Politik

"Ihr Körper war noch warm" Reporterin gerät ins Elend auf dem Mittelmeer

n-tv Reporterin Nadja Kriewald ist mit der libyschen Küstenwache im Mittelmeer unterwegs. Als die Crew Flüchtlinge aus einem Schlauchbott rettet, ist sie plötzlich viel näher am Elend, als sie es je erwartet hätte. Plötzlich liegt ein totes Mädchen in ihren Armen.

Montagabend, ungefähr 17 Uhr. Bei der libyschen Küstenwache in Tripolis geht ein Notruf ein. Rund 70 Seemeilen vor der Küste treibt ein Schlauchboot mit mehr als 100 Flüchtlingen an Bord. Das Patrouillenboot "Ras Sdjeir" von Kapitän Rami Rameid macht sich auf den Weg. Auch die n-tv Reporterin Nadja Kriewald ist an Bord. Sie wird dem Elend auf dem Mittelmeer in dieser Nacht viel näher kommen, als sie es je wollte.

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Reporterin Kriewald mit ihrem Kameramann Ingo Roman Becker.

Als die "Ras Sdjeir" das Schlauchboot erreicht, ahnt Kriewald bereits, dass die Menschen nicht erst ein paar Stunden, sondern schon Tage auf See sind - ohne Wasser, ohne Essen, ohne Toilette. Es roch nach Kot, Urin, Erbrochenen. "Noch einen Tag auf See hätten sie nicht überlebt", wird Kriewald später erzählen. "Die Kinder und Frauen schrien nach Wasser."

Weil die Menschen an Bord derart ausgezehrt sind, dürfen sie aber nur kleine Mengen trinken. Sonst würden sie kollabieren. Die Crew der "Ras Sdjeir" beginnt, die Männer, Frauen und Kinder aus dem Schlauchboot zu bergen. Einige sind so entkräftet, dass sie nicht mehr ohne Hilfe laufen können.

Plötzlich drückt jemand Kriewald ein zwei Jahre altes Mädchen aus der Elfenbeinküste in den Arm. Kriewald denkt nicht mehr an ihre journalistische Distanz. Sie denkt nur noch: "Sie muss sofort Wasser haben." Doch was die Reporterin erst später erfahren soll: Das Mädchen in ihrem Armen ist längst tot. "Sie war ganz leicht, aber ihre Augen waren noch auf, und sie war ganz warm."

Kriewald berichtet von "unbeschreiblichen" Szenen. Sie lobt aber auch den Einsatz der libyschen Küstenwache. Der Crew von Kapitän Rameid gelang es in dieser Nacht, 165 Menschen aus Seenot zu retten, auch weil einige Crew-Mitglieder Kinder per Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbelebten. "So umstritten die libysche Küstenwache sonst ist, die Männer, mit denen ich an Bord war - und es waren keine Milizionäre, das waren Marinesoldaten - die haben wirklich einen guten Job gemacht."

Hilfsorganisation erhebt schwere Vorwürfe gegen Küstenwache

Einige Seemeilen von der "Ras Sdjeir" sah das womöglich anders aus. Dort geriet ungefähr zur selben Zeit ein Schiff in Seenot. Die Spanische Hilfsorganisation "Proactiva Open Arms" machte sich auf den Weg dorthin. Videobilder, die die Organisation bei Twitter veröffentlicht hat, zeigen Wrackteile eines Bootes. Darauf treiben eine tote Frau und ein totes Kind. Den Aktivisten gelingt es, eine Frau lebend zu bergen. Das lassen Fotos erkennen, die die Organisation ebenfalls bei Twitter verbreitet.

"Proactiva Open Arms" wirft der libyschen Küstenwache vor, diese Frauen und dieses Kind auf hoher See zurückgelassen zu haben. Unterlassene Hilfeleistung? Die Vorwürfe wiegen schwer. Die EU unterstützt die libysche Küstenwache finanziell und durch Ausbildungsmissionen. Die Kooperation war von Anfang an heftig umstritten.

Ein Sprecher der libyschen Küstenwache wies die Vorwürfe zurück. Er sagte der dpa, es seien alle Migranten gerettet worden. Auch der italienische Innenminister Matteo Salvini beschuldigte die Hilfsorganisation der Lüge. Italien pflegt eine besonders enge Kooperation mit der libyschen Küstenwache. Salvini steht überdies für einen rigorosen Umgang mit der Flüchtlingskrise. Einerseits fordert er eine seiner Meinung nach gerechte Lastenverteilung der Flüchtlinge in Europa. Salvini sieht jetzt andere EU-Staaten außer Italien in der Pflicht. Andererseits will er verhindern, dass weiterhin Menschen im Mittelmeer ertrinken. Er glaubt, dass dies dadurch zu erreichen ist, sie nicht nach Europa zu lassen, sondern von der libyschen Küstenwache zurück nach Libyen bringen zu lassen.

Salvini bezeichnete die Hilfsorganisationen abfällig als "Gutmenschen" und sprach ihnen die Legitimation ab. Er suggeriert, dass NGOs den Menschenschleppern die Arbeit abnehmen. "Stopp der Menschenschmuggel-Mafia: Je weniger Menschen ablegen, desto weniger sterben", sagte er kürzlich. Menschen zurück nach Libyen bringen oder sie gar nicht erst ablegen zu lassen, ist allerdings heftig umstritten. Berichte von moderner Sklaverei, Folter, Vergewaltigung und Mord lassen vermuten, das Libyen die Hölle für Migranten ist.

Italiens Häfen sind für Hilfsorganisationen in diesem Sommer offiziell gesperrt. Für die überlebende Frau, über die jetzt "Proactiva" berichtet, erteilte Rom der dpa zufolge aber eine Anlandeerlaubnis. Die Hilfsorganisation lehnte demnach aber ab und will die Frau angesichts der feindseligen Haltung Roms lieber nach Spanien bringen.

n-tv-Reporterin Kriewald sagt, dass sie zu den Vorwürfen von "Proactiva Open Arms" gegen die libysche Küstenwache nichts sagen kann. Kapitän Rameid von der "Ras Sdjeir" habe ihr zwar erklärt, dass es einen anderen Einsatz der libyschen Küstenwache in der Region gegeben habe. Zum Zeitpunkt dieses Einsatzes waren die Ras Sdjeir und Kriewald aber noch nicht in der Nähe. Mittlerweile hat sich Kriewald auch schon wieder auf das libysche Festland begeben. Um sich mit der Mutter des toten Mädchens zu treffen, das ihr in die Arme gelegt wurde.

Quelle: n-tv.de, ieh

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