Politik

Selenskyj hatte gewarntSchwerer Raketenangriff auf Westukraine - Moskau will Oreschnik eingesetzt haben

09.01.2026, 05:08 Uhr
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In der Ukraine haben viele Menschen die Nacht in Schutzräumen verbracht. (Foto: REUTERS)

Präsident Selenskyj bereitet die Ukrainer auf einen besonders schweren russischen Luftangriff vor - und der kommt dann auch. Keine 100 Kilometer von der EU-Grenze gibt es mehrere heftige Einschläge. Jetzt äußert sich Moskau zu dem Angriff.

Nach Angaben aus Moskau hat Russland bei dem Angriff auf die Westukraine die gefürchtete neue Mittelstreckenrakete Oreschnik eingesetzt. Das teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Es war der zweite Angriff mit einer Rakete dieses Typs auf die Ukraine.

Die ukrainische Luftwaffe hatte zuvor mitgeteilt, dass für das gesamte Land am Donnerstag gegen 23.30 Uhr Ortszeit Luftalarm ausgelöst worden sei. Es habe die Gefahr des Starts einer ballistischen Waffe vom russischen Testgelände Kapustin Jar bestanden. Wenig später wurden Einschläge im Gebiet Lwiw verzeichnet.

Es sei ein Objekt der kritischen Infrastruktur angegriffen worden, schrieb Gebietsgouverneur Maksym Kosyzkyj auf Telegram. Ukrainische Militärblogs veröffentlichten angebliche Videos aus der Region, die sechs Einschläge hintereinander zeigen. Dies ähnelt dem Trefferbild von sechs Gefechtsköpfen der neuen russischen Mittelstreckenrakete Oreschnik (Haselstrauch).

Offizielle Bestätigungen aus der Ukraine für den Einsatz dieser Rakete gibt es noch nicht. "Ob das eine Oreschnik war, ist nicht bekannt", teilte der Bürgermeister von Lwiw, Andrij Sadowyj, mit. Darüber müsse das Militär informieren. Bewohner der Region beschrieben die lauten Einschläge wie viele Erdbeben hintereinander. Die ukrainischen Behörden äußerten sich nicht konkreter zum Ziel. Doch im Gebiet Lwiw liegt der unterirdische Gasspeicher von Stryj, der schon mehrfach Ziel russischer Angriffe war.

Russland hatte die nach eigenen Angaben neue Mittelstreckenrakete Oreschnik erstmals im November 2024 auf die südukrainische Großstadt Dnipro abgefeuert. Auch dieser Start erfolgte aus Kapustin Jar bei Astrachan in Südrussland. Die sechs Gefechtsköpfe enthielten damals nach ukrainischen Angaben keinen Sprengstoff. Kremlchef Wladimir Putin sprach von einem Test und drohte an, dass weitere folgen sollten.

Westliche Militärs sehen die Oreschnik als Weiterentwicklung der russischen Interkontinentalrakete RS-26 Rubesch. Die Reichweite des nuklearfähigen Systems wird auf 2000 bis 5000 Kilometer geschätzt. Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko sagt, Russland habe die Oreschnik mittlerweile auch in seinem Land stationiert.

Angriff kam nicht unerwartet

Die Ukraine hatte einen schweren russischen Luftangriff erwartet. Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte in seiner Abendansprache am Donnerstag davor: "Es gibt Informationen, dass es heute Nacht einen neuen massiven russischen Angriff geben könnte." Die Bürger sollten auf Luftalarm achten und sich in Schutzräume flüchten.

Die Hauptstadt Kiew wurde nachts zunächst von Drohnenschwärmen angegriffen. Bürgermeister Vitali Klitschko sprach von mindestens vier Toten und 19 Verletzten. Durch den massiven Angriff wurde demnach auch die kritische Infrastruktur beschädigt. Die Strom- und Wasserversorgung sei in einigen Stadtteilen unterbrochen. Herabfallende Trümmerteile hätten Schäden verursacht, Wohnhäuser gebrannt. Außerdem meldete die ukrainische Luftwaffe Angriffe mit dem Marschflugkörper Kalibr vom Schwarzen Meer aus. Die Ukraine griff ihrerseits Ziele in den russischen Regionen Belgorod, Orjol und St. Petersburg mit Kampfdrohnen an.

Moskau versuche, die Ukraine im harten Frost besonders zu schädigen, sagte Selenskyj: "Russland setzt derzeit mehr auf den Winter als auf Diplomatie, auf ballistische Raketen gegen unsere Energieversorgung und nicht auf Arbeit mit Amerika und Vereinbarungen mit Präsident Trump."

Die Temperaturen sollen in der Ukraine ab diesem Freitag fast überall unter den Gefrierpunkt sinken. In Kiew und im nördlichen Teil des Landes werden in den nächsten Tagen zweistellige Minustemperaturen herrschen. Damit wächst der Druck auf die ohnehin schwer angeschlagene Versorgung mit Strom, Wärme und Wasser. Das Gebiet Dnipropetrowsk durchlebt nach einem Angriff aus der Nacht zum Donnerstag bereits den schlimmsten Blackout in fast vier Jahren Krieg, Hunderttausende Menschen sind ohne Strom. Bei einem Raketenangriff auf die Stadt Krywyj Rih wurde eine Frau getötet, es gab mindestens 23 Verletzte.

Russland lässt kein Interesse an Friedenslösung erkennen

Der russische Raketenangriff auf Ziele, die nur 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt liegen, dürfte sich auch auf die laufenden Verhandlungen über eine Friedenslösung auswirken. Auf die laufenden Abstimmungen zwischen Kiew, den Europäern und den USA zu Sicherheitsgarantien und einem Wiederaufbau der Ukraine, hat Russland bislang nicht reagiert.

Dabei sieht Selenskyj nach den jüngsten Gesprächen in Paris große Fortschritte zu einem bilateralen Dokument mit den USA über Sicherheitsgarantien für sein Land. Das Papier sei nun "im Grunde bereit" für die Fertigstellung auf der höchsten Ebene mit Präsident Trump, schrieb er in sozialen Netzwerken.

Russland wird in dem Gesprächsprozess von den USA auf dem Laufenden gehalten. Die französische Zeitung "Le Monde" berichtet, der Kreml-Unterhändler Kirill Dmitrijiew sei am Donnerstag in Paris gewesen, einen Tag nach dem Gipfel der Ukraine-Unterstützer in der Koalition der Willigen. Das US-Portal "Axios" schrieb unter Berufung auf informierte Quellen, Dmitrijew habe in der US-Botschaft in Paris mit den US-Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner gesprochen.

Quelle: ntv.de, ino/dpa