Politik

Angriff vor den NATO-Toren Russland spielt endgültig mit dem Feuer

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Ein Bild der Verwüstung: die Militärbasis Jaworiw im Westen der Ukraine.

(Foto: @BackAndAlive via REUTERS)

Am Wochenende schlagen russische Raketen nur 20 Kilometer vor der polnischen Grenze ein. Das heißt: 20 Kilometer vor NATO-Gebiet. Getroffen wird eine Militärbasis, doch auch die nahe gelegene Stadt Lwiw scheint in Gefahr. Es droht die nächste Eskalationsstufe in dem Konflikt.

Charkiw, Mariupol oder aber natürlich Kiew - bis vor Kurzem dürften viele dieser Städte den meisten so gar nichts gesagt haben. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine allerdings sind sie in aller Munde. Was sie eint: Sie alle befinden sich im Osten des überfallenen Landes. Und so nah der Krieg mit der Bombardierung, Einkesselung und Zerstörung dieser Städte auch bis zu uns gekommen zu sein scheint, so weit weg muten die bisherigen Ziele des russischen Eroberungsfeldzugs dann irgendwie doch wieder an.

Wie nah der Krieg aber nun tatsächlich ist, dürfte spätestens am Wochenende allen klar geworden sein. Am Sonntagmorgen schlugen erstmals russische Raketen auch nahe Lwiw ein, tief im Westen der Ukraine. Das Stadtzentrum befindet sich Luftlinie gerade mal 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Das heißt: 80 Kilometer vor NATO-Gebiet.

Ziel der ersten russischen Attacke in der Region war jedoch nicht die Stadt selbst. Stattdessen schlugen die Marschflugkörper in der Militärbasis Jaworiw ein, auf der auch ein sogenanntes "Internationales Zentrum für den Friedenserhalt und Sicherheit" untergebracht ist. Die Basis befindet sich sogar noch ein ganzes Stück weiter im Westen, keine 20 Kilometer vor den Toren Polens.

Rot gefärbter Himmel

Der Himmel habe sich rot gefärbt, als sich die Geschosse näherten, werden Augenzeugen zitiert. Ukrainische Behörden sprechen von mehr als 30 Raketen, die eingeschlagen seien. In anderen Quellen ist von acht Marschflugkörpern die Rede.

Der Kreml macht aus dem Angriff keinen Hehl. Im Gegenteil. Mit Igor Konaschenkow nahm der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums dazu unmittelbar Stellung. "Am Morgen des 13. März haben hochpräzise Langstreckenwaffen die Trainingseinrichtungen der ukrainischen Streitkräfte in der Ortschaft Starytschi und auf der Militärbasis Jaworiw attackiert", bestätigte er den Angriff. Das 3400 Einwohner zählende Dorf Starytschi liegt nur wenige Kilometer südwestlich von Jaworiw.

Über das Motiv des Bombardements wird seither fleißig spekuliert. Und es ist wahrscheinlich, dass nicht nur eine Annahme zutrifft. Für die ukrainische Bevölkerung sei es das Signal, dass sie sich wirklich nirgends mehr in Sicherheit wähnen könne, heißt es. Doch auch in Richtung der NATO werde ein Zeichen gesetzt: Beim Kampf um die gesamte Ukraine schreckt Russland nicht davor zurück, den Krieg wirklich bis direkt an die Grenze zum Bündnisgebiet auszudehnen. Oder womöglich sogar darüber hinaus?

NATO betont Beistandsverpflichtung

Konaschenkows Aussage, man habe den Angriff mit "hochpräzisen" Waffen verübt, könnte als Hinweis darauf gedeutet werden, dass sich Russland über die Brisanz dieser Operation durchaus bewusst ist. Beruhigen mag dies freilich nur bedingt. Bei aller technischen Perfektion bleibt die Gefahr eines Mangels, Irrläufers oder aber menschlichen Fehlers doch stets bestehen. So nah am NATO-Gebiet Raketen einzusetzen, ist auf jeden Fall eins: ein Spiel mit dem Feuer.

Das wird wohl auch in den USA so gesehen. "Ein bewaffneter Angriff gegen einen wird wie ein bewaffneter Angriff auf alle bewertet", unterstrich Pentagon-Sprecher John Kirby noch einmal den Zusammenhalt der NATO, ohne dabei allerdings explizit auf die russische Operation nahe Lwiw einzugehen. Auch Jake Sullivan, Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, sah sich zur Wiederholung der Floskel genötigt, man werde "jeden Zentimeter des NATO-Gebiets verteidigen".

Das Motiv für die Attacke aus russischer Sicht brachte unterdessen Konaschenkow in seinem Statement auf den Punkt. Die Militärbasis Jaworiw habe als Waffenlager, Umschlagplatz für ausländische Waffenlieferungen und Einfallstor ausländischer Söldner in die Ukraine gedient, erklärte er. Viele von ausländischen Staaten gelieferte Waffen seien zerstört und bis zu 180 Söldner getötet worden. Und der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums betonte, dass dies womöglich nicht der letzte Angriff dieser Art gewesen sei: "Die Vernichtung ausländischer Söldner, die auf dem Gebiet der Ukraine ankommen, wird weitergehen."

