Politik

Komplett absurd, aber erklärlich Stell dir vor, es gibt Arbeit und keiner geht hin

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Schild an einem Feinkostladen auf Sylt.

(Foto: imago images / Chris Emil Janßen)

Wir sitzen auf einer Zeitbombe, aber wegen Krieg, Pandemie und vollgeschissener Hollywood-Betten bekommen wir es nicht mit: Wir finden zu wenig Leute, die die Arbeit machen. Und zwar in allen Bereichen.

Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein Flugzeug. Der Pilot, Anfang 40, empfängt Sie strahlend an der Tür. "Na, Sie sind ja fröhlich", sagen Sie und er lacht, sagt: "Tja, ich bin ein Glückspilz, ich darf fliegen!" Sie gucken verständnislos. Er zieht Sie zu sich heran, sagt leise: "Eigentlich muss man eine 2 schaffen in der Ausbildung, aber weil man kaum noch Piloten findet, reicht jetzt schon eine 3!" Er zwinkert verschwörerisch, knufft Ihnen aufmunternd in die Seite und wünscht einen guten Flug.

Blöd, nicht? Fliegen mit Mittelmaß, hoffentlich geht das gut. Ich kenne mich mit Pilotologie nicht so aus, aber bei Richtern schon - und da passiert genau das. Gerade hat auch Nordrhein-Westfalen die Standards gesenkt, dort können Anwälte nun mit 41 und einem mittelmäßigen Examen noch auf Richter umsatteln. Das "Prädikat", quasi die Eins unter Juristen, die ehemals einzig gültige Eintrittskarte in den Richterdienst, ist passé.

Das sind keine Einzelfälle. Apropos Juristen: Auch die "Anwaltsschwemme" ist vorbei, deren Zahl geht inzwischen sogar leicht zurück, auf dem Land fehlen sie oft ganz. Journalismus war früher ein überrannter Traumjob, jetzt beißen sich Chefredakteure auf den Nägeln herum, weil sie keinen Nachwuchs finden. Die geburtenstarke Boomergeneration geht in Rente - und es kommt zu wenig nach.

Verschleppte Operationen und 1000 Lehrer zu wenig

Im Verwandten- und Bekanntenkreis häufen sich die Anekdoten von verschleppten Operationen und Untersuchungen, weil die Personaldecke - natürlich auch Corona-bedingt - derartig dünn ist, dass jede Störung sofort zu monatelangen Verzögerungen führt.

Es fehlen wirklich überall Leute. Wenn Sie beim Wort Fachkräftemangel noch an Handwerker und Pflegekräfte denken, haben Sie nicht aufgepasst. Es fehlt letztlich "überall an allem", wie es eine Bundestagsabgeordnete mir gegenüber kürzlich ausdrückte. Sie sucht selbst vergeblich Leute für ihr Büro. Allein in Berlin fehlen im kommenden Jahr 1000 Lehrer. Eintausend!

Wir haben zu wenig Ärzte, zu wenig Pfleger, zu wenig Anwälte, zu wenig Friseure, zu wenig Lastwagenfahrer, zu wenig Richter, zu wenig Journalisten, zu wenig Handwerker, zu wenig Erzieher - es gibt nahezu keine Branche, der es nicht an Fachkräften mangelt.

Keine Talkshows, keine Reden - warum?

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln schätzt, dass bis 2035 rund 307.000 Pflegekräfte fehlen. Der Marburger Bund warnt, 22 Prozent der etwa 400.000 Ärzte seien nur noch wenige Jahre berufstätig oder stünden unmittelbar vor der Rente. In Hessen warnt der Richterbund, man müsse Angeklagte freilassen, weil 200 Juristen fehlten. "Der Fachkräftemangel erreicht Rekordniveau" ist eine Schlagzeile, die wir nicht zum letzten Mal gelesen haben.

Dass Deutschland dazu gerade keine hitzige Debatte führt, Talkshows bespielt und feurige Reden erschallen lässt, ist eigentlich komplett absurd - und dann doch wieder erklärlich: Wir haben schließlich andere Dinge am Hals und eine schrumpfende Aufmerksamkeitsspanne zwischen Tiktok, Kacke im Bett von Johnny Depp und den Benzinpreisen. Die grellen Themen der Gegenwart werfen lange Schatten, in deren Schutz sich große Katastrophen zusammenbrauen - wie eine sich über Jahre anbahnende schwere Krankheit.

