nach einem Bericht der "New York Times" die NATO haben. So hätten Kampfjets und Drohnen der USA weitaus mehr Einsätze gegen Gaddafis Truppen geflogen, als bislang bekannt. Die Angriffe hätten nicht nur die militärische Infrastruktur zerstört, sondern auch die Kontrolle der Kommandeure über ihre Truppen stark beeinträchtigt. Selbst entschlossene Kampftruppen seien nicht mehr in der Lage gewesen, ihre Aktionen zu koordinieren.

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Vor der libyschen Botschaft in Ankara: Demonstranten zerstören ein Gaddafi-Bild.

(Foto: REUTERS)

Der Machthaber soll sich nach Angaben aus Diplomatenkreisen weiter in der Residenz Bab el Asisija aufhalten. Das Anwesen war seit März mehrfach Ziel von NATO-Luftangriffen, fast alle Gebäude wurden dabei zerstört. Allerdings soll Gaddafi auf dem Gelände über ein Bunkersystem verfügen. Möglicherweise befehlige er von dort aus seine letzte Schlacht, mutmaßen arabische TV-Sender. US-Regierungsvertreter warnen jedoch zu großem Optimismus. Sie gehen davon aus, dass noch Tage oder gar Wochen vergehen könnten, bis das Militär völlig zusammenbricht oder Gaddafi und sein engster Kreis den Kampf aufgeben.

Kein Exil in Südafrika

Immer wieder war spekuliert worden, Gaddafi könnte nach Südafrika ins Exil gehen. Dies träfe aber nicht zu, heißt es aus Johannesburg. Auch seien Berichte falsch, wonach bereits ein Flugzeug unterwegs sei, um Gaddafi abzuholen. Gaddafis Leibgarde hatte am Morgen die Waffen niedergelegt, berichteten Sprecher der Aufständischen im Sender Al-Dschasira.

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Die Menschen in Tripolis liegen sich in den Armen und feiern das Ende des Gaddafi-Regimes.

(Foto: AP)

Bereits in der Nacht hatten die Libyer das Ende des 42 Jahre dauernden Gaddafi-Regimes gefeiert. In Tripolis bejubelten Tausende den Sieg der Aufständischen. In der Rebellenhochburg Bengasi und anderen Städten wurden Feuerwerkskörper gezündet und Freudenschüssen abgefeuert. "Wir gratulieren dem libyschen Volk zum Sturz von Muammar al-Gaddafi und rufen das libysche Volk auf, auf die Straßen zu gehen und das öffentliche Eigentum zu beschützen. Lang lebe das freie Libyen", heißt es in einer am Morgen verbreiteten Erklärung des Übergangsrates, berichtete die "New York Times".

Zuvor brachten die Rebellen auch den Grünen Platz im Herzen von Tripolis unter ihre Kontrolle. Fernsehsender zeigten Hunderte von Menschen, die auf dem Platz in der Nähe des Anwesens von Gaddafi feierten und Freudenschüsse abgaben. Andere schossen auf Riesenposter mit dem Konterfei von Gaddafi. Laut Al-Dschasira kündigte die Rebellen an, den Platz wieder in "Platz der Märtyrer" umzubenennen.

Viele Soldaten Gaddafis seien gefangen genommen worden, hieß es. Andere würden immer noch Widerstand leisten. Gaddafis Regierungssprecher Mussa Ibrahim sagte, in Tripolis habe es allein am Sonntag rund 1300 Tote gegeben.

Obama appelliert an Gaddafi

US-Präsident Barack Obama sieht Libyen vor dem Wendepunkt. Tripolis entgleite dem "Griff eines Tyrannen", das Regime zeige Anzeichen des Zusammenbruchs, erklärte Obama nach einer Mitteilung des Weißen Hauses in Washington. Der sicherste Weg, um das Blutvergießen zu beenden, sei einfach: "Muammar al-Gaddafi und sein Regime müssen erkennen, dass ihre Herrschaft zu einem Ende gekommen ist." Gaddafi müsse einsehen, dass er Libyen nicht länger kontrolliere. "Er muss ein für alle Mal die Macht aufgeben."

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Auch in Bengasi feiern die Rebellen den Sturz des Regimes in Tripolis.

(Foto: AP)

In dieser historischen Zeit müsse der nationale Übergangsrat der Rebellen die notwendige Führungsstärke zeigen, um das Land durch die Phase des Übergangs zu steuern. Obama erklärte weiter: "Wir werden weiterhin mit unseren Alliierten und Partnern in der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten, um das libysche Volk zu beschützen und einen friedlichen Übergang zur Demokratie zu unterstützen."

NATO bietet weitere Hilfe an

Auch die NATO rechnet mit einem schnellen Ende des Regimes. "Heute können wir anfangen, eine neue Zukunft aufzubauen", erklärte NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen in Brüssel. "Das Gaddafi-Regime bröckelt eindeutig." Rasmussen forderte Gaddafi und seine Truppen auf, die Macht niederzulegen. "Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ein neues Libyen zu schaffen - einen Staat, der auf Frieden beruht, nicht auf Angst; Demokratie, nicht Diktatur; dem Willen aller, nicht den Launen weniger."