Niederländische Opfer

Die tatsächliche Zahl der Toten bei dem Angriff konnte bislang nicht verifiziert werden. Von ukrainischer Seite hieß es, es gebe 35 Opfer und weit über 100 Verletzte. Klar ist in jedem Fall, dass es sich um einen massiven Schlag handelte. Davon zeugen auch die Bilder der Zerstörung, die im Anschluss die Runde machten.

An der Behauptung, Jaworiw habe unter anderem als Sammelpunkt freiwilliger Kämpfer für die Ukraine aus anderen Ländern gedient, scheint durchaus etwas dran zu sein. Darauf deuten etwa Aussagen aus den Niederlanden hin. So melden die Zeitungen "De Telegraaf" und "AD" unter Berufung auf den Koordinator der niederländischen Freiwilligeneinsätze, Gert Snitselaar, es gebe definitiv niederländische Staatsbürger unter den Opfern. "Ich hatte mit einigen Freiwilligen auf der Basis am Morgen Kontakt via WhatsApp, die mir berichteten, es gebe auch unter den Verwundeten Niederländer", wurde Snitselaar von "De Telegraaf" zitiert.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unterdessen unter Berufung auf einen ukrainischen Behördenvertreter, Jaworiw habe eine zentrale Rolle bei der Rekrutierung freiwilliger Kämpfer aus dem Ausland gespielt. "Sie landen alle in Jaworiw, ehe sie von dort auf die Einsatzbereiche verteilt werden", wird mit Roman Shepelyak der Chef der Abteilung für Internationale technische Unterstützung und Internationale Zusammenarbeit in der Region Lwiw zitiert.

Der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow wollte in einem Tweet dagegen nicht von Kämpfern aus dem Ausland sprechen. "Ausländische Ausbilder arbeiten hier", lautete dagegen seine Darstellung, die sich jedoch vermutlich eher auf die Vergangenheit als den Ist-Zustand bezog. Denn dass die Ukraine und andere westliche Staaten schon früher auf dem Areal zusammengearbeitet haben, ist unstrittig. So war die Militärbasis in Jaworiw vor dem Krieg nicht nur ein Trainingsgelände der ukrainischen Streitkräfte, hier fanden im Rahmen des "Partnerschaft für den Frieden"-Programms der NATO auch gemeinsame Übungen mit dem Bündnis statt. Mit dem Angriff Russlands ist dies allerdings passé. "Es gibt kein NATO-Personal in der Ukraine", zitiert Reuters einen namentlich nicht genannten Sprecher der Allianz auf die Frage, ob denn noch NATO-Kräfte dort seien.

Lwiws bewegte Geschichte

In der nahe gelegenen Stadt Lwiw wurde inzwischen zwar bereits mehrfach Luftalarm ausgelöst. Von direktem Beschuss der russischen Truppen wurde sie bislang allerdings verschont. Die Stadt hat eine bewegte Geschichte hinter sich, in der sie bereits ebenso zu Polen gehörte wie als Lemberg zum österreichischen Reich der Habsburger. Im Zweiten Weltkrieg fiel sie im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts zunächst an die Sowjetunion, ehe sie zu Beginn des deutschen Russland-Feldzugs 1941 von der Wehrmacht eingenommen wurde. Nach der Niederlage Nazi-Deutschlands und dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam sie erneut unter sowjetische Herrschaft, um ab 1991 schließlich Teil der unabhängigen Ukraine zu sein.

Die Altstadt von Lwiw mit zahlreichen historischen Bauten ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. 2012 fanden in der Stadt drei Spiele der Fußball-Europameisterschaft statt. Mit knapp 730.000 Einwohnern - und damit 300.000 mehr als etwa das mittlerweile komplett zerstörte Mariupol - ist es die siebtgrößte Stadt der Ukraine. Aktuell hat Lwiw auch noch eine andere traurige Bedeutung. Schließlich geht es hier nicht nur in die Ukraine rein, sondern auch aus ihr raus. Dementsprechend ist die Stadt seit Beginn des Krieges zum Auffangbecken für unzählige Flüchtlinge geworden.

Allein deshalb wäre es ein weiterer trauriger Höhepunkt im Drama um die Ukraine, sollte auch Lwiw demnächst Ziel massiver russischer Angriffe werden. Und sollten Putins Truppen hier ähnlich schonungslos wie in den ostukrainischen Städten zuschlagen, hätte die NATO die Gräuel nicht mehr "nur" vor der Tür, sondern wirklich direkt auf der Türschwelle. Die Spirale der Eskalation hätte sich noch einmal bedrohlich weiter gedreht.

Quelle: ntv.de

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