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Prien springt Linnemann bei "Sprache ist Voraussetzung für Bildungserfolg"

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Schulen brauchen heute auch Sozialarbeiter und Psychologen, sagt die CDU-Politikerin Karin Prien.

(Foto: picture alliance / Hendrik Schmi)

CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann muss viel Kritik für seinen Vorschlag einstecken, dass Kinder, die noch nicht richtig Deutsch sprechen können, zur Vorschule gehen oder zurückgestellt werden sollten. Seine Parteikollegin Karin Prien, Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, hat scharf widersprochen, stimmt jedoch in anderen Punkten überein.  

Karin Prien, Bildungsministerin in Schleswig-Holstein

Karin Prien ist Bildungsministerin in Schleswig-Holstein.

(Foto: © 2018 Frank Peter)

n-tv.de: Frau Prien, Sie haben die Forderung Ihres Parteikollegen als "populistischen Unfug" bezeichnet. Warum?

Karin Prien: Es ist populistischer Unfug, in der jetzigen, aufgeheizten Debatte in der Gesellschaft zu erklären, dass, wer kein Deutsch kann, noch nichts in der Grundschule zu suchen hat. Wir können die Chance ergreifen, miteinander eine Debatte darüber zu führen, wie Integration an Schulen besser gelingen kann. Das ist gut.

Herr Linnemann schlägt Vorschulpflicht vor oder, dass Kinder zurückgestellt werden.

Vorschulen haben wir bekanntermaßen in Deutschland so gut wie gar nicht mehr, sondern wir machen Sprachförderung bei den Drei- bis Sechsjährigen in den Kitas. Und wenn Herr Linnemann meint, dass man dort noch mehr machen und investieren muss, dann sind wir gar nicht so weit auseinander. Ich glaube, Kitas sind sehr geeignet, ein frühes Erlernen von Deutsch als Bildungssprache zu ermöglichen. Und dass Deutsch als Bildungssprache der Schlüssel zu Integration ist, darüber besteht ja Einigkeit.

Wenn Vorschule und Rückstellung für Sechsjährige der falsche Weg wären, wo liegt der richtige? Funktionieren die Willkommensklassen?

Ja. Wir nehmen in Schleswig-Holstein Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, die schlechte Deutschkenntnisse haben, an den Grundschulen und an den weiterführenden Schulen an. Aber wir nehmen sie zu Beginn in Klassen für Deutsch als Zweitsprache auf. Dort lernen sie im Regelfall ein Jahr Deutsch, manchmal länger, und wir machen dort auch Werteerziehung und Alphabetisierung. Danach gehen die Schülerinnen und Schüler in die Regelklassen. Aber von Anfang haben sie Kontakt zu Gleichaltrigen, beim Sport, in der Pause oder in der Projektarbeit. Von Anfang an gibt es Begegnungen zwischen den Kindern. Und das halte ich auch für dringend erforderlich. Dieses System unterstützen wir mit sehr vielen Lehrkräften und einem hohen finanziellen Aufwand.

Herr Linnemann sorgt sich darum, dass ein Migrationsanteil ab 30 bis 40 Prozent an einer Schule das Leistungsniveau absenken könnte.

Wir reden in der Schule nicht über die Frage, wo jemand herkommt, sondern wir reden über die Frage: Beherrscht ein Kind Deutsch als Bildungssprache? Das ist die Voraussetzung für Bildungserfolg. Ansonsten sehen wir unterschiedliche Herkunft durchaus als Chance. Vielfalt ist kein negatives Kriterium, sondern richtig genutzt ist sie eine große Chance. Wenn zu viele Kinder in einer Klasse sind, die nicht gut Deutsch sprechen, dann kann sich das als problematisch erweisen. Wir gucken uns in Schleswig-Holstein sehr genau an, wie die Verteilung in den einzelnen Klassen ist. Aber nochmal: Das Kriterium ist nicht der Migrationshintergrund, sondern die Frage: Wie viele Kinder können Deutsch und wie viele Kinder haben da noch Förderbedarf?

Sie haben den hohen finanziellen Aufwand erwähnt. Reichen die Mittel für gute Sprachförderung und Integration?

Wir werden zukünftig 25 Millionen Euro statt 68 Millionen Euro vom Bund für die Integrationsarbeit zur Verfügung haben. 2015 und 2016 waren die Flüchtlingszahlen sehr hoch. Jetzt sind sie deutlich gesunken und es gibt die Vorstellung, man brauche jetzt weniger in Integration zu investieren. Das ist nicht richtig. Wir haben ja nach wie vor viel Integrationsleistung zu erbringen und da sind Kindergarten und Schule in erster Linie gefragt. Wir nutzen die Chancen der frühkindlichen Bildung zu wenig. Ich würde mir wünschen, dass in Deutschland, mindestens da, wo wir hohe Migrationsanteile haben, bei Viereinhalbjährigen Untersuchungen durchgeführt würden. Dann könnten wir gezielt den Spracherwerb fördern zwischen dieser Untersuchung und der Einschulung. Wo es besonders hohen Sprachförderbedarf gibt, sollte man auch über einen verpflichtenden Kitabesuch nachdenken.

Spracherwerb für Flüchtlinge ist eine Herausforderung. Wie steht es um Kinder, die aus Krisengebieten kommen und Schlimmes erlebt haben?

Erfahrungsgemäß haben Kinder recht gute Fähigkeiten, schwierige Erlebnisse zu verarbeiten. In unseren Schulen haben wir nicht viele Kinder, die traumatisiert sind. Wenn sie gut aufgenommen und von Anfang an in Schule und Kita integriert werden, dann haben sie eine echte Chance, in Deutschland gut anzukommen und einen erfolgreichen Bildungsweg zu schaffen. Grundsätzlich brauchen wir an unseren Schulen heute aber nicht nur Lehrkräfte, sondern multi-professionelle Teams, in denen auch Sozialarbeiter und Schulpsychologen arbeiten. In Schleswig-Holstein haben wir mit dieser Zusammenarbeit sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn Herr Linnemann sich zu Recht Sorgen macht über eine gelingende Integration, dann wären das Themen, bei denen sich der Bund mit mehr Unterstützung hervortun könnte.

Mit Karin Prien sprach Frauke Niemeyer

Quelle: n-tv.de

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