Politik

Zwei Trauertage in einer WocheRussland gibt das Ziel nicht auf, Kiew unbewohnbar zu schießen

07.07.2026, 20:00 Uhr 5UbL9d25-400x400Von Denis Trubetskoy, Kiew
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Rettungskräfte in Kiew versuchen, nach russischen Raketenangriffen einen Brand zu löschen. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Binnen weniger Tage starben in Kiew 50 Menschen durch russische Luftangriffe. Das Ziel dahinter: Die ukrainischen Bestände an Patriot-Munition sollen erschöpft, die heimischen Kriegsbefürworter mit Bildern der Zerstörung erfreut werden.

Schon am vergangenen Freitag wurde in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ein Trauertag ausgerufen. In der Nacht zuvor waren 31 Menschen bei russischen Luftangriffen auf die Hauptstadt ums Leben gekommen. In der Nacht zum Montag wurde die Drei-Millionen-Stadt erneut mit allem beschossen, was Russland in seinem Arsenal an weitreichenden Waffen hat. Das Ergebnis: 19 tote Zivilisten, darunter ein Kind. Der folgende Dienstag war bereits der zweite Trauertag innerhalb von einer Woche.

50 zivile Opfer binnen weniger Tage, das ist die neue Alltagsrealität in Kiew. Allerdings wird die Hauptstadt seit dem ersten Tag des großen Krieges beschossen und ist für Russland ohnehin das mit Abstand wichtigste Ziel im Hinterland. Besonders seit Oktober 2022, als Russland mit seinen Angriffen gegen die ukrainische Energieinfrastruktur begann, erlebt Kiew immer wieder massive Beschusswellen. So mussten im vergangenen Winter Hunderttausende Kiewer bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad teils tagelang ohne Strom und Heizung auskommen.

Damit folgt auf den schwersten Winter in der modernen Geschichte der ukrainischen Hauptstadt der schwerste Sommer. Zumal auch die Stromausfälle wieder zum Alltag in Kiew gehören. Seit Sonntag haben sich die Temperaturen zwar etwas abgekühlt, doch zuvor sorgte die Mischung aus Angriffen, der verstärkten Nutzung von Klimaanlagen und planmäßigen Reparaturarbeiten an Atomkraftwerken dafür, dass private Haushalte vor allem abends ohne Strom waren. In der nächsten Hitzewelle könnte das zum Problem werden.

Der Ukraine fehlt Munition für ihre Patriot-Systeme

Im Vordergrund steht jedoch aktuell etwas anders. Der jüngste Angriff vom Montag war seit Mai bereits der sechste Massenbeschuss des ukrainischen Hinterlandes in Folge, der sich nahezu vollständig auf Kiew und die Region drumherum konzentrierte. Die Russen setzten insgesamt 29 ballistische Raketen, 39 Marschflugkörper und 351 Drohnen ein.

Dieses Ausmaß an Waffen ist mittlerweile üblich, wobei es häufig sogar noch mehr Drohnen sind. Mit Drohnen und klassischen Marschflugkörpern kommt die ukrainische Flugabwehr schon länger erstaunlich erfolgreich klar. So konnten am Montag 37 Marschflugkörper und 326 Drohnen abgewehrt werden. Der Rest kam durch.

Am 6. Juli bewahrheitete sich allerdings eine Sorge, die es spätestens seit Beginn der Eskalation rund um den Iran gab: Von den 29 ballistischen Raketen konnte keine einzige abgewehrt werden. Das Abfangen der dieses Raketentyps funktioniert fast nur mit PAC-3-Flugabwehrraketen, die von Patriot-Systemen abgeschossen werden. Weltweit werden diese in geringerer Stückzahl hergestellt als ballistische Raketen in Russland. Verschärfend kommt hinzu, dass im Schnitt zwei PAC-3-Raketen gebraucht werden, um eine Rakete abzuwehren. Die schwierige internationale Lage, gepaart mit den ohnehin komplizierten Beziehungen Kiews zur US-Administration von Donald Trump, haben die Ballistik-Krise noch einmal deutlich verschärft.

