Politik

Die Kriegsnacht im Überblick Selenskyj: Werden Süden zurückerobern - Russland erzielt Geländegewinn

293325803.jpg

Präsident Selenskyj besichtigt beschädigte Gebäude in der Region Mykolajiw.

(Foto: picture alliance/dpa/Ukrainian Presidential Press Office/AP)

Erstmals seit Kriegsbeginn besucht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Front im Süden des Landes. Auf seiner Rückreise macht er der ukrainischen Bevölkerung ein Versprechen. Im Osten erobert Russland derweil eine Ortschaft nahe der strategisch wichtigen Stadt Sjewjerodonezk. Für die Eroberungen sollen die russischen Truppen nach Angaben des ukrainischen Gouverneurs des Gebietes allerdings alle Reserven in den Kampf schicken. Die Zivilisten, die sich in einem Chemiewerk in der Region verstecken, verzichten den Angaben zufolge auf eine Evakuierung.

Selenskyj: Werden Süden zurückerobern

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat der Bevölkerung im Süden des Landes versprochen, dass sie nicht im Stich gelassen wird. Nach seinem Besuch an der Süd-Front teilte er am frühen Morgen in einer Videoansprache mit: "Wir werden den Süden niemandem überlassen. Alles, was uns gehört, holen wir zurück." Die Ukraine werde auch den sicheren Zugang zum Meer wiederherstellen, versicherte er. In den Ukrainern stecke mehr Lebenswille als Russland Raketen habe.

Nach einer Reihe internationaler Treffen in Kiew hatte Selenskyj am Samstag erstmals seit Kriegsbeginn die Süd-Front besucht. Er war zunächst in Mykolajiw, später in Odessa. Russland hatte in den ersten Kriegstagen die gesamte ukrainische Küste am Asowschen Meer und Teile der ukrainischen Schwarzmeerküste im Gebiet Cherson erobert.

Russische Truppen erobern Metjolkine

In dem erbitterten Kampf um die ostukrainische Stadt Sjewjerodonezk haben russische Truppen Geländegewinne erzielt und sind in einen Vorort eingedrungen. "Durch Beschuss und die Erstürmung hat der Feind in der Ortschaft Metjolkine einen Teilerfolg erzielt und versucht, sich dort festzusetzen", teilte der ukrainische Generalstab am Samstagabend in seinem Lagebericht mit. Das Dorf liegt südöstlich von Sjewjerodonezk.

Offiziere und Soldaten des ukrainischen Bataillons Ajdar hätten sich in Metjolkine freiwillig in Gefangenschaft begeben, meldet die russische Agentur Tass unter Berufung auf die pro-russischen Separatisten der Volksrepublik Luhansk. Diese Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Russische Truppen haben das weitgehend zerstörte Sjewjerodonezk immer noch nicht unter Kontrolle. Nach ukrainischen Angaben werden die Kämpfe um die strategisch wichtige Stadt im Donbass zunehmend in den umliegenden Dörfern ausgetragen. Prekärer ist die Lage für ukrainische Zivilisten, die Zuflucht im örtlichen Chemiewerk Azot gesucht haben.

Zivilisten wollen nicht evakuiert werden

In dem Werk Azot hätten 568 Zivilisten Schutz gesucht, darunter 38 Kinder, teilte der Gouverneur des Gebietes Luhansk, Serhij Hajdaj, mit. Seinen Angaben zufolge wollen sie nicht evakuiert werden. "Es gibt ständigen Kontakt zu ihnen. Man hat ihnen mehrfach eine Evakuierung angeboten, aber sie wollen nicht."

Dem Gouverneur zufolge ist das Chemiewerk nicht mit der Industrie Asowstal in der Hafenstadt Mariupol zu vergleichen. "Das ist keine unterirdische Stadt. Das sind einzelne Notunterkünfte, die getrennt, nicht untereinander verbunden sind." In einem Bunkersystem unter dem Stahlwerk Asowstal hatten ukrainische Verteidiger und Zivilisten noch wochenlang ausgeharrt, als Mariupol längst von russischen Truppen erobert war.

