Politik

Der ganz alltägliche Ausnahmezustand Sie kommen, sie kommen nicht, sie kommen

a17500ec29d805fae91ccacf2b0b4dbd.jpg

Wenn Orbáns Zaun wirken würde, kämen diese Menschen nicht hier in Nickelsdorf an.

(Foto: Reuters)

Es war ein Kraftakt der EU: 120.000 Flüchtlinge werden per Quote verteilt. So viele kommen in Nickelsdorf in nicht einmal einem Monat an. Besuch an einem Ort, an dem die Hilflosigkeit der EU sichtbar wird.

Es fehlt nur noch, dass Roland Emmerich auf einem Regiestuhl sitzt und laut "Cut!" ruft. Das Set steht jedenfalls schon bereit, hier in Nickelsdorf im Burgenland, ganz im Osten Österreichs, ein paar Dutzend Reihen Weinreben von Ungarn entfernt. Menschen mit Plastiktüten in der Hand ziehen über ein Betonfeld Richtung Zollstation, wo hunderte andere in Schlangen anstehen. Soldaten mit Atemschutzmasken weisen ihnen den Weg, Militärtransporter brausen vorbei, ein Hubschrauber dröhnt am Himmel. Am Horizont, hinter den Windrädern, sieht es nach Gewitter aus.

Für einen Emmerich-Kassenschlager wie "Independence Day" und "The Day after Tomorrow" herrscht in Nickelsdorf zu große Ordnung - ein Drama spielt sich hier trotzdem ab, nur eben ein mittlerweile alltägliches: 7000 Flüchtlinge werden an diesem Donnerstag eintreffen. Sie bekommen Essen, Kleidung, einen Transport in eine Unterkunft - und dann?

120.000 Flüchtlinge werden per Quote innerhalb der EU aufgeteilt, das ist das Ergebnis eines langen Streits, das mit Erleichterung aufgenommen wurde. Nur gibt es für diese Erleichterung keinen Grund. Die 120.000 Flüchtlinge sind schon da, sie sitzen in Griechenland und Italien und warten auf ihre Weiterreise. Auf die Frage, die Nickelsdorf stellt, bietet die einmalige Quotenregelung keine Antwort.

Im Schnelldurchlauf durch Ungarn

Am Wochenende 21.000, Montag 10.000, Dienstag nur 4500, Mittwoch 6000, Donnerstag 7000. Oberstleutnant Helmut Marban von der Polizei Burgenland zieht die Augenbrauen hoch, wenn er diese Zahlen referiert. Rechnet man sie hoch, wird die ganze Hilflosigkeit der EU klar: Eigentlich braucht Brüssel in nächster Zeit alle drei Wochen einen neuen Asylkompromiss.

394438aecc4fca21d40cb530927f03ab.jpg

In Nickelsdorf kommen im Monat so viele Flüchtlinge an, dass es alleine für diesen Ort monatlich einen neuen EU-Kompromiss geben müsste.

(Foto: dpa)

Noch vor einer Woche klang Marban optimistisch. Nur noch ein paar hundert Nachzügler, dann werde der Strom aus Ungarn abreißen, hatte er gesagt, wie auch die Landespolitiker. Aber der Grenzzaun von Viktor Orbán hatte nicht den Effekt, mit dem Österreich rechnete: Die Route über Kroatien und Slowenien wird noch wenig genutzt. "Die Leute nehmen den kürzesten Weg", sagt Marban in einem Tonfall, der ausdrückt, dass man damit auch hätte rechnen können. 

Der kürzeste Weg führt die Menschen über Serbien nach Kroatien und von dort aus nach Ungarn. Werden sie aufgegriffen, bringen Busse oder Sonderzüge sie nach Hegyeshalom, vier Kilometer von Nickelsdorf entfernt. Der Weg nach "Austria" ist ab dem Bahnhof ausgeschildert, in einem hunderte Meter langen Treck ziehen die Menschen auf einem Fahrradweg mit gelben Markierungen Richtung Nickelsdorf.

Die Kälte kommt

So laut der österreichische Kanzler Werner Faymann auch gegen seinen ungarischen Amtskollegen polterte - seine rot-schwarze Koalition hoffte darauf, dass Orbáns Zaun einen Abschreckungseffekt haben würde. Doch es hat sich nichts geändert: Die Menschen kommen noch immer nach Nickelsdorf und die meisten wollen weiter nach Deutschland. Tausende kommen pro Tag an, durchschnittlich rund 200 Menschen stellen einen Asylantrag.

Polizist Marban stellt sich auf weitere Wochen in Nickelsdorf ein: "Es wird sich noch lange nicht entspannen." Im Gegenteil, es kommt eine neue Herausforderung auf die Behörden zu: Ein kalter Wind ist aufgezogen, der die wohlige Septemberwärme vertreibt. In Österreichs Bergen hat es schon geschneit. Doch auf die kommende Kälte sind die Flüchtlinge nicht eingestellt, einige tragen immer noch Flip-Flops. Auf den Tischen des Roten Kreuzes liegen nur noch eine Handvoll Schuhe, auch warme Socken sind Mangelware.

Marban weiß, dass es von nun an noch schneller gehen muss. Registriert werden die Neuankömmlinge hier ohnehin nicht, also werden sie schnell verpflegt, wenn nötig medizinisch versorgt und dann weitertransportiert. "Food" steht mit gelber Sprayfarbe auf einem Stück Karton, auf einem anderen "Taxi", mit dem Zusatz "Not free". 170 Euro kostet die Strecke bis nach Wien, ein einträgliches Geschäft: 200 Taxis stehen von der nahen Raststation an in einer Schlange bis zur Zollstation und warten auf die Kunden, die in Grüppchen zu den Autos vorgelassen werden.

Wer nicht mit dem Taxi fahren will, muss auf einen der Busse warten, die in unregelmäßigen Abständen abfahren – wohin, das weiß auch die Polizei nur kurz vorher. Wenn irgendwo ein Notquartier frei wird oder neu entstanden ist, werden die Menschen in die Busse geladen. "Es geht nur darum, sie so schnell wie möglich hier weg und in eine Unterkunft zu bekommen", sagt Helmut Marban. Und dann? "Dann wird es darauf ankommen, wie es weiter nach Deutschland geht."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema