"Der Alptraum wird zu Ende sein"Sowohl Orban als auch Magyar setzen auf Rekord-Wahlbeteiligung
Wer macht am Ende das Rennen - und mit wie viel Abstand? Seit der demokratischen Wende 1989/90 war noch keine Parlamentswahl in Ungarn so bedeutend wie diese. Amtsinhaber Orban setzt auf alle "Vaterlandsliebenden". Sein Herausforderer gibt sich siegessicher.
Bei der Parlamentswahl in Ungarn zeichnet sich eine sehr hohe Wahlbeteiligung ab. Dabei entscheiden die Wählerinnen und Wähler, ob der Rechtspopulist Viktor Orban nach 16 Jahren Amtszeit weiter Ministerpräsident bleibt. Zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale um 19 Uhr hatten nach Angaben der zentralen Wahlbehörde bereits 74,23 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Damit lag die Beteiligung deutlich höher als bei der letzten Parlamentswahl 2022 zum selben Zeitpunkt, als sie 62,92 Prozent betrug.
Mehrere ungarische Medien bezeichneten die Wahlbeteiligung als Rekord. Welcher Seite die hohe Beteiligung nützt, ist Experten zufolge noch unklar. Als entscheidend wird die geografische Verteilung des Wählerverhaltens betrachtet, denn von den 199 Abgeordneten werden 106 in den Wahlkreisen direkt mit relativer Mehrheit gewählt - und der Rest über Parteilisten.
Die Wahlkreise sind zudem so zugeschnitten, dass größere Städte auf mehrere Kreise aufgeteilt sind, denen ländliche Gebiete zugeschlagen sind. In den kleineren Dörfern verfügt Fidesz über eine starke Wählerbasis, während die Bürgerinnen und Bürger in den Städten mehrheitlich der Tisza zuneigen.
Sowohl Orban als auch sein Herausforderer Peter Magyar würdigten die hohe Wahlbeteiligung und riefen mehrmals die Menschen zum Urnengang auf. "Eine Menge Ungarn sind aufgebrochen, das System zu ändern", sagte Magyar per Video bei Facebook. "Heute Abend wird der Alptraum zu Ende sein, den wir jahrelang erlebt haben." Der Wahltag sei "ein Fest der Demokratie". Bereits bei seiner Stimmabgabe am Morgen hatte Magyar erklärt, dass er mit einem Sieg seiner Partei Tisza rechne.
Kleine Parteien traten gar nicht erst an
Orban schrieb wiederum bei Facebook: "Sehr viele gehen zur Wahl. Das bedeutet nur eines: Wenn wir Ungarns Sicherheit verteidigen wollen, darf kein einziger Vaterlandsliebender zu Hause bleiben." Mit dem Verweis auf die Sicherheit spielte Orban auf sein wichtigstes Thema im Wahlkampf an. Er hatte sich den Wählerinnen und Wählern vor allem als Garant dafür empfohlen, dass Ungarn nicht in den Krieg im von Russland angegriffenen Nachbarland Ukraine hineingezogen werde.
Am Morgen sagte Orban nach seiner Stimmabgabe vor Journalisten, dass er seinem Herausforderer Magyar gratulieren würde, sollte dieser die Wahl gewinnen. Auf die Frage, welches Ausmaß eine Niederlage seiner Partei Fidesz haben müsste, damit er deren Vorsitz niederlegt, sagte Orban kurz: "Ein großes". Die Wahl ist die wichtigste Wählerentscheidung seit der demokratischen Wende 1989/90. Jüngsten Umfragen zufolge hat Orbans Herausforderer Magyar gute Chancen auf einen Wahlsieg. Magyar ist erst seit gut zwei Jahren politisch aktiv und war davor nur wenigen Ungarn bekannt.
Den Umfragen zufolge könnte nur eine einzige weitere Partei die für den Einzug ins Parlament maßgebende Fünf-Prozent-Hürde überspringen. Die rechtsextreme Partei Unsere Heimat (Mi Hazank) wird als potenzieller Bündnispartner des Fidesz für den Fall gesehen, dass Magyars Tisza keine Parlamentsmehrheit erringt. Linke, grüne und liberale Parteien haben diesmal keine Chance auf einen Parlamentseinzug oder traten erst gar nicht zur Wahl an, um dem Orban-Herausforderer Magyar nicht Stimmen wegzunehmen.
Orban hat seit seinem letzten Amtsantritt als Ministerpräsident 2010 einen halb-autoritären Staat errichtet, sein Land auf einen Konfrontationskurs zur EU gesteuert und sich mit Russland und der US-Regierung von Präsident Donald Trump verbündet. Magyar versprach im Wahlkampf, das Land wieder zu einem konstruktiven Partner in der Europäischen Union zu machen. Um umgreifende Veränderungen vorzunehmen, bräuchte seine Partei allerdings eine Zwei-Drittel-Mehrheit.
