Politik

Terror in Katalonien Schockierend, aber unausweichlich

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Nach dem Terroranschlag in Barcelona und dem vereitelten Anschlagsversuch in Cambrils bleibt die Terrorwarnstufe in ganz Spanien auf der zweithöchsten Stufe.

(Foto: dpa)

Lange Zeit bleibt Spanien verschont. Keine politischen Unruhen oder gar Terroranschläge. 13 Jahre nach dem letzten islamistisch motivierten Attentat in Madrid hat der Terror Spanien wieder eingeholt. Anzeichen gab es viele.

Was für die Amerikaner 9/11 ist, der 11. September 2001, das ist für die Spanier once marzo, der 11. März 2004, die Zuganschläge in Madrid. Seither hatte das Land scheinbar Ruhe - 13 Jahre ohne islamistische Attentate. Und nun Barcelona.

Ein Anschlag war lange angekündigt. Das Land befindet sich seit geraumer Zeit im Visier islamistischer Terroristen. Die spanischen Sicherheitskräfte haben in jüngster Zeit bereits mehrere Terrorpläne vereitelt: alleine in diesem Jahr durch zahlreiche Festnahmen auf Mallorca, auf den Kanaren und dem spanischen Festland. Ein Anschlag sollte offenbar die Metro von Barcelona treffen.

Spanien ist für islamistische Terroristen ein lohnendes Ziel. Mit ihren Anschlägen wollen sie nicht nur Schlagzeilen in den Medien hervorbringen, sondern auch wirtschaftlichen Schaden anrichten. 80 Millionen Touristen werden dieses Jahr erwartet, elf Millionen allein in Barcelona. Ähnlich wie London, Paris oder Berlin ist die katalanische Kulturmetropole am Mittelmeer unter Touristen sehr angesagt. Dass der Anschlag  auf dem beliebten Boulevard Las Ramblas geschah und damit Cafébesucher, Straßenkünstler und jede Menge Touristen traf, verstärkt den emotionalen Schock.

Ob Istanbul, London, Nizza, Paris oder Berlin: Angesichts der vielen Terrorattacken der vergangenen Jahre haben manche schon verdrängt, dass einer der blutigsten Anschläge Europas sich am 11. März 2004 in Spanien ereignete. Damals zündeten islamistische Attentäter Bomben in vier Madrider Vorortszügen und töteten fast 200 Menschen, über 1800 weitere wurden verletzt.

Das hatte Folgen: Die neugewählte sozialistische Regierung stockte die Spezialeinheiten gegen den islamistischen Terror auf. Umfasste die spanische Terrorabwehr vor 15 Jahren noch 150 Mann, zählt sie der Zeitung "El Pais" zufolge heute rund 3000 Sicherheitskräfte, Ermittler und Analysten. Gleichzeitig zog Spanien seine Truppen aus dem Irakkrieg ab. Seitdem vermied es das Land, im Krieg allzu viele Aggressionen auf sich zu ziehen. Und anders als andere europäische Länder verkündete Spanien 2015, sich nicht an den Luftschlägen der westlichen Alliierten in Syrien zu beteiligen. Tatsachen, die viele in Sachen Terror als risikomindernd ansahen - und irrten.

"Es gab genügend Hinweise"

In einem vor wenigen Wochen erschienenen Artikel kam "El Pais" zu dem Schluss, dass ein neuer Anschlag unausweichlich sei. Dem spanischen Innenministerium zufolge wurden seit Juni 2015, als die Terrorgefahr auf die vierte von fünf möglichen Stufen angehoben wurde, mehr als 180 "dschihadistische Terroristen" festgenommen.

"Es gab genügend Hinweise, dass Spanien unter den Top-Zielen des Islamischen Staates ist", sagt der US-Terror-Experte Michael S. Smith gegenüber "Newsweek". Es gebe etwa spanische Versionen von IS-Propagandamaterial, die den Rückhalt für die Dschihadisten in Spanien und anderen spanischsprachigen Ländern stärken sollen.

Auch deshalb waren Polizei und Geheimdienste gewarnt. Zuletzt nahm die spanische Polizei Ende Juni in Palma de Mallorca vier Personen wegen Verbindungen zum IS fest. In einer europaweit koordinierten Aktion wurden in Dortmund ein weiterer Spanier und in Birmingham ein salafistischer Imam verhaftet, der offenbar an der Spitze der Zelle stand. Behördenangaben zufolge hatten sie Videos hergestellt, die den Dschihad verherrlichten, und versucht, neue IS-Anhänger anzuwerben. Kurz zuvor hatte die spanische Polizei drei als "extrem gefährlich" eingestufte Männer festgenommen.

Noch ist nicht viel über die mutmaßlichen Täter von Barcelona bekannt. Fest steht: Die Anziehungskraft der Dschihadisten aus dem selbsternannten Kalifat ergriff Spanien wie den Rest Europas. Und mehr noch: Spanien spielt in der Weltsicht der Terroristen eine nostalgische Rolle. Immerhin stand die iberische Halbinsel einst zu großen Teilen unter islamischer Herrschaft, die Rückeroberung des einstmals arabischen Al-Andalus hatte bereits Al-Kaida im Programm.

Quelle: ntv.de