Politik

Impfdebatte im Schloss Bellevue Steinmeier hat die Mediziner vergessen

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Experten und Bürger ins Schloss Bellevue eingeladen.

(Foto: imago images/Chris Emil Janßen)

Bei der Impfpflicht kocht die Stimmung hoch und die sachliche Debatte wird schwierig. Bundespräsident Steinmeier will zeigen, wie es geht, zeigt aber ungewollt, welchen Fehler man vermeiden sollte.

"Impfpflicht bedeutet Debattenpflicht", sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch im Schloss Bellevue, bevor er sich anschickt, gleich selbst vorzumachen, wie das geht - die "Ängste und Sorgen" von Skeptischen ernst zu nehmen und gemeinsam zu diskutieren. Eine siebenköpfige Runde hat Steinmeier zur präsidialen Debatte eingeladen, darunter eine Krankenschwester und die Leiterin eines Pflegeheims, die aus ihren Arbeitswelten berichten werden. Aus der Wissenschaft diskutieren Cornelia Betsch und Kai Nagel mit, Betsch als Expertin für Gesundheitskommunikation, Nagel als Modellierer für die Virusausbreitung.

Die Hauptrolle in der Debatte jedoch wird eine aus Baden-Württemberg zugeschaltete Lehrerin einnehmen. Gudrun Gessert sieht die Impfpflicht skeptisch, sorgt sich darum, dass die "Polarisierung zwischen Geimpften und Ungeimpften" den Radikalen Wähler zutreibe und möchte nicht in eine Booster-"Dauerschleife" geraten. Darüber hinaus ist Gessert eloquent und sehr gut vorbereitet und, das wird Steinmeier an diesem Tag zu spüren bekommen, in sehr fordernder Form.

Denn die "Sorgen und Ängste", die Steinmeier erklärtermaßen ernst nehmen möchte und die Gessert und der ebenfalls impfskeptische Bamberger Oliver Foeth in der Debatte formulieren werden, sind keine Fragen, die aus Unwissenheit oder Überforderung resultieren. Es sind Überzeugungen, die beide gewonnen haben, indem sie sich ganz offensichtlich sehr intensiv mit der Corona-Impfung beschäftigten.

So hat Foeth eine Sechs-Punkte-Liste ausgearbeitet, die er zu Beginn seines Statements verliest, in der er die Wirksamkeit der Impfung hinsichtlich ihrer Dauer und in Bezug auf den Schutz vor Ansteckung infrage stellt. Die Risiken der Impfung blieben unberücksichtigt, Optionen wie Therapien würden vernachlässigt, auch seien nicht alle Hilfsstoffe im mRNA-Impfstoff zugelassen. In seinem Umfeld habe es schwere Nebenwirkungen bei den Impfungen gegeben.

Gessert hat zuvor schon bemängelt, mit den Impfstoffen sei keine Herdenimmunität erreichbar, selbst Geboosterte könnten das Virus weitergeben, womit sie durchaus recht hat. Allerdings wäre Herdenimmunität auch nicht das Ziel einer möglichen Impfpflicht, sondern eine Überlastung der Kliniken und massive Einschränkungen zu verhindern.

Wo ist der Immunologe?

Doch Gesserts eigentliches Thema ist die Medizin. Bei den von Foeth erwähnten Hilfsmitteln handelt es sich nach ihrer Ansicht um Nanolipide, die den Impf-Wirkstoff als Schutzhülle umgeben und sich in der Leber anreichern können. Zu den Nanolipiden habe die europäische Arzneimittelbehörde EMA weitere Studien angefordert, diese aber von den Impfherstellern bislang nicht bekommen. Nachzulesen sei das im British Medical Journal von März 2021.

Darauf entgegnet der eingeladene Immunologe - nichts. Es ist nämlich bei dieser Debatte kein Vertreter aus der medizinischen Forschung anwesend. Dieses Manko behindert den gesamten Verlauf der Diskussion, tritt in diesem Moment jedoch ganz deutlich zutage. Wenn niemand im Raum ist, der von Nanolipiden schon mal etwas gehört hat, kann auch niemand auf die Behauptung reagieren, sie könnten sich in der Leber anreichern.

Ohne Reaktion soll das Statement aber auch nicht bleiben, also versucht sich Steinmeier an einem Widerspruch. Die EMA habe nicht eine Notzulassung gegeben, sondern eine zeitlich begrenzte Zulassung und die Prüfverfahren seien weltweiter Standard. Doch bei Bedenken, die derart in medizinische Details gehen, wie Frau Gessert sie vorgetragen hat, kann eine solche Antwort nur unbeholfen wirken.

Hier wird deutlich, wie schwerwiegend der Fehler des Präsidialamts ist: Denn die "Ängste und Sorgen" von Impfgegnern beziehen sich nun mal vorwiegend auf medizinische Aspekte, auf befürchtete körperliche Folgeschäden. Ausgerechnet hierfür einen Ansprechpartner auszusparen, das rächt sich spürbar.

Die Experten retten die Debatte

In mehreren Situationen ist es nur dem umfangreichen Allgemeinwissen von Betsch und Nagel zu verdanken, dass sie Behauptungen der beiden Impfskeptiker einordnen oder entkräften, die nichts mit ihrem eigenen Forschungsfeld zu tun haben, etwa wenn Cornelia Betsch erläutert, wie akribisch das Paul-Ehrlich-Institut Verdachtsfälle von Nebenwirkungen sammelt und auswertet. Die breite Eloquenz der beiden Experten rettet diese Debatte, in der ansonsten medizinische Behauptungen der ebenfalls redegewandten Impfskeptiker unwidersprochen im Raum stehen bleiben würden.

So stellt Betsch gegen Ende fest, "dass wir ganz viel von dieser Diskussion fernab von all unserer Kompetenz verbracht haben, nämlich wo wir über irgendwelche Lipide gesprochen haben, wo niemand von uns die Fachkompetenz hat". Sie wünscht sich dazu einen anschließenden Faktencheck, der die Behauptungen überprüfen soll.

Nach zwei Stunden haben die Diskutierenden gezeigt, wie man über das kontroverse Thema Impfpflicht freundlich und respektvoll streiten kann. Es ist aber auch klar geworden, dass es nicht reicht, über eine Pflicht zur Debatte zu reden. Wer übers Impfen diskutieren will, sollte Virologinnen und Epidemiologen einladen oder es ganz lassen.

Quelle: ntv.de

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