Politik

15. Jahrestag der Elefantenrunde Schröders peinliches Ende, Merkels Anfang

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Schröder grinste, aber Merkel wurde Kanzlerin.

(Foto: picture alliance / ZDF/Jürgen_De)

Heute vor 15 Jahren fand die Bundestagswahl statt, die Angela Merkel für eine ungeahnt lange Zeit ins Kanzleramt brachte. Das Ergebnis war eine Niederlage für die CDU-Vorsitzende - und Anlass für einen unfassbar breitbeinigen Auftritt eines bockigen Amtsinhabers.

Es ist eine ihrer schwersten Niederlagen. Mit nur 35,2 Prozent landet die Union gerade einmal mit einem Prozentpunkt Vorsprung vor der bis dahin regierenden SPD von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Für die 51-jährige Angela Merkel, die in CDU und CSU ohnehin umstritten ist, ein niederschmetterndes Resultat. Das Ziel lautete eigentlich 40-Prozent-plus-X, derart lagen die Sozialdemokraten im Zuge der Hartz-IV-Reformen am Boden. Am Montag nach der Wahl ist keinesfalls sicher, ob Merkel, Spitzenkandidatin der Union, tatsächlich Kanzlerin werden würde.

Dass sie es wurde, ist auch einem bis heute unvergessenen Auftritt des zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden Bundeskanzlers in der sogenannten Elefantenrunde geschuldet. Im Talk mit den Spitzenkandidaten und Parteivorsitzenden von CDU, CSU, SPD, FDP, Grünen und Linkspartei/PDS macht Schröder gar keine Anstalten, von seinem Amt zu lassen. Schon gar nicht will er hinnehmen, dass ausgerechnet die SPD Merkels Steigbügelhalter werden soll. "Sie wird keine Große Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen. Machen Sie sich da gar nichts vor", stellt Schröder klar.

"Voll von Testosteron"

Der Kanzler ist sichtlich im Überschwang seines überraschend starken Wahlergebnisses, nachdem Umfragen die SPD über Wochen bei um die 25 Prozent gesehen hatten. Schröder sei "voll von Testosteron" gewesen, erinnert sich Nikolaus Brender, ZDF-Journalist und Moderator der Runde, acht Jahre später im Interview mit ntv.de. Er sei aber darauf vorbereitet gewesen, nachdem ihm Schröder schon vor Sendungsbeginn zugeraunzt habe "Sie Held, Sie".

Denn mindestens so sehr wie die Union und Merkel hat Schröder an diesem Abend die Medien auf dem Kieker. Er wirft ihnen eine Kampagne vor, weil Schröders Aus im Kanzleramt in der politischen Berichterstattung als gesichert galt. Als Brender Schröder mit den Worten "Herr Bundeskanzler, ..." anspricht, setzt Schröder gleich einmal den Ton für den weiteren Debattenverlauf setzt: "Das bleibe ich auch, auch wenn Sie dagegen arbeiten", sagt der Regierungschef triumphierend. Brender und Co-Moderator Hartmann von der Tann halten tapfer dagegen: "Ich weise darauf hin, dass ZDF und ARD dies nicht vorzuweisen ist", sagt Brender in ruhiger, aber bestimmter Tonlage.

Merkel schweigt, Westerwelle kontert

Milder wird Schröder deswegen nicht. "Ihr intellektuelles Problem in allen Ehren", leitet Schröder seine Antwort auf die Frage von der Tanns ein, wie die SPD eine Mehrheit zusammenbekommen wolle. "Das war schon eine muntere Angelegenheit. Ich und mein Kollege Hartmann von der Tann waren gut beraten, dem Kanzler Paroli zu bieten", erinnert sich Brender im Nachgang.

Bemerkenswert ist, wer zu Schröders breitbeinigem Auftritt nichts sagt: Merkel, die noch sichtlich konsterniert ist von ihrem schwachen Abschneiden. So fällt Guido Westerwelle, dem mit 9,8 Prozent großen Sieger des Wahlabends, diese Rolle zu. "So gekünstelt, wie Sie hier mittlerweile Ihren Triumph feiern, das ist ja nicht mehr ernst zu nehmen", hält er Schröder vor. Und kann sich eine Andeutung nicht verkneifen: "Ich weiß nicht, was Sie hier vor der Sendung gemacht haben", sagt Westerwelle süffisant.

So etwas kommt nicht wieder

Schröder bezeichnete den Auftritt im Nachgang später einmal als "suboptimal". In seinen Memoiren "Entscheidungen" stellt er sein Verhalten dennoch als kalkuliert dar. "Ich wollte keinen Zweifel daran lassen, dass die Union als Verlierer in diese denkbare Koalition ginge", schreibt der er. Um seine Euphorie in dieser Stunde macht er keinen Hehl: "Alle hatten mich schon wieder abgeschrieben - und plötzlich schien wieder alles möglich", so der Altkanzler.

Was an diesem Abend noch niemand weiß: So einen Testosteron-Kanzler wird es so schnell nicht wieder geben in Deutschland. Die folgenden 15 Jahre hält ein anderer Stil im Kanzleramt Einzug, nicht weniger machtbewusst, aber zurückhaltender in der Außendarstellung. Ob es in der Zeit nach Merkel noch einmal ein Zurück so viel selbstherrlicher Dominanz in der Politik geben wird, kann getrost bezweifelt werden. Allenfalls Friedrich Merz, der ja tatsächlich ein Relikt der Schröder-Jahre ist, erinnert in seinem Auftreten noch ein wenig an diese Zeit. Die anderen potenziellen Unionskanzlerkandidaten sind da deutlich zurückhaltender: Laschet, aber auch Söder und Spahn.

So muss die heute als Kultsendung betrachtete Sendung zoologisch womöglich ganz anders eingeordnet werden denn als "Elefantenrunde": als letztes und letztlich erfolgloses Aufbäumen eines Dinosauriers.

Quelle: ntv.de