Politik

Absurde TV-Propaganda Wie die Russen zu "Zombies" gemacht werden

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Wladimir Solowjew ist mit seiner Hasspropaganda aus dem russischen Fernsehen kaum wegzudenken.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

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Nicht erst seit Beginn des Krieges leben manche Russen in einer Welt, die mit der Realität nur wenig zu tun hat. Das staatliche Fernsehen überhäuft das Volk jahrelang mit Fake News, Hass und Verschwörungstheorien. Kein Wunder, dass das Publikum selbst absurdeste Lügen für bare Münze hält.

Als Russland am 24. Februar die Ukraine überfällt, gehen nur wenige Russen auf die Straße. Die erhoffte Welle der Proteste gegen Wladimir Putins Politik bleibt aus. Ganz im Gegenteil, die meisten Russen scheinen den Kurs ihres Präsidenten zu unterstützen. Putins Zustimmungswerte steigen laut dem unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Lewada seit Beginn des Krieges sogar von 69 auf 82 Prozent. Drei Viertel der Befragten unterstützen den Angriff auf die Ukraine.

Für Menschen in Europa ist es unerklärlich, warum manche Russen selbst Erzählungen ihrer eigenen Verwandten in der Ukraine nicht glauben. Wie kann es sein, dass eine in Moskau lebende Mutter ihrer eigenen Tochter in Charkiw weniger Glauben schenkt als dem russischen Staatsfernsehen? Wie kann es sein, dass selbst manche in Deutschland lebende Russen davon überzeugt sind, dass die Bilder der getöteten Menschen in Butscha ein Fake sind und die Ukraine selbst an dem Krieg schuld ist?

16 Stunden Propaganda pro Tag

Um diese Fragen zu beantworten, muss man wissen, dass in Russland das Fernsehen nach wie vor die wichtigste, für viele Menschen auch die einzige, Nachrichtenquelle ist. 62 Prozent der Russen erhalten laut einer Lewada-Studie nachrichtliche Informationen aus dem Fernsehen. Bei den über Fünfzigjährigen sind es sogar mehr als 80 Prozent. Wer auch nur einen kurzen Blick in das Programm des wichtigsten russischen Senders Perwy Kanal wirft, dem wird schnell klar, wie Putins hohe Zustimmungswerte zu erklären sind.

Seit dem Kriegsbeginn verzichten die wichtigsten Sender auf Unterhaltungsprogramme zugunsten zusätzlicher Nachrichtenausgaben und politischen Shows. Dem Volk muss die Bedeutung der "Spezialoperation" erklärt und der Hass gegen die "Feinde" eingeflößt werden. "Verdünnt" werden die offensichtlichen Propaganda-Sendungen mit patriotischen Spielfilmen und Serien mit Titeln wie "Nach den Gesetzen des Krieges" oder "Chronik eines Tauchbombers".

Die Zuschauer werden täglich mit 16 Stunden purer Propaganda konfrontiert, hat die britische "Times" nachgerechnet. Dazu zählen Nachrichtensendungen, Berichte über westliche "Fake News" und politische Talkshows mit kremlfreundlichen Experten.

Großbritannien versenken, "ein für alle Mal"

In einer Nachrichtenausgabe am vergangenen Sonntag drohte Dmitri Kisseljow, eines der wichtigsten Gesichter der Kreml-Propaganda, dem Westen offen mit einem Atomschlag. "Schon eine Sarmat-Rakete" würde ausreichen, um die britischen Inseln "ein für alle Mal zu versenken", sagte der Moderator und zeigte dazu eine entsprechende Grafik: Auf einer Karte ist zu sehen, wie eine Rakete vom Norden Russland in Richtung Großbritannien fliegt und im Zentrum des Landes einschlägt. Dann verschwinden die britischen Inseln von der Karte. "Alles ist bereits berechnet worden", ergänzte Kisseljow.

Der 68-Jährige wird in den unabhängigen Medien oft als "Chef-Propagandist des Kreml" bezeichnet. Er ist nicht nur Moderator und Nachrichtensprecher, sondern auch Generaldirektor des staatlichen Medienkonzerns Rossija Sewodnja, dem unter anderem die international tätigen Medien gehören - das Nachrichtenportal "Sputnik" und der Fernsehsender RT.

Auch die RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan ist keine Unbekannte. Bereits 2013 bezeichnete sie den Sender als das "Verteidigungsministerium" des Kreml, als "eine Waffe wie jede andere auch". In Friedenszeiten erscheine ein Auslandssender zwar "nicht unbedingt nötig. Aber im Krieg kann er entscheidend sein", erklärte Simonjan das Leitbild ihres Senders in einem Interview mit der Onlinezeitung "Lenta.ru". "Eine Armee gründet man ja auch nicht erst eine Woche vor Kriegsbeginn". In einem weiteren Interview ergänzte sie, es gehe darum, einen Kanal zu schaffen, "an den sich die Leute gewöhnen, der ihnen gefällt - und im Ernstfall zeigen wir ihnen, was nötig ist", sagte Simonjan 2013 dem Magazin "Afischa".

