Politik

Zehntausende Kinder verschwunden Spaniens organisierter Babyraub vor Gericht

RTS1TSEX.jpg

Vor dem Gericht versammelten sich Betroffene und deren Sympathisanten.

(Foto: Reuters)

Erst in den 2000ern wird ein Skandal aus Spaniens dunkler Vergangenheit bekannt: Zehntausende Säuglinge von Regimekritikern werden während der Franco-Diktatur gestohlen und von regimetreuen Familien adoptiert. Nun startet der erste Prozess.

Während der Franco-Diktatur sind in Spanien tausende Säuglinge aus Geburtskliniken verschwunden - jetzt hat der erste Prozess um den jahrzehntelangen Babyraub begonnen. Der angeklagte Frauenarzt Eduardo Vela beteuerte in Madrid bei Gericht seine Unschuld, während vor dem Gebäude Dutzende Betroffene und Sympathisanten demonstrierten.

In der Regierungszeit von Francisco Franco zwischen 1939 und 1975 sollen Ärzte, Krankenschwestern und katholische Einrichtungen nach Schätzungen von Historikern und Menschenrechtlern zehntausende Kinder nach der Geburt in Krankenhäusern gestohlen und an regimetreue Familien weitergegeben haben. Der spanischen Justiz liegen heute mehr als 2000 Anzeigen vor.

Opfer waren in den ersten Jahren den Angaben zufolge vorwiegend Regimegegner. Ab den 1950er Jahren sollen auch Eltern, die aus ärmlichen Verhältnissen stammten oder unverheiratet waren, betroffen gewesen sein. Den Eltern wurde damals stets erzählt, die Säuglinge seien tot auf die Welt gekommen oder nach der Geburt gestorben.

Im ersten Prozess geht es um den Fall der Inés Madrigal. Die heute 49-Jährige soll bei ihrer Geburt 1969 in einer Madrider Klinik ihren Eltern entrissen worden sein. Gynäkologe Vela, für den die Staatsanwaltschaft elf Jahre Gefängnis fordert, soll damals die Geburtsurkunde der Klägerin gefälscht haben - und ihre Adoptivmutter als leibliche Mutter eingetragen haben. Der Fall sei ihm "völlig unbekannt", sagte Vela nun zum Prozessauftakt. Der 85-Jährige behauptete, er habe niemandem ein Mädchen gegeben: "Ich erinnere mich an nichts."

Schrecklicher Verdacht nach Bericht

Der Arzt war bereits 1982 kurz von der Polizei befragt worden, nachdem eine Zeitschrift Interviews mit Frauen veröffentlicht hatte, die einen Diebstahl ihrer Babys nach der Geburt im San-Ramón-Krankenhaus in Madrid vermuteten. Die Ermittlungen war zunächst aber ohne Folgen geblieben. Erst nach dem Jahr 2000 waren dann weitere Fälle gestohlener Babys bekannt geworden.

Madrigal hatte nach den ersten TV-Berichten über den Skandal Verdacht geschöpft und ihre Mutter zur Rede gestellt, die die Adoption schließlich zugegeben hatte. Sie sei "am Boden zerstört gewesen" und erstattete 2010 Anzeige. Laut der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft war sie auf Vermittlung eines Geistlichen an ihre Adoptivfamilie übergeben worden. Nach Ermittlungen von Menschenrechtlern und Betroffenen setzte sich der organisierte Babyraub aufgrund des lukrativen Geschäfts in kleinerem Umfang bis Anfang der 1990er Jahre fort.

Quelle: ntv.de, ftü/dpa/AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen