Politik

Mysteriöse Todesfälle Lebensmüde Oligarchen oder der lange Arm des Kreml?

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Wer sich dem Kreml widersetzt, sollte sich Leibwächter zulegen.

(Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Sieben tote Oligarchen in knapp drei Monaten. Die russischen Medien gehen fast durchweg von Selbstmord aus. Beweise, die dies bestätigen oder widerlegen, gibt es nicht. Ein in Italien lebender russischer Milliardär legt sich zur Sicherheit Leibwächter zu.

Es hört sich an wie das Skript für einen Film aus der Zeit des Kalten Krieges. In den letzten drei Monaten sind in kurzen Abständen sieben russische Oligarchen auf rätselhafte Weise gestorben. Die meisten hatten eine berufliche Beziehung zum Imperium des Staatskonzerns Gazprom. Die russischen Ermittler gehen fast durchweg von Selbstmord aus, in einem Fall von einem Unfall.

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Sicher ist bei all diesen Todesfällen im Moment nur, dass nichts sicher ist. Genau deswegen lässt sich vermuten, dass besonders jene russischen Oligarchen, die es gewagt haben, Putin in letzter Zeit in die Quere zu kommen, schlaflose Nächte durchmachen - auch dann, wenn sie sich längst ins Ausland abgesetzt haben.

"Es ist sehr wichtig, sich zu schützen"

Zu diesen zählt der Milliardär Oleg Tinkow, Gründer eines der größten russischen Kreditinstitute, der Tinkoff Bank. Kurz nach Kriegsbeginn warf er der russischen Armee vor, in der Ukraine "Massaker" zu verüben. Auf Instagram schrieb er, dass 90 Prozent der Russen gegen den Krieg seien und die Misserfolge der Armee auf Korruption beruhen.

Inzwischen lebt Tinkow in der Toskana, wo seine Frau eine Ferienanlage betreibt, und in der Schweiz. Im Interview mit der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" verweigerte er eine Stellungnahme zu den vielen Todesfällen der letzten Monate. Es wären ja nur Spekulationen, sagte er. "Was ich aber weiß ist, dass es sehr wichtig ist, sich zu schützen." Deswegen sei er gerade dabei, eine Gruppe Leibwächter zum Schutz seiner Familie zusammenzustellen.

Erhängt, erschossen, verunglückt

Die Liste der getöteten Oligarchen ist in der Tat eindrucksvoll. Am 25. Februar, einen Tag nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, wurde Aleksander Tyulyakov, der stellvertretende Generaldirektor von Gazprom, erhängt in seiner Villa in der Nähe von St. Petersburg gefunden. Ein Monat zuvor war in derselben Gegend der ehemalige Gazprom-Manager Leonid Shulman tot im Badezimmer seines Hauses aufgefunden worden. Bei beiden wurden Abschiedsbriefe gefunden. Drei Tage nach Tyulyakovs Tod wurde der Leichnam des Oligarchen Mikhail Watford in der Garage seiner Villa in der südenglischen Grafschaft Surrey gefunden, ebenfalls erhängt.

Anfang März berichtete die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS vom Tod des Oligarchen Wassili Melnikow, seiner Frau und den zwei Kindern, zehn und vier Jahre alt, in der Familien-Datscha in der Nähe von Nischni Nowgorod. Den Ermittlern zufolge soll Melnikow zuerst seine Frau und die Kinder ermordet, danach sich selber das Leben genommen haben.

Ähnliche Fälle in Spanien und Moskau

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Diese Villa in Lloret de Mar hatte Sergej Protosenya über Ostern gemietet.

