Politik

"Der Machtmenschliche" Kanzler Laschet? Das wäre mal was Neues

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Armin Laschet ist einer von drei Bewerbern für den CDU-Vorsitz. Entschieden wird am 4. Dezember.

(Foto: imago images/Günther Ortmann)

Kurz vor dem CDU-Parteitag in Stuttgart erscheint die erste Laschet-Biografie. Sie beschreibt den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten als Mann des Kompromisses, dem kalte Machtspiele fremd sind.

Bundeskanzler Amin Laschet. Für manchen in und außerhalb der CDU mag das seltsam klingen. Aber klar, irgendwann würde man sich daran gewöhnen. Und sonst? Ein Mann mittleren Alters aus Westdeutschland – kein Mensch mit Migrationsgeschichte, keine Frau, er wäre nicht einmal der erste Rheinländer im Kanzleramt. Ein Bundeskanzler Laschet wäre kein so offensichtlicher Bruch mit dem Althergebrachten wie die erste Frau und Ostdeutsche an der Spitze der Bundesregierung. Etwas sehr Neues wäre es dennoch.

"Der Machtmenschliche" heißt eine Laschet-Biografie, die gerade erschienen ist, die erste über den jovialen Aachener. Die Journalisten Tobias Blasius und Moritz Küpper beschreiben den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten darin als einen, dem die brutale Kälte fehlt, die Spitzenpolitikern im Allgemeinen zugeschrieben wird. Ihre Darstellung ist nachvollziehbar: Der katholische Karnevalist empfindet keine Genugtuung dabei, Gegner abzuräumen; er ist nicht in die Politik gegangen, um sich und der Welt etwas zu beweisen, sondern, weil er Spaß an Debatten hat. Er ist zur Selbstkritik in der Lage und kann sich sogar für Fehler entschuldigen. Nach Niederlagen zieht er sich nicht beleidigt zurück, sondern lässt sich von einem Netz aus Familie und Freunden auffangen.

Niederlagen, die andere für einen Ausstieg aus der Politik genutzt hätten, gab es für Laschet genug. 1998 fliegt er nach nur vier Jahren aus dem Bundestag. Nach der Landtagswahl 2010, als die CDU-geführte Regierung abgewählt wird, verliert er sein Ministeramt. Er will den Vorsitz der Landtagsfraktion übernehmen, scheitert aber an Karl-Josef Laumann. Ein paar Monate später unterliegt er im Kampf um den Landesvorsitz dann auch noch Norbert Röttgen. Laumann macht er später zu seinem Arbeits- und Sozialminister. Am Comeback von Röttgen, der nach dem Desaster bei der Landtagswahl 2012 von Bundeskanzlerin Merkel aus dem Bundeskabinett geworfen wird, ist Laschet beteiligt.

Laschet ist ein Netzwerker, kein Machtpolitiker. Wenn andere springen, wägt er noch ab. Als Merkel im Oktober 2018 ankündigt, sie werde den CDU-Vorsitz abgeben, erklären Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn rasch ihre Kandidatur – Laschet nicht. Erst anderthalb Jahre später, als AKK aufgibt, kommt er aus der Deckung, jetzt mit Spahn an seiner Seite. Für Laschet ist dies ein Coup, der gut zu ihm passt. "Immer wieder in seiner politischen Laufbahn sucht Laschet bis zur grotesken Verrenkung nach Verhandlungslösungen, um einer persönlichen Konfrontation zu entgehen", schreiben Blasius und Küpper in ihrem Buch. "Ihn treiben Machtanspruch und Postenstreben zwar genauso an wie die meisten anderen Spitzenpolitiker, nur genießt Laschet augenscheinlich den Weg dorthin nicht als eine Art Sport."

Eine reine Lobesarie ist das Buch dennoch nicht. Laschets Ruf, ein "Bruder Leichtfuß" zu sein, der seine Ungeduld und seine Emotionalität nicht immer im Griff hat, untermauern die Autoren mit zahlreichen Beispielen. Da ist die "Noten-Affäre" von 2015, als Laschet, damals nebenbei Lehrbeauftragter an der RWTH Aachen, einen Stapel Klausuren verschlampt und dennoch Noten vergibt – auch an Studierende, die gar nicht mitgeschrieben haben. Da ist aktuell die Corona-Krise, in der Nordrhein-Westfalen keineswegs schlechter dasteht als Bayern, im Gegenteil. Laschet sieht den radikalen Lockdown skeptisch, schafft es aber nicht, die Linie seines Kurses zu vermitteln. Lange wirkt seine Skepsis wie Zauderei. Gegen den breitbeinigen Markus Söder zieht er imagemäßig so den Kürzeren.

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Bei den Kommunalwahlen in NRW am vergangenen Sonntag ist Laschet mit einem blauen Auge davongekommen. Und am 4. Dezember, beim CDU-Parteitag? Wer hier gewinnt, hat gute Chancen, nach der Bundestagswahl in einem Jahr Kanzler zu werden, denn – Söder hin oder her – das erste Zugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur liegt bei der großen Unionsschwester. Mit Spahn hat Laschet einen Konservativen auf seine Seite gezogen, einen, der bei der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) und der Jungen Union Ansehen genießt. Allein die MIT stellt auf dem Parteitag in Stuttgart rund 350 der 1001 Delegierten. Ihr Bundesvorstand unterstützt Merz offen. Bei der Jungen Union soll ein Mitgliederentscheid den Delegierten als Empfehlung dienen, aber auch hier gilt Merz als Favorit. Zählt man dazu den Landesverband Baden-Württemberg mit seinen 153 Delegierten (von denen einige allerdings auch MIT- oder JU-Mitglieder sind), könnte es eng für Laschet werden.

Hier hat der Zauderer strategisches Geschick bewiesen: Sein Bündnis mit Spahn könnte ihm helfen, auch Stimmen aus der Merz-Zielgruppe zu bekommen. Immerhin unterstreicht Spahns Unterstützung, dass Laschet ein Brückenbauer ist. Die Frage ist nur, ob die CDU jetzt so einen will. Und ob er in die Zeit passen würde. Ganz im Stil ihres Objekts lassen Blasius und Küpper das den Leser entscheiden. Auch deshalb ist das Buch ein Gewinn – selbst wenn es am Ende keinen Bundeskanzler Armin Laschet geben sollte.

Quelle: ntv.de