Immer mehr Kiewer übernachten in U-Bahn-Stationen

Dass ballistische Raketen immer häufiger durchkommen, was für teilweise massive Schäden in der Hauptstadt sorgt, hat auch die Einstellung der Kiewer Bevölkerung zum Luftalarm verändert. Zwar gab es schon die ganze Kriegszeit über zivile Tote in Kiew. Bis etwa Mitte 2024 lag die Wahrscheinlichkeit, bei einem Luftangriff zu sterben, statistisch gesehen allerdings unter dem Risiko, das Leben infolge eines Verkehrsunfalls zu verlieren. Danach ging die Tendenz in die andere Richtung, zumal Russland die Produktion von Langstreckendrohnen ab dem Herbst 2024 massiv erhöhte.

In der heutigen Situation, während bei so gut wie jedem Massenbeschuss ganze Wohnblöcke zerstört werden, nehmen auch viele Kiewer das Risiko nicht mehr in Kauf, die früher in ihren Wohnungen geblieben waren. So übernachteten während der Angriffe vom 2. Juli geschätzt 52.000 Menschen in der U-Bahn. Den Verkehrsbetrieben zufolge war dies der bisherige "Rekord". Die vorherige Höchstzahl war kurz davor mit knapp 42.000 Menschen im Juni aufgestellt worden. Längst ist die Debatte darüber, ob es in Kiew nach viereinhalb Jahren Krieg genug Luftschutzkeller gibt, zur mit Abstand wichtigsten Thema geworden.

Russland will die ukrainische Flugabwehr-Munition erschöpfen

Das russische Kalkül dahinter ist klar: Die ukrainischen Vorräte an Patriot-Flugabwehrraketen soll erschöpft werden, damit die ukrainische Hauptstadt sich nicht gegen Angriffe wehren kann. "Russland verstärkt seine ballistischen Angriffe gezielt und setzt Ballistik in einem nie dagewesenen Ausmaß ein, um den akuten Mangel auszunutzen", konstatiert Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Laut Fedorow beschäftigt sich das ukrainische Verteidigungsministerium mit dem Einkauf von PAC-3-Raketen, die ab Anfang 2027 geliefert werden. Der Verkauf erfolgt in der Regel durch die USA über europäische Staaten.

Doch die Ukraine braucht diese Raketen schon jetzt. Daher appelliert Kiew an seine Partner, vorhandene Bestände zum schnellstmöglichen Zeitpunkt abzugeben und diese dann später wieder aufzufüllen. Aus ukrainischer Sicht ist dies das wichtigste Thema beim Nato-Gipfel in Ankara. Beim aktuellen Tempo könnte Russland die gesamte Infrastruktur der ukrainischen Hauptstadt zerstören, warnt Fedorows Berater Serhij Beskrestnow. Diese Warnung könnte indes leicht überdramatisch sein. Schließlich hatte die Ukraine im ersten Kriegsjahr 2022 gar keine Kapazitäten, um ballistische Raketen abzufangen - und nur begrenzte Möglichkeiten in anderen Bereichen.

Bilder für die Kriegsbefürworter zuhause

Und doch ist das Problem ernst. Einfache Lösungen gibt es nicht. Neben der Erschöpfung der Kiewer Flugabwehr verfolgt Russland zudem mit der aktuellen Beschusswelle ein paar Nebenziele. Am Rande der nahezu festgefahrenen Frontlage, der immer erfolgreicheren ukrainischen Angriffen gegen die russische Ölinfrastruktur und der logistischen Sackgasse rund um die Krim sollen die Bilder von Zerstörungen in Kiew wohl vor allem die Moral der überzeugten Kriegsbefürworter in Russland stärken.

Zum anderen liegt es auf der Hand, dass es im Großraum Kiew - der ukrainischen Region, die am besten mit Flugabwehr ausgestattet ist - Rüstungsobjekte gibt, deren Zerstörung für Russland von Interesse ist. Und schließlich hat bereits der vorige Winter gezeigt, dass Moskau im Rahmen des langen Zermürbungskrieges nicht das Ziel aufgibt, die ukrainische Hauptstadt unbewohnbar zu machen.

Obwohl die Lage in den schwierigen und kalten Wintermonaten tatsächlich kritisch war, hat dies nicht funktioniert. Der Kreml träumt weiter davon, dass die Ukrainer auf die Straße gehen und von Präsident Wolodymyr Selenskyj ein Ende des Kriegs um jeden Preis fordern. Das jedoch ist auch im fünften Kriegsjahr unverändert undenkbar.

Quelle: ntv.de

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