Politik

Die Todesfahrt der "Yamato" 1945Aus Verzweiflung opferte Japan seinen schwimmenden Riesen

07.04.2026, 09:31 Uhr WZ-Reporter-Janis-peitsch-am-18-Oktober-2017Von Janis Peitsch
00:00 / 07:28
Original-Caption-The-Japanese-battleship-Yamato-40-000-ton-warship-flees-from-bombs-and-torpedoes-of-attacking-U-S-Pacific-Fleet-carrier-planes-Fires-can-be-seen-amid-ships-and-a-near-miss-explodes-off-port-bow-During-the-engagement-the-ship-was-sunk-along-with-two-cruisers-and-three-destroyers
Die "Yamato" im Feuer amerikanischer Trägerflugzeuge kurz vor ihrer Versenkung am 7. April 1945. (Foto: Bettmann Archive)

Als die "Yamato" in Dienst gestellt wird, ist sie das größte Schlachtschiff der Welt. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs schickt Japans Militärführung den Koloss auf ein aussichtsloses Himmelfahrtskommando. Im Frühjahr 1945 versinkt das Schiff, zusammen mit einem Großteil der Besatzung.

Mit einer Geschwindigkeit von rund 20 Knoten pflügt die "Yamato" durch die raue See des Ostchinesischen Meeres. Ihr Ziel ist Okinawa, wo eine mächtige US-Armada die Invasion der Insel absichert. Das Schlachtschiff ist der Stolz der kaiserlichen Marine Japans - ein Stahlkoloss, bewaffnet mit den größten Marinegeschützen der Geschichte. Ihr Auftrag klingt ebenso kühn wie selbstmörderisch: die Landungsschiffe der Amerikaner angreifen, sich vor Okinawa auf Grund setzen und bis zum letzten Mann kämpfen.

Doch so weit kommt es nicht. Am Mittag des 7. April 1945 befindet sich die "Yamato" noch Hunderte Kilometer von der Insel entfernt, als am bewölkten Himmel dunkle Punkte erscheinen. Flugzeuge der US-Navy haben das Flaggschiff Nippons im Visier.

"Die 'Yamato' war das Aushängeschild der japanischen Marine", sagt der Japan-Historiker Takuma Melber von der Universität Heidelberg im Gespräch mit ntv.de. "Ihr letzter Einsatz war eine Verzweiflungstat und markiert den Untergang der kaiserlichen Flotte sowie das Ende der Schlachtschiff-Ära."

"Ausmaße waren Fluch und Segen zugleich"

Die Geschichte der "Yamato" ist eng mit Japans Aufstieg zur imperialen Großmacht verknüpft. Der Sieg im Russisch-Japanischen Krieg verschafft Tokio Anfang des 20. Jahrhunderts internationales Gewicht. Eroberungen in Korea und die Besetzung deutscher Kolonien in Fernost im Ersten Weltkrieg stärken das Selbstbewusstsein und befeuern den Expansionskurs. In den frühen 30er Jahren verlässt das Kaiserreich den Völkerbund und kündigt die Flottenverträge von Washington und London: Der Weg für ein neues Wettrüsten ist frei.

Japan sieht in den USA den entscheidenden Kontrahenten im Pazifik. Da die eigene Industrie mit den amerikanischen Werften nicht mithalten kann, sollen wenige überlegene Schlachtschiffe die zahlenmäßige Unterlegenheit ausgleichen. So beginnt die Planung der Yamato-Klasse, die alles in den Schatten stellen soll. "'Yamato' war der historische Name für Japan selbst", so Melber. "Das Schiff sollte die Nation verkörpern - mit ihren Idealen von Ehre, Pflicht und Opferbereitschaft."

Ursprünglich sind fünf Schlachtschiffe der Yamato-Klasse geplant. Gebaut werden am Ende nur zwei: die "Yamato" und ihr Schwesterschiff "Musashi". Ein drittes wird Schiff als Flugzeugträger fertiggestellt. Im November 1937 beginnen unter größter Geheimhaltung die Arbeiten auf der Marinewerft in Kure.

