Politik

"Es ist zu spät, Angst zu haben" Russische Soldatenmütter organisieren sich

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Normalerweise gehen die Sicherheitskräfte hart gegen Antikriegsproteste vor - hier am 24. September in St. Petersburg.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Angehörige der Männer, die während der Mobilmachung eingezogen wurden, schließen sich zu einem "Rat der Mütter und Ehefrauen" zusammen. Sie fordern die Rückkehr ihrer Männer von der Front und die Aufnahme von Verhandlungen mit der Ukraine.

Nach der umstrittenen "Teilmobilisierung" Hunderttausender Männer regt sich in Russland Protest. Ein "Rat der Mütter und Ehefrauen" protestiert dagegen, dass ihre Männer und Söhne in den Krieg geschickt werden.

Einem Bericht des russischen Exilmediums Bumaga zufolge beteiligten sich in der vergangenen Woche 20 Frauen aus verschiedenen russischen Städten an Mahnwachen vor dem Hauptquartier des westlichen Militärbezirks in St. Petersburg, um dort ihre Forderungen vorzutragen: Aufnahme von Verhandlungen mit der Ukraine, Verzicht auf den Einsatz von Atomwaffen, Abzug von Wehrpflichtigen aus der Region Belgorod, von wo aus die meisten Rekruten offenbar in die nahegelegene Ukraine geschickt werden, und schließlich eine Untersuchung von Fällen illegaler Entsendung von Wehrpflichtigen ins Kriegsgebiet.

Bemerkenswert dabei: Bumaga zufolge wurden weder die Frauen, die an der Mahnwache teilnahmen, noch diejenigen, die versuchten, das Hauptquartier des westlichen Militärbezirks zu betreten, von der Polizei festgenommen. Bislang hat das Putin-Regime mit harter Hand gegen alle durchgegriffen, die Kritik äußern. Als die Mütter und Ehefrauen vor dem Gebäude protestierten, kamen zwar auch Polizisten, Festnahmen gab es jedoch nicht. Stattdessen kam der Leiter des Amts für Bürgerbeschwerden aus der Militärverwaltung, Wjatscheslaw Melnik, um mit den Frauen zu sprechen.

Die Armee verspricht Antworten - in ein bis zwei Monaten

Mit der 1989 gegründeten Menschenrechtsorganisation "Union der Komitees der Soldatenmütter" hat die Gruppe nichts zu tun. Die Gründung des "Rates der Mütter und Ehefrauen" geht auf Olga Tsukanova aus der Stadt Samara zurück. Ihr 20 Jahre alter Sohn war im Juni eingezogen worden. "Wir haben ihn nicht freigekauft, wie es viele Leute tun. Er wollte alles ehrlich machen", sagt sie.

Am 31. Juli sei ihr Sohn vereidigt worden, sagte Olga Tsukanova Bumaga zufolge. Sie selbst habe an der Zeremonie teilgenommen, dort hätten die Leiter der Einheit den Eltern versichert, dass ihre Söhne nicht in die Ukraine geschickt würden. Schon im August jedoch hätten seine Vorgesetzten damit angefangen, ihn zu überreden, "freiwillig" einen Vertrag für die Teilnahme an der "Spezialoperation" zu unterschreiben. Im September erfuhr sie, dass ihr Sohn in die Ukraine geschickt werden sollte. Seither habe sie keinen Kontakt zu ihm gehabt.

Zinaida Kurbatova, eine andere Mutter, die in St. Petersburg protestierte, weiß bereits, dass ihr Sohn tot ist. Alexey Kurbatov habe keine Kampferfahrung gehabt und sei ohne weitere Ausbildung an die Front geschickt worden. Acht Tage nach der Mobilisierung starb er. Ihr Protest scheint sich weniger gegen den Krieg zu richten als gegen die "Fehler" der Armee bei der Rekrutierung von Soldaten.

Angst vor den Behörden haben die Frauen offenbar nicht. "Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten, es ist zu spät, Angst zu haben", wird Olga Tsukanova in dem Artikel zitiert. "Denn das Leben unserer Angehörigen ist jetzt bedroht. Was ist schlimmer, als einen Sohn oder einen Ehemann zu verlieren?"

In Petersburg erhielten die protestierenden Frauen die Zusicherung, dass die Armee ihre Informationen prüfen werde. Innerhalb von einem oder zwei Monaten werde es Antworten geben.

Quelle: ntv.de

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