Politik

Wird denn schon verhandelt? Spahn kann sich Sputnik-Bestellung "vorstellen"

20fad50bf204e6d6b7b2b6c717e5f8c5.jpg

Wird Sputnik bestellt oder wird nur darüber geredet? Das ist derzeit unklar.

(Foto: REUTERS)

Gesundheitsminister Spahn schließt einen nationalen Alleingang bei der Bestellung von Sputnik V nicht aus. Verhandlungen der EU-Kommission über eine Lieferung des Impfstoffs gebe es derzeit nicht, sagt sein Ministerium. Verhandelt dann wenigstens Spahn? Dazu gibt es aus dem Haus keine Antwort.

Die Impfkampagne steht auf wackligen Beinen, das hat Deutschland in dieser Woche gelernt. Eine beängstigende Erfahrung, wenn die einzige Maßnahme, die derzeit verlässlichen Schutz vor Corona verspricht, derart gebremst wird. Glück im Unglück: Der Impfstopp dauerte nur vier Tage.

Doch der Knick in der Impfstatistik ist deutlich zu sehen: Während am Donnerstag vor einer Woche über 220.000 Dosen als Erstimpfung in den Oberarmen landeten, schafften die Impfzentren gestern nur rund die Hälfte - 113.000 erstmalige Immunisierungen. So dokumentiert es das Impfdashboard des Bundesgesundheitsministeriums - und so drastisch wirkt es sich also aus, wenn ein Präparat plötzlich ausfällt.

"Lieferengpässe aus unterschiedlichen Gründen sind ganz normal im Pharmabereich", sagt FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus ntv.de. "Insofern ist es gerade da wichtig, dass ich einen Ausfall mit großen Mengen auffangen kann." Das Land sollte sich breiter aufstellen, dafür plädiert seit gestern auch quasi jeder zweite Ministerpräsident, und zwar mit direktem Blick auf: Sputnik V. Der russische Impfstoff wird seit Anfang März von der zuständigen europäischen Behörde EMA für eine Zulassung geprüft. Das Verfahren gestaltet sich nicht ganz einfach, so scheint es.

Ja, sagten die Russen - Nein, sagte die EMA

Der russische Hersteller und die Amsterdamer Behörde konnten sich zunächst nicht einmal einigen, ob für Sputnik V überhaupt ein Zulassungsantrag gestellt worden sei. "Ja", sagten die Russen, "Nein", sagte die EMA, begann aber dennoch mit dem sogenannten "Rolling-Review-Verfahren", das die Wirksamkeit eines Vakzins bereits zu prüfen beginnt, auch wenn die notwendigen Studienergebnisse noch nicht komplett vorliegen und die Zulassung noch nicht beantragt wurde.

Parallel dazu läuft man sich in Bayern schon mal warm, um im Falle einer Zulassung möglichst schnell in die Produktion gehen zu können. Das bayerische Gesundheitsministerium teilt nicht ohne Stolz mit, die Firma R-Pharm mit Sitz in Illertissen beabsichtige, "den Impfstoff im Falle einer Zulassung in der EU zu importieren und die Chargenfreigabe für die EU zu übernehmen". Das Unternehmen investiert derzeit mehr als 30 Millionen Euro in eine "impfstofftaugliche Biotech-Produktion", wie ein Vertreter des Unternehmens sagte. "Wir freuen uns, wenn wir künftig in Bayern Technologien und Prozesse etablieren können, mit welchen wir auch den russischen Impfstoff Sputnik V nach einer Zulassung durch die EMA anbieten können."

Bloß: Wer die in Bayern produzierten Sputnik-Dosen dann verimpfen darf, ist eine ganz andere Frage. Man erinnere sich: Der weltweit erfolgreich eingesetzte Impfstoff der Firma Biontech wurde in Mainz entwickelt. Hatte das zur Folge, dass der Impfstoff in Deutschland nun ausreichend zur Verfügung steht? Absolut nicht. Darum empfiehlt es sich, wenn man Interesse an einem bestimmten Produkt hat, es beizeiten zu bestellen.

EU-Kommission verhandelt nicht. Und Spahn?

Dass das Interesse am russischen Impfstoff in Deutschland gerade exponentiell steigt, ist inzwischen offenbar auch Jens Spahn aufgefallen. Bei seiner Pressekonferenz heute Vormittag erklärte der Bundesgesundheitsminister, er könne sich bei der Bestellung von Sputnik V auch einen nationalen Alleingang vorstellen. Man sei auf verschiedenen Ebenen in engem Austausch mit der russischen Seite. "Ich kann mir auch gut vorstellen, dass wir Verträge schließen - auch zügig schließen", so der CDU-Minister.

Das klingt gut, aber mehr leider auch nicht. Denn wenn Spahn auch in letzter Zeit für vieles kritisiert wurde: Mangelnde Vorstellungskraft kann man dem Minister nicht vorwerfen. Spahn konnte sich schon alles Mögliche vorstellen, vom Durchimpfen aller Pflegeheim-Bewohner im Januar bis zum Testangebot für jeden in Deutschland mit Startschuss 1. März.

Wie intensiv die Gespräche mit der russischen Seite bislang womöglich stattfinden, deutet eine Antwort seines Ministeriums vom gestrigen Donnerstag an: Auf Nachfrage von ntv.de äußerte es sich wie folgt zum Thema Sputnik V: "Es gibt derzeit noch keine Verhandlungen der EU-Kommission mit dem Hersteller über eine Lieferung des Impfstoffs." Ob Spahn denn plane, parallel zu möglichen Verhandlungen der EU selbst mit dem russischen Vertreiber über Lieferungen nach Deutschland zu verhandeln? Keine Antwort aus dem Ministerium. Nur so viel: "Ohne eine Zulassung kann der Impfstoff nicht in Deutschland in Verkehr gebracht werden."

Aus alten Fehlern gelernt?

Keine Antwort kommt nicht gut an, und so äußert sich Spahn 16 Stunden später in gewohnt optimistischem Ton, auch zu Sputnik V. Dafür, dass die deutschen Bemühungen noch keine verkündbaren Ergebnisse haben, hat er auch eine Erklärung parat: Voraussetzung für eine schnelle Zulassung sei, "dass wir erst mal wissen, über welche Mengen und über welche Verfügbarkeiten wir reden".

Abgesehen davon, dass es bei einer Zulassung mitnichten um Verfügbarkeiten geht, sondern um Wirksamkeit und medizinische Risiken: Der russische Hersteller hat mehrfach erklärt, er könne ab Juni 50 Millionen Dosen in die EU liefern. Das scheint eine Menge, über die man doch schon mal reden könnte.

Im Übrigen: Welcher Impfstoff wurde bislang in den Mengen geliefert, für die die EU Verträge abgeschlossen hat? Zunächst kürzte Biontech seine Liefermengen, dann teilte Astrazeneca mit, das Lieferziel könne nicht eingehalten werden. Erst heute wurde bekannt: Biontech packt in Deutschland erfreuliche 580.000 Dosen wieder drauf. Mit Verträgen warten, bis verlässliche Mengen bekannt sind? Das scheint ein unrealistischer Plan.

Durchaus möglich, dass es nun - mit immer mehr öffentlichem Druck - wirklich schnell geht und man aus alten Fehlern gelernt hat. "Die Verträge mit Biontech sind viel zu spät abgeschlossen worden", so FDP-Expertin Aschenberg-Dugnus. "Und wenn die EU damals zehn bis zwölf Milliarden mehr ausgegeben hätte, dann gäbe es jetzt sehr viel mehr Impfstoff."

Zur Stunde tagen Bund und Länder nun im lang erwarteten "Impfgipfel". Bald sollen die Hausärzte mit einbezogen werden, allerdings nur mit einer Impfsprechstunde pro Woche, so die Planungen. Im Entwurf für die Beschlussempfehlung heißt es dazu: "Im April werden die Impfstoffmengen jedoch noch sehr knapp sein."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.