Das Ergebnis sprengt alle Dimensionen. Die Hauptartillerie in Form von neun 46-Zentimeter-Geschützen sucht weltweit ihresgleichen. Eine Granate wiegt gut 1,5 Tonnen, so viel wie ein durchschnittlicher Pkw. Mit einer Länge von 263 Metern und einer Wasserverdrängung von 72.000 Tonnen sind die "Yamato" und die "Musashi" die größten und schwersten Schlachtschiffe der Welt. Auch die Panzerung der Giganten sprengt Rekorde: An den Geschütztürmen ist der Stahl bis zu 65 Zentimeter dick. "Die Ausmaße waren Fluch und Segen zugleich", sagt der deutsch-japanische Historiker Melber. "Die Panzerung machte die Schiffe schwerfällig und ihre Größe sie zu leichten Zielen. Die eigentliche Schwachstelle war aber die völlig unzureichende Flugabwehr."

Warten auf die Entscheidungsschlacht

Am 16. Dezember 1941 wird die "Yamato" heimlich in Dienst gestellt. Doch die goldene Zeit der Schlachtschiffe ist vorbei. Nur wenige Tage zuvor zeigt Japans Angriff auf die US-Basis Pearl Harbor, dass nun Flugzeugträger den Seekrieg dominieren. In den folgenden Monaten fristet die "Yamato" ihr Dasein als Kommandozentrale und Truppentransporter. An der Front setzt die Marine auf schnellere Einheiten, die besser mit Flugzeugträgern operieren. Die "Yamato" bleibt in Reserve, für eine Entscheidungsschlacht, die nie kommt.

Anzeige
Pearl Harbor: Japans Angriff und der Kriegseintritt der USA (Beck Paperback)
85
16,95 €

Erst im Oktober 1944 lässt die "Yamato" ihre Geschütze zum ersten und einzigen Mal gegen feindliche Schiffe sprechen. Im Golf von Leyte erzielt sie Treffer, während amerikanische Flugzeuge die "Musashi" versenken. Für Japan endet die größte See- und Luftschlacht aller Zeiten in einer katastrophalen Niederlage.

Wenige Monate später nähern sich die Amerikaner Okinawa, der letzten Bastion vor den japanischen Hauptinseln. Mit dem Rücken zur Wand schickt Tokio die Reste seiner Flotte in den Kampf. Am 6. April 1945 läuft die "Yamato" mit acht Zerstörern und einem leichten Kreuzer aus. "Wir erwarten von jeder Einheit und von jedem Mann, dass der Feind in einem begeisternden Kampf vernichtet wird", gibt die Marineführung an die Besatzungen aus. "Das Schicksal unserer Nation hängt von dieser Unternehmung ab." Tatsächlich ist es ein Himmelfahrtskommando. Der zugeteilte Treibstoff der "Yamato" reicht nicht für eine Rückfahrt.

Anzeige
Japanische Schlachtschiffe: Grosskampfschiffe 1905-1945
120
19,95 €

"Japan wollte den Kampf um Okinawa so verlustreich wie möglich gestalten", betont Melber. "Die Devise lautete: Sieg oder Untergang. Dafür sollte die 'Yamato' vor Okinawa als schwimmende Festung dienen, die Besatzung später an Land weiterkämpfen."

Doch kurz nach dem Auslaufen entdeckt ein amerikanischer Aufklärer den Verband. Am nächsten Morgen greifen mehr als 300 trägergestützte US-Flugzeuge an. Welle um Welle stürzen sich die Maschinen auf den Riesen. Bomben und Torpedos reißen immer neue Löcher in den Rumpf. Um 14.23 Uhr erschüttert eine gewaltige Explosion das Schlachtschiff, dann sinkt die "Yamato". Von 3332 Besatzungsmitgliedern überleben nur 269. Vier Begleitschiffe gehen ebenfalls verloren. Die Verluste der Amerikaner sind mit zwölf Toten und zehn Flugzeugen vergleichsweise gering.

Wenige Wochen nach dem Untergang der "Yamato" fällt Okinawa, kurz darauf kapituliert das Kaiserreich bedingungslos. Der Opfergang des Schlachtschiffes bleibt militärisch wirkungslos. Mit der "Yamato" versinken in den Fluten des Pazifiks das Symbol von Japans maritimer Macht und die Illusion, den Krieg doch noch wenden zu können.

Quelle: ntv.de

JapanZweiter Weltkrieg