Politik
Saudische Soldaten im Grenzgebiet zum Jemen.
Saudische Soldaten im Grenzgebiet zum Jemen.(Foto: AP)
Mittwoch, 22. April 2015

Will Iran Sanaa und Riad übernehmen?: Saudi-Arabien zeigt im Jemen seine Angst

Von Nora Schareika

Ab sofort gilt Operation "Wiederherstellung der Hoffnung" im Jemen. Ein Ende der Luftangriffe und der Kämpfe bedeutet das aber nicht. Saudi-Arabien hat mit dem vierwöchigen Krieg vor allem gezeigt, wie sehr es sich in die Enge getrieben fühlt.

Syrien, Libyen, Irak – und jetzt auch noch Jemen. Das Land gehört seit beinahe einem Monat zu den Schlachtfeldern der arabischen Welt, auf denen sich eine Anzahl von Mächten tummelt, denen es überhaupt nicht um diesen Flecken Erde geht. Der aktuelle Krieg im Jemen hat eine längere Vorgeschichte. Doch nachdem Saudi-Arabien mit einer breiten Koalition aus arabischen und anderen islamischen Staaten das Land bombardiert hat, hat dieser Konflikt eine viel gefährlichere Dimension erreicht.

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Ganz direkt gilt das für die ohnehin von humanitären Problemen geplagte Zivilbevölkerung. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind bis Ende vergangener Woche 944 Menschen getötet und fast 3500 verletzt worden. Die UN-Behörde schränkte aber ein: Vermutlich sind es viel mehr Opfer. Nach knapp vier Wochen hat Saudi-Arabien zwar nun das Ende der Operation "Sturm der Entschlossenheit" erklärt. Ein Ende des Krieges bedeutet das aber noch nicht, denn die neue Operation "Wiederherstellung der Hoffnung" beinhaltet ausdrücklich militärische Mittel, die aktuellen Berichten zufolge auch weiterhin zum Einsatz kommen.

Neben dem zivilen Leid trägt der Jemen-Konflikt unkalkulierbare Risiken für die ganze Region. In ihm steckt das Potenzial, die bislang mit ihren wohlstandsverwöhnten Ölstaaten stabile arabische Halbinsel noch tiefer in den Strudel der arabischen Jahrhundertkrise zu ziehen. Im Jemen-Konflikt sind alle Probleme der Region vereinigt:

  • Der weiter eskalierende Wettstreit zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um die regionale Vorherrschaft.
  • Der dadurch künstlich befeuerte Glaubenshass zwischen Sunniten und Schiiten.
  • Die Erosion der letzten staatlichen Strukturen in einem Land, in dem statistisch gesehen jeder Mann mehr als eine Schusswaffe zur Verfügung hat.
  • Der Vormarsch von Dschihadisten - auch im Jemen in Gestalt von Al-Kaida und dem Islamischen Staat - in das neue Machtvakuum hinein.
  • Vertreibung, Flucht und Verelendung der Bevölkerung.
  • Der Konflikt zwischen "dem Westen" und Russland, die jeweils widerstreitende Parteien unterstützen, insgesamt aber rat- und konzeptlos sind.

Die Stärke des Iran sorgt für Panik

In einer Straße in Sanaa ist ein Artilleriegeschoss eingeschlagen. Jungen staunen, wie tief es in den Straßenbelag eingedrungen ist.
In einer Straße in Sanaa ist ein Artilleriegeschoss eingeschlagen. Jungen staunen, wie tief es in den Straßenbelag eingedrungen ist.(Foto: REUTERS)

Das sunnitische Saudi-Arabien gibt sich mit der unverhältnismäßig harten Aktion eine Blöße. Offiziell soll damit die Rebellenorganisation der schiitischen Huthis in die Schranken gewiesen werden, die vom Norden Jemens aus große Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht hat. Doch wenn es nur die Huthi-Milizen wären, die sich selbst eigentlich Ansar Allah (Unterstützer Gottes) nennen. Ein Auslöser, der die Saudis ein halbes Jahr nach der Machtergreifung der Huthis in Sanaa zu ihrer Militäraktion verleitete, war offenbar ein aus dem Iran kolportiertes Zitat: Demnach soll es in Teheran Pläne für die Eroberung der saudischen Hauptstadt Riad geben, frei nach dem Motto "erst Beirut, dann Damaskus und Bagdad, anschließend Sanaa und schließlich Riad".

Allerdings liegen die Dinge im Jemen anders als im Libanon, in Syrien oder im Irak: Experten vermuten, dass der Iran die Huthi-Miliz möglicherweise finanziell unterstützt, von einer regelrechten Kontrolle wie bei der Hisbollah oder schiitischen Milizen im Irak kann aber keine Rede sein. Auch die Präsenz iranischer Brigaden in Syrien wird Fachleuten zufolge überschätzt.

Saudi-Arabien will keine direkte Konfrontation mit dem Iran. Diplomaten drücken es so aus: Man hoffe, dass es nicht zu einer Eskalation im Nahen Osten komme, heißt es aus Riad. Doch die iranische "Einmischung" in die Staaten der Region wolle man nicht weiter dulden. Ebensowenig die provokativen Grenzübertritte von Huthis auf saudisches Gebiet aus dem Norden des Jemen.

Saudischer "Marschallplan" für den Jemen

Die Machtergreifung der Huthis, die aus der Gebirgsregion zwischen Jemen und Saudi-Arabien stammen, war geschickt. Sie sind Zaiditen, eine Untergruppe der Schiiten, die es nur im Jemen gibt. Sie begründeten ihren Putsch damit, dass sie von der amtierenden Hadi-Regierung von jeglicher Macht ausgeschlossen worden seien. Der Siegeszug der Rebellenorganisation der Huthis ist natürlich kaum geeignet, den Jemen zu stabilisieren. Dennoch ist ihr Rückhalt in der Bevölkerung - zumal nach der saudischen Militäroperation - beträchtlich.

Die saudische Führung sieht die Huthis nicht nur als Vorhut Irans, sondern auch als Agenten des 2012 gestürzten Präsidenten Ali Abdullah Salih, der selbst Zaidit (aber nicht vom Stamme der Huthis) ist und dem sie inzwischen zutiefst misstraut. Salih führte jahrelang selbst Krieg gegen die Huthis und sorgte auch im Interesse der Saudis im Jemen für eine Ordnung, indem er geschickt zwischen den vielen Stämmen und deren Partikularinteressen moderierte. Salih wurde nach seiner Flucht 2012 von Saudi-Arabien aufgenommen, doch nun ist das Verhältnis zerrüttet. Der Ex-Präsident wird als Opportunist gesehen, dem jede Koalition recht ist, um wieder selbst an die Macht zu kommen.

Die Saudis jedenfalls behaupten von sich: Wir wollen keinen Krieg, niemand will den Jemen übernehmen. Man sei gezwungen gewesen, einzugreifen. Ihr Handeln deutet allerdings auf etwas anderes hin. Diplomaten zufolge liegt eine Art Marschallplan bereit, um den Jemen über 25 Jahre hinweg wirtschaftlich aufzubauen. Ohne Bedingungen wird dieses Milliardenprojekt wohl kaum Wirklichkeit.

Quelle: n-tv.de