Politik

Mit Lügen nach Moskau gelocktRussland schickt Afrikaner als Kanonenfutter an die Front

26.02.2026, 17:11 Uhr Sim-IZO7016-2Von Simone Schlindwein, Kampala
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Caroline Mukiza zeigt ein Bild ihres Mannes, der offenbar in der Ukraine getötet wurde. (Foto: ISAAC KASAMANI)

Afrikaweit rekrutiert Russland Männer für seinen Krieg in der Ukraine. Mehr als 300 Afrikaner sind bereits an der Front gefallen. Die Familien zu Hause suchen verzweifelt nach Wegen, die Toten zu bergen, um sie wenigstens beerdigen zu können.

Caroline Mukiza trocknet ihre Tränen mit einem Taschentuch. Den ganzen Morgen hat die 42-jährige Uganderin in ihrer Kirche am nördlichen Stadtrand von Ugandas Hauptstadt Kampala gebetet und getrauert. Nun sitzt sie im Garten hinter dem steinernen Gebäude mit den bunten Glasfenstern und blickt auf den Friedhof hinab. "Was, wenn wir ihn nicht einmal beerdigen können?", fragt sie und schluchzt erneut in ihr Taschentuch.

Die ugandische Frau hat Ende Januar über die sozialen Medien erfahren, dass ihr Ehemann, Edson Kamwesigye, an der Front in der Ukraine ums Leben gekommen sei. Auf X, Tiktok und in zahlreichen Whatsapp-Gruppen zirkulierten Fotos von seiner halb verbrannten Leiche im Schnee. Bekannte hatten ihr diese Bilder letztlich zugesandt - der einzige Beweis, dass der 46-Jährige tatsächlich tot ist.

"Er ist im Dezember nach Moskau gereist", berichtet Mukiza im Gespräch. Er habe ein Jobangebot aus Russland erhalten, dort als Fahrer oder Wachmann arbeiten zu können. Bereits zuvor war der Vater zweier Kinder im Ausland stationiert gewesen. Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 hatten ugandische Sicherheitsfirmen zahlreiche gut ausgebildete Männer nach Afghanistan und später in den Irak entsandt, um dort US-Stützpunkte zu bewachen. Während der Corona-Pandemie war er nach Hause zurückgekehrt, so Mukiza. Seitdem habe er in Uganda als Taxifahrer gearbeitet - doch das Geld habe nie wirklich gereicht.

"Ich brauche eure Gebete"

"Er versprach mir, dass er in Russland wieder gut verdienen werde", sagt Mukiza. Doch sie hatte von vornherein "ein ungutes Gefühl", wie sie berichtet. "Er hat gesagt, er werde den Arbeitsvertrag erst in Moskau unterzeichnen." Von wem er den angeblichen Job vermittelt bekommen hatte und woher er das russische Visum und Geld für das Flugticket erhalten habe, das wisse sie nicht.

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Im Kampala trauert Caroline Mukiza um ihren Mann. (Foto: ISAAC KASAMANI)

Lange habe sie zunächst nichts von ihm gehört. "Am 15. Januar 2026 schrieb er: "Leute, ich brauche eure Gebete. Wir wurden gezwungen, Verträge für das Militär zu unterschreiben." Er habe ein kurzes Training absolviert und werde jetzt an die Front zum Kampfeinsatz geschickt, hatte er seiner Frau noch geschrieben. Seitdem war es still in seinem WhatsApp-Account, sagt Caroline Mukiza. Rund zehn Tage später erhielt sie die grausamen Bilder von seiner Leiche im Schnee.

Afrikaner überleben an der Front "nicht einen Monat lang"

Die Uganderin Mukiza ist mit diesem Schicksal nicht allein. Ob in Uganda, Kenia, Kamerun, Nigeria oder Südafrika - überall wurden arbeitslose Männer für angebliche Jobs in Russland rekrutiert, die letztlich vom russischen Militär an die Front geschickt wurden.

"Wir sehen ganz klar, dass Russland versucht, afrikanische Staatsbürger in einen tödlichen Krieg hineinzuziehen", sagte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha am Mittwoch: "Unseren Daten zufolge kämpfen derzeit über 1780 Bürger vom afrikanischen Kontinent in der russischen Armee." Sie stammen aus 36 afrikanischen Ländern, so Sybiha.

Bereits im November vergangenen Jahres hatte Sybiha die Regierungen in Afrika gewarnt, dass ihre jungen Rekruten in Massen an der Front sterben. "Einen Vertrag zu unterzeichnen, ist gleichbedeutend mit der Unterzeichnung eines Todesurteils", stellte er klar. Die meisten Afrikaner würden den Krieg in den russischen Reihen "nicht einen Monat lang überleben".