Wie sehr Krieg und Pandemie die Mechanismen der Öffentlichkeit aus dem Takt gebracht haben, zeigt sich seit Wochen. Die fünf größten Zeitungen machen an vielen Tagen mit fünf unterschiedlichen Themen auf, eine Richtung ist nicht erkennbar. Unsere Aufmerksamkeit reicht aber nicht für viele Themen zugleich. Also bleiben wir bei Krieg, Pandemie und vielleicht Tankrabatt. Manche mögen sich noch für den Klimawandel interessieren, das EU-Verbot für Verbrenner und natürlich die Inflation. Und, klar, immer wieder Quatschthemen wie angeblichen Genderwahn oder Cancel-Culture.

Teilzeit ist nicht Aperol-Zeit

Was ist eigentlich, ganz grundsätzlich, mit dem Thema Wirtschaftspolitik? Trotz Inflation von sagenhaften 8,1 Prozent und einem 100 Milliarden-Paket für die Bundeswehr wirbt der Bundeswirtschaftsminister für Steuererhöhungen bis auf über 57 Prozent. Soll das vielleicht Fachkräfte anlocken? Der allseits geliebte Robert Habeck könnte damit mal eben die Ampel auseinanderwuscheln, wenn er diesen wirtschaftsfeindlichen Kurs beibehält. Der Aufschrei scheint mir gerade nicht laut genug zu sein.

Deutschlands Wirtschaft steckt mitten in einer beschleunigten Energiewende, einer grotesk verspäteten digitalen Transformation und einer äußerst angespannten Weltlage mit chronisch unverlässlichen Lieferketten - aber die breite Öffentlichkeit kümmert nicht, dass Unternehmen Aufträge schieben und Infrastrukturprojekte liegen bleiben, weil man keine Leute findet.

Für den Fachkräftemangel gilt: Aus eigener Kraft füllen wir den Mangel nicht auf. Die Generation Z bringt Personaler um den Verstand: Sie will sich nicht mehr totarbeiten, manche haben festgestellt, dass der Aufschub von Lebensgenuss ins Rentenalter sich nicht immer auszahlt. Teilzeit ist nicht Aperol-Zeit, stellt diese Generation trotzig klar. Selbstverwirklichung, Gutes tun, Freizeit - aber wer schneidet denn jetzt Haare, holt die Blinddärme raus, kümmert sich um Opas Dekubitus, programmiert die Datenbanken der Verwaltung und richtet im Nachbarschaftsstreit?

Ausländer und Ausbildung

Die Ausländer vielleicht. Die Ampel beginnt gerade, ihre ambitionierten Vorhaben in der Migrationspolitik umzusetzen. "Deutschland ist ein Einwanderungsland" ist allerdings bislang ähnlich plattitüdenhaft und hohl wie unsere Beistandsbekundungen zur Ukraine. Apropos: Deren Flüchtlinge werden derzeit bürokratisch auf dem Land verteilt und landen in strukturschwachen Gebieten - statt dort, wo die Arbeit winkt.

Das andere wäre eine Ausbildungsinitiative: Verwirklichung des lebenslangen Lernens. Der Koalitionsvertrag sieht das vor, es soll "Ausbildungsbotschafter" geben, man will die Meisterausbildung erleichtern. In Hessen hat Schwarz-Grün eine Initiative zur kostenlosen Meisterausbildung gerade abgeschmettert - es blieb ein regionales Politikum.

Die Bundespolitik fokussiert sich derzeit auf wirtschaftliche, erratische Symptombekämpfung. Der idiotische "Tankrabatt" hat Rekordspritpreise nicht verhindert, über das 9-Euro-Ticket freuen sich Punker auf Sylt und der neue Spitzensteuersatz würde sicher für linke, wohlfühlige Umverteilung sorgen. Zukunftsfeste Wirtschaftspolitik ist das nicht.

Im Schatten anderer Katastrophen

Der Mangel an Fach- und Arbeitskräften ist ein gewaltiges politisches Problem, das leider das Schicksal der Pandemie-Vorbeugung teilt: Es müsste jetzt gehandelt werden, auch wenn die Öffentlichkeit noch nicht wach ist, im Schatten anderer Katastrophen - bevor es zu spät ist.

Quelle: ntv.de

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