Für vergangenen Mittwoch hatte die russische Seite einen humanitären Korridor angekündigt, durch den Zivilpersonen aus dem Chemiewerk auf russisch kontrolliertes Gebiet fliehen können sollten. Allerdings misstrauten die Ukrainer den russischen Zusagen.

"Russland wirft alle Reserven in den Kampf"

Zur militärischen Lage im Donbass sagte Gouverneur Hajdaj, dass Russland alle seine Reserven in den Kampf werfe, um Sjewjerodonezk und die Stadt Bachmut zu erobern. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs beschossen russische Truppen zuletzt das Verwaltungszentrum des Gebiets Luhansk mit schwerer Artillerie. Ein versuchter Sturm der ukrainischen Stellungen im Industriegebiet der Stadt sei aber gescheitert. Auch in Syrotyne, einem Dorf westlich von Metjolkine, blieben die russischen Sturmversuche erfolglos.

Russische Truppen setzten auch im Gebiet Charkiw gegen eine Reihe von Ortschaften Artillerie ein. In Richtung Slowjansk versuche der Feind durch den Einsatz schwerer Waffen günstige Voraussetzungen für eine Offensive zu schaffen, heißt es in dem Lagebericht. Gleichzeitig betonte die ukrainische Militärführung, dass russische Versuche, gewaltsame Aufklärung im Gebiet Krasnopillja zu betreiben, mit hohen Verlusten für die Angreifer endeten. Der russische Vormarsch auf den Raum Slowjansk-Kramatorsk, in dem das Hauptquartier der ukrainischen Streitkräfte im Donbass liegt, stockt damit weiterhin.

Russische Raketen zerstören Öltanks

Mit einem Raketenangriff haben russische Truppen am Samstag Öltanks nahe der zentralukrainischen Stadt Dnipro zerstört. Die regionale Verwaltung berichtet von drei Raketen, die das Depot im Kreis Nowomoskowsk getroffen hätten. "Es gibt ein starkes Feuer", teilte der Gouverneur des Gebiets Dnipropetrowsk, Walentyn Resnitschenko, mit. Elf Menschen seien verletzt worden. In der Nähe der Stadt Isjum trafen russische Raketen eine Fabrik, die Gas verarbeitet. Auch dort gab es einen großen Brand.

NATO-Chef rechnet mit langem Krieg

Mehr zum Thema

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg rechnet mit einem jahrelangen Krieg in der Ukraine. "Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass er Jahre dauern könnte", sagte er der "Bild am Sonntag". Deshalb dürfe man nicht nachlassen in der Unterstützung der Ukraine gegen Russland. Die Kosten dafür seien hoch, weil die Militärhilfe teuer sei und die Preise für Energie und Lebensmittel steigen. Aber das sei kein Vergleich zu dem Preis, den die Ukraine jeden Tag mit vielen Menschenleben zahle, sagte Stoltenberg. Wenn man dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht entschieden entgegentrete, "dann bezahlen wir einen viel höheren Preis".

Der NATO-Chef erwartet, dass die Ukraine mithilfe weiterer Waffenlieferungen aus dem Westen die russischen Truppen wieder aus dem Donbass vertreiben kann. "Die Ukrainerinnen und Ukrainer wehren sich mutig gegen die russischen Invasoren", sagte er. Das westliche Verteidigungsbündnis werde nicht selbst in die Kämpfe eingreifen. Man habe als klares Signal an Moskau mit 40.000 Soldaten unter NATO-Kommando die eigene Verteidigung gestärkt.

Weitere wichtige Artikel zum Ukraine-Krieg:

Alle weiteren Entwicklungen können Sie in unserem Liveticker zum Ukraine-Krieg nachlesen.

Quelle: ntv.de, chr/dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen