Politik

Brexit und Corona als Spaltpilze Schotten rücken vom Königreich ab

imago0104609903h.jpg

Gewichtige Unterstützung: Unabhängigkeitsdemonstration in Glasgow am 17. September.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

20.000 neue Infektionen mit dem Coronavirus an einem Tag, holprige Brexit-Verhandlungen mit der EU: Der britische Premier Johnson macht derzeit überhaupt keine gute Figur. Fast 60 Prozent der Schotten sind inzwischen für einen Exit aus dem Vereinigten Königreich.

Die Unterstützung in der schottischen Bevölkerung für eine Unabhängigkeit von Großbritannien ist auf einen Rekordwert gestiegen. In einer gerade veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos Mori sprachen sich 58 Prozent der Befragten für die Unabhängigkeit aus. Die Befragung ergab auch eine starke Unterstützung für die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon und ihre Schottische Nationalpartei (SNP).

Für die Umfrage wurden Anfang Oktober 1045 Schotten ab 16 Jahren befragt. Demnach sind rund 72 Prozent mit der Arbeit von Sturgeon zufrieden. Sie erhielt vor allem für ihren Umgang mit der Corona-Krise breite Zustimmung aus der Bevölkerung. Sollte Sturgeons Partei bei der schottischen Parlamentswahl im kommenden Jahr die Mehrheit erhalten, erhöhe das auch die Wahrscheinlichkeit eines neuen Unabhängigkeitsreferendums, sagte Institutsdirektorin Emily Gray.

Der britische Premierminister Boris Johnson hatte wiederholt ausgeschlossen, die Befugnisse für die Organisation eines Referendums auf die Regionalregierung in Schottland zu übertragen. Bei der letzten Abstimmung im Jahr 2014 hatten 55 Prozent der Schotten für einen Verbleib in Großbritannien gestimmt. Die SNP argumentiert jedoch, dass angesichts des Brexits eine neue Abstimmung nötig sei, da sich 2016 eine Mehrheit der Schotten für einen Verbleib in der EU ausgesprochen hatte.

20.000 neue Fälle: Kritik an Johnsons Corona-Strategie

Nicht nur der Brexit, sondern auch die Corona-Krise dürfte die Absetzbewegungen der Schotten verstärken. Jeder Landesteil in Großbritannien mit seinen insgesamt fast 67 Millionen Einwohnern entscheidet über seine eigenen Maßnahmen gegen die Pandemie. In England gilt seit Mittwoch ein dreistufiges System, das die Maßnahmen nach dem Risikograd - mittel, hoch oder sehr hoch - einstuft. Damit wollte Johnson die Kriterien vereinheitlichen. Kritiker bezeichnen sein Vorgehen jedoch als unzureichend. Das wissenschaftliche Beratergremium Sage hatte der Regierung schon vor Wochen einen landesweiten Lockdown empfohlen.

Knapp 20.000 Menschen in Großbritannien haben sich innerhalb von 24 Stunden nachweislich mit dem Coronavirus angesteckt. Das entspricht einem Anstieg von etwa 2500 im Vergleich zum Vortag. 137 Menschen sind an einer Covid-19-Erkrankung gestorben, wie die Gesundheitsbehörden mitteilten. Besonders stark betroffen von der Pandemie sind der Norden Englands, Nordirland, Schottland und Teile von Wales. Die tatsächliche Zahl der Neuinfektionen dürfte aber noch höher liegen, da nicht genügend Tests zur Verfügung stehen.

Quelle: ntv.de, mau/AFP