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Die Rebellen haben den Grünen Platz mit der Residenz Gaddafis eingenommen.

(Foto: AP)

Al-Dschasira zeigte Bilder, wie jubelnde Menschen die Aufständischen auf den Straßen von Tripolis begrüßten, tanzten und Freudenschüsse abgaben. Viele skandierten "Allah ist mächtig" oder "Tripolis wird frei sein". Auch aus anderen Städten des Landes wurden Freudenfeiern gemeldet. In der Rebellenhochburg Bengasi versammelte sich eine riesige Menschenmenge zu einem Freudenfest.

Deutschland würde bei Nachfrage helfen

Auch Deutschland forderte Gaddafi eindringlich zum Rücktritt auf. sagte in Berlin: "Die Zeit des Diktators ist vorbei." Gaddafi solle jetzt "von sich aus gehen", um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Er habe einen Krieg gegen sein eigenes Volk geführt und werde sich dafür vor einem internationalen Gericht verantworten müssen. Deutschland setze für Libyen nun auf einen friedlichen und geordneten Übergang.

Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière schließt einen Bundeswehreinsatz zur militärischen Stabilisierung Libyens nach dem Ende des Gaddafi-Regimes nicht aus. "Wenn es Anfragen an die Bundeswehr gibt, werden wir das konstruktiv prüfen", sagte der CDU-Politiker der "Rheinischen Post". Die Bundesregierung setze jedoch darauf, dass Libyen "in einer Zeit nach Gaddafi" aus eigener Kraft einen stabilen Staat aufrechterhalten könne, sagte der Minister. Am derzeitigen Einsatz der NATO zum Schutz der libyschen Bevölkerung ist Deutschland nicht direkt beteiligt. wurden deutsche Soldaten in einem auch für den Libyen-Einsatz zuständigen NATO-Stab in Italien eingesetzt.

Gaddafis Söhne festgesetzt

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Saif al-Islam Gaddafi wurde per Haftbefehl gesucht.

(Foto: dpa)

Im Westen von Tripolis nahmen die Rebellen laut Al-Dschasira drei Söhne von Gaddafi gefangen, darunter den mit internationalem Haftbefehl gesuchten Saif al-Islam. Er sei gemeinsam mit seinem Bruder Al-Saadi in einem Touristendorf festgesetzt worden, berichtete ein Sprecher der Aufständischen, Abu Bakr al-Tarbulsi. Der älteste Sohn, Mohammed al-Gaddafi, wurde in seinem Anwesen unter Hausarrest gestellt. Die Aufständischen würden für seine Sicherheit garantieren, sagte Mohammed al-Gaddafi in der Nacht zum Montag in einem Telefoninterview des Fernsehsenders Al-Dschasira.

Gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al-Islam und seinen Schwager, den Geheimdienstchef Abdullah Senussi, liegen internationale Haftbefehle vor. Ihnen werden schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH) rief den libyschen Übergangsrat in Bengasi deshalb auf, Saif al-Islam nach Den Haag zu überstellen.

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Gaddafi hat möglicherweise seine letzte Audiobotschaft abgesetzt.

(Foto: AP)

Gaddafi selbst wandte sich am späten Sonntagabend zum dritten Mal an diesem Tag an seine Anhänger. In einer Audio-Botschaft beschwor er im Staatsfernsehen seine Gefolgsleute: "Ihr müsst auf die Straße gehen, um die Ratten und Verräter zu bekämpfen. Alle Stämme müssen nach Tripolis marschieren, um es zu beschützen. Wenn nicht, werdet Ihr Sklaven der Kolonialisten werden." Plötzlich stoppte seine Stimme. Für die Unterbrechung der Nachricht gab es keine Erklärung. Unklar war, von wo aus Gaddafi gesprochen hatte.

Ölpreise fallen

Hoffnungen auf eine baldige Wiederaufnahme der libyschen Öl-Exporte drückten die Ölpreise. Als Auslöser für den Kursrutsch bei Brent nannte ein Rohstoff-Experte  die Meldungen über das Vorrücken der Rebellen in die Hauptstadt Tripolis. Dies werde zu einer Entspannung bei der Angebotslage führen.

Einige Händler waren allerdings skeptisch. "Bis die Produktion dort wieder in Fahrt kommt, dürfte es mindestens sechs Monate dauern", sagt einer von ihnen. Das größere Problem aber sei das Machtvakuum, in welches das Land zu fallen drohe. Mehrere einflussreiche regionale Clans könnten sich nach dem Fall des Regimes um die Vorherrschaft und vor allem um die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft streiten - und im Zuge dessen versuchen, auf die restlichen Waffenbestände Gaddafis Zugriff zu bekommen.

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Quelle: ntv.de, dpa/AFP/rts