(Foto: picture alliance/dpa/MAXPPP)

Wie ein erweiterter Selbstmord sah es zunächst auch an einem Tatort in einer Ferienvilla in Lloret de Mar aus, zu dem am 19. April die spanische Polizei gerufen wurde. Die Beamten fanden den Millionär Sergej Protosenya tot, erhängt im Garten, seine Frau und seine 18-jährige Tochter lagen nach spanischen Medienberichten erstochen in ihren Betten. Protosenya war ein ehemaliger Manager von Novatek, dem größten unabhängigen russischen Energiekonzern. Ob der Manager zuerst seine Frau und seine Tochter ermordet und dann Selbstmord begangen hat oder ob es sich um einen Auftragsmord handelte, wird weiter ermittelt. Auf dem Messer und der Axt, die neben Protosenya lagen, wurden keine Fingerabdrücke des 55-Jährigen gefunden, berichtet der Sender Telecinco.

Vor einer ähnlichen Szene standen tags zuvor die Ermittler im Moskauer Appartement des Oligarchen Vladislav Avayev. Neben seinem Leichnam wurden seine Frau und seine 13-jährige Tochter erschossen aufgefunden. Avayev war einst stellvertretender Präsident der Gazprombank. Tass berichtete, Avayev habe wahrscheinlich Frau und Kind umgebracht und sich dann selbst erschossen. Eine These, die von Igor Wolobujew, ebenfalls ein ehemaliger Vize-Präsident der Gazprombank, bezweifelt wurde. "Vielleicht wusste mein Kollege zu viel und stellte deswegen eine Gefahr dar", sagte er, bevor er Russland verließ, um an der Seite der Ukraine zu kämpfen.

Diese Totenliste wurde am Dienstag um einen weiteren Fall ergänzt. Es handelt sich dabei um den 37-jährigen Andrei Krukowski, trotz seines jungen Alters schon Direktor des Skiressorts Krasnaja Poljana, dem wichtigsten Winterort Russlands, wo auch Putin seine Gäste zum Skifahren einlädt. Hier soll Krukowski tödlich verunglückt sein. Russischen Berichten zufolge soll er während einer Wanderung von einem Felsvorsprung gefallen und tödlich verunglückt sein. "Andrei liebte die Berge und fand in ihnen seinen Frieden", zitierte die Zeitung "Kommersant" eine Meldung des Urlaubsorts.

"Angst habe ich um meine Familie"

Vor allem englische Medien berichten ausführlich über diese Todesfälle. Zum einen, weil sich zahlreiche wohlhabende Russen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in England ein zweites Zuhause eingerichtet haben, zum anderen, weil die britische Insel in der Vergangenheit schon zweimal Schauplatz von Anschlägen auf Russen war, die international für Aufsehen sorgten: Im November 2006 starb Alexander Litwinenko an den Folgen einer radioaktiven Polonium-Vergiftung in London; im März 2018 wurden Sergej Skripal und seine Tochter Julija in Salisbury Opfer eines Anschlags mit dem Nervengift Nowitschok, konnten aber gerettet werden. Sowohl Litwinenko als auch Skripal waren abtrünnige Geheimagenten, die vor ihrem Seitenwechsel für den FSB beziehungsweise für den russischen Militärgeheimdienst GRU gearbeitet hatten.

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Oleg Tinkow, der in der Toskana lebende Ex-Oligarch, hat bereits erste Konsequenzen für seine Kritik am Putin-Regime zu spüren bekommen. Die "New York Times" beziffert sein Vermögen auf 9 Milliarden Dollar. Sein Reichtum ist aber in der letzten Woche deutlich geschrumpft. Wie Tinkow der Zeitung erzählte, hat er in der vergangenen Woche seinen Anteil von 35 Prozent an der Bank verkauft. "Nicht freiwillig und für lächerliche 3 Prozent des eigentlichen Marktwerts." Er habe über den Preis nicht diskutieren können. "Es war wie eine Geiselnahme - du nimmst, was dir angeboten wird."

Was den Milliardär wirklich umtreibt, ist allerdings etwas ganz anderes, wie er dem "Corriere della Sera" sagte. Auf die Frage, ob er nicht Angst habe, antwortete Tinkow: "Nicht um meine Person. Das, was ich gesagt habe, musste gesagt werden. Angst habe ich um meine Familie." Wer sich dem Kreml widersetzt, der muss auf der Hut sein.

Quelle: ntv.de

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