"Was nötig ist", das erklärt Simonjan nicht nur dem internationalen RT-Publikum, sondern auch den heimischen Zuschauern bei ihren zahlreichen Auftritten in politischen Talkshows. Vor wenigen Tagen sagte sie in einer Gesprächsrunde, sie würde einen Atomkrieg mit dem Westen akzeptieren, wenn Putin ihn für notwendig halte. "Es gibt zwei mögliche Wege. Entweder wir verlieren in der Ukraine oder ein Dritter Weltkrieg beginnt", sagte die 42-Jährige. Zugleich betonte sie, sie glaube nicht, dass Russland verlieren könnte, "da wir uns und unseren Führer Wladimir Wladimirowitsch Putin kennen". Einen Atomkrieg fände Simonjan zwar "schrecklich", aber "es ist, wie es ist". Der Moderator, Wladimir Solowjew, kommentierte Simonjans Aussage mit einem Lächeln und einem Putin-Zitat: "Wir werden in den Himmel kommen und sie werden einfach verrecken". So hatte der russische Präsident 2018 bei einer Pressekonferenz die Frage beantwortet, was bei einem Atomschlag gegen Russland passieren würde.

"Nicht nur die Ukraine muss entnazifiziert werden"

Wladimir Solowjew, ein Mann mittleren Alters, fast immer in einem schwarzen Mao-Anzug, ist mit seiner Hasspropaganda unersetzlich in der russischen Medienlandschaft. Seit mehr als zwanzig Jahren moderiert er unzählige politische Talkshows; als Youtube seinen Kanal "Solowjew Live" gesperrt hatte, erhielt er die TV-Frequenz des zuvor verbotenen Nachrichtensenders Euronews. Seitdem hat er einen eigenen Fernsehsender, der auch nach ihm benannt ist. 2019 erhielt Solowjew einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde - für den längsten Fernsehaufenthalt als Moderator innerhalb einer Woche. Binnen sieben Tagen war er knapp 26 Stunden im TV zu sehen. Schon lange vor dem Beginn des Krieges verbreitete er Hass gegen Russlands "Feinde". So bezeichnete er vor rund fünf Jahren die Anhänger des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny als "protzige Arschlöcher" und "eine Menge von Assis".

Auch nach dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine spart Solowjew nicht mit Kraftausdrücken - und fordert die Ausbreitung der Kampfhandlungen. "Nicht nur die Ukraine muss entnazifiziert werden", sagte er neulich in einer seiner Sendungen. "Und wenn Sie wirklich glauben, dass wir nach der Ukraine aufhören werden, dann denken Sie 300 Mal nach!", wandte sich der Moderator in seiner Sendung "Solowjew Live" an den Westen. "Ich möchte Sie daran erinnern, dass die Ukraine nur ein Zwischenschritt bei der Gewährleistung der strategischen Sicherheit der Russischen Föderation ist."

"Zombiekiste" erfindet "gekreuzigten Jungen"

Von den Kremlkritikern wird das russische Fernsehen seit jeher als "Zombiekiste" bezeichnet. Die Wirkung der Propaganda auf die Wahrnehmung der Realität in Russland ist kaum zu überschätzen. 2014, nach der Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges im Donbass, verschärften die Medien ihre Rhetorik insbesondere gegen die Ukraine, aber auch gegen den Westen.

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Für Entsetzen bei den russischen Zuschauern sorgte etwa ein Beitrag des "Perwyj Kanal" über die angebliche Kreuzigung eines dreijährigen Kindes durch ukrainische Soldaten. Später stellte sich jedoch heraus, dass die Reportage frei erfunden war. "Je kruder und monströser die Lüge, umso besser sieht es für die russische Propagandamaschine aus", kommentierte damals eine Sprecherin des ukrainischen Innenministeriums den Beitrag. Nach 2014 waren "weite Teile der russischen Bevölkerung plötzlich anfällig für die primitivste Hasspropaganda. Irgendwie schienen alle humanen Werte wie weggefegt", stellte die russische Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa fest.

Die staatlichen Medien arbeiten seit Jahren gezielt daran, eine Art parallele Realität für Millionen Zuschauer herzustellen. "In Russland wuchs inzwischen eine ganze Generation auf, die sich vor dem Hintergrund der Falschinformationen formiert hatte", sagte der israelische Politologe Zion Alon in einem Interview mit dem ukrainischen Journalisten Dmitrij Gordon. "Die Meinung, die Kritikfähigkeit, die Empfänglichkeit der Menschen zu beeinflussen - all das ist möglich, wenn man sich ein langfristiges Ziel setzt, wenn man viel Mühe und Geld investiert", ergänzte Alon. Und das scheint dem Kreml angesichts der hohen Zustimmungswerte gelungen zu sein.

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 04. Mai 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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