316 tote Afrikaner geborgen

Für Mukizas Ehemann und weitere kommen jegliche Warnungen zu spät. Die Namen von 316 gefallenen Afrikanern, deren Leichen vom ukrainischen Militär entlang der Frontlinien geborgen wurden, stehen auf einer 15-seitigen Liste, die vergangene Woche in einem Bericht des Recherche-Teams INPACT veröffentlicht wurde (pdf).

Das in der Schweiz ansässige Investigativ-Team hat 2021 die Nachrichtenplattform "All Eyes on Wagner" ins Leben gerufen, die die Aktivitäten der russischen Söldner der Gruppe Wagner in Afrika unter die Lupe nahm. Mittlerweile untersuchen sie russische Rekrutierungsnetzwerke auf dem Kontinent: Von Reiseagenturen, die für Afrikaner online Visa beantragen; über Job-Agenturen, die mit einer Vorab-Bezahlung von bis zu 20.000 Dollar locken, bis hin zu russisch-afrikanischen Partnerschaftsorganisationen, die über die sozialen Medien mit Studienplätzen in Russland locken: Die Methoden, die offenbar von russischen Geheimdiensten genutzt werden, arbeitslose Afrikaner anzulocken, sind vielfältig und von Land zu Land verschieden, so der Bericht.

Die Recherchegruppe kommt zu einem grausamen Schluss: Die meisten Afrikaner sterben innerhalb eines Monats, nachdem sie an der Front stationiert wurden. Sie dienen ausschließlich als "Kanonenfutter", so der Bericht. "Diese Netzwerke stellen eine organisierte Ausbeutung der afrikanischen Jugend dar - der Zukunft der betroffenen Länder -, die im Streben nach Chancen und Belohnungen enorme Risiken eingeht", stellt der Bericht klar: "Russland nutzt ihren Ehrgeiz und Verzweiflung aus, um die Reihen der russischen Armee in der Ukraine mit jungen afrikanischen Männern zu verstärken."

Über 1000 Kenianer rekrutiert

In einigen Ländern Afrikas sorgen diese Schicksale derzeit für einen Aufschrei. In Kenia haben sich betroffene Familien zusammengetan, um Druck auf die Regierung auszuüben: Sie haben Gedenkfeiern vor dem Parlament in der Hauptstadt Nairobi organisiert und Mahnwachen abgehalten.

Kenias Regierung hat eine interne Untersuchung in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse wurden in der vergangenen Woche im kenianischen Parlament vorgestellt. Demnach wurden bereits 1000 Kenianer rekrutiert, 89 sind derzeit an der Front im Einsatz, 39 liegen verletzt in Militärkrankenhäusern, 28 werden vermisst und sind vermutlich tot. Kenias Außenminister Musalia Mudavadi nannte die Praxis "inakzeptabel" und erklärte, er werde im März nach Moskau reisen und die russische Regierung "dringend auffordern, ein Abkommen zu unterzeichnen, das die Einberufung kenianischer Soldaten verbietet". Er versprach den Familien, bei der Rückholung der Verwundeten und Leichen behilflich zu sein. Russlands Botschaft in Kenia streitet in einer Erklärung alles ab, bezeichnet die Hilferufe der Familien als pure "Propaganda".

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa bedankte sich öffentlich am Dienstag bei seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin. Mit dessen Hilfe sei es gelungen, 17 Südafrikaner nach Hause zu holen. Vier waren bereits vergangene Woche nach Hause zurückgekehrt, weitere elf Südafrikaner würden dieser Tage aus Russland ausgeflogen.

Keine Antwort aus der Botschaft

In Uganda verfolgt Caroline Mukiza diese Ereignisse genau. Die Witwe wünscht sich, Ugandas Regierung würde dem kenianischen Beispiel folgen. Doch Uganda unterhält freundschaftliche Beziehungen zu Russland, arbeitet auch eng mit dem russischen Militär zusammen. Nicht einmal die Toten will die Regierung in Kampala nach Hause holen. "Uganda hat keine Kapazitäten, die Leichen von denjenigen zurückzuholen, die im Ausland sterben", sagte Außenminister Okello Oryem lokalen Medien. "Diese Agenten, die die Leute rekrutieren, sind für deren Gesundheit verantwortlich, ebenso wie für die Rückholung der Leiche, wenn jemand stirbt."

"Ich fühle mich so hilflos", seufzt Mukiza und zückt einen Brief, den sie an die russische Botschaft in Kampala geschrieben hat. Darin bittet sie um Unterstützung, damit die Familie ihren Mann "nach unserer Kultur und Familientradition beisetzen" kann. Eine Antwort hat sie bis heute nicht bekommen.

Quelle: ntv.de

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