Im Hintergrund liegen LeichenSudans Kindersoldaten werden TikTok-Stars
Auf den Sozialen Medien gehen Sudans Kindersoldaten viral. Als "Löwenbabies" werden sie von Millionen Followern gefeiert – ein gefährlicher Trend nach drei Jahren brutalsten Krieges.
In einem offenbar selbstgedrehten Video läuft ein Junge im Alter von vielleicht zwölf Jahren mit wirren Locken auf dem Kopf und einer Kalaschnikow in der Hand durch staubige Straßen und ruft "Allah ist groß!" auf Arabisch. Hinter ihm liegen Leichen. Es fallen Schüsse.
Zahlreiche Videos und Fotos von Kindersoldaten in Sudan gehen dieser Tage auf den Sozialen Medien viral, vor allem auf TikTok. Die meisten sind selbst gefilmt mit Handykameras und erhalten Millionen von Likes und hunderttausende Follower, so Sebastian Vandermeersch, Reporter bei der investigativen Medienplattform Bellingcat. Er ist bei seiner Recherche über Kriegsverbrechen im Sudan mehr oder weniger zufällig über diese TikTok Accounts der Kindersoldaten gestolpert: "Ich konnte auf TikTok ein ganzes Netzwerk von Accounts finden, die Inhalte über Kindersoldaten teilten und damit Millionen Aufrufe erzielten."
Er beschloss, die Sozialen Medien gezielt nach Inhalten von oder über Kindersoldaten in Sudan zu durchsuchen - und letztlich die Verantwortlichen der Plattformen damit zu konfrontieren. Denn, so Vandermeersch: "Kindersoldaten als Influencer sind ein völlig neues Phänomen."
Die Vereinten Nationen melden, dass zunehmend mehr Kinder gezielt von den Kriegsparteien zur Teilnahme am Krieg gezwungen werden. Vor allem die Miliz RSF (Schnelle Eingreiftruppe), die in den vergangenen Monaten die Region Darfur erobert hat, unterhält viele Kindersoldaten in ihren Reihen, so Mohamed Othman, Leiter des UN-Ermittlerteams, das Kriegsverbrechen im Sudan dokumentiert. "Sie werden in verschiedenen Funktionen eingesetzt, zum Beispiel an Straßensperren, aber auch für Spionageaufgaben", berichtet Othman.
Die Rekrutierung und der Einsatz von Kindern unter 15 Jahren ist ein Verbrechen, welches laut dem Rom-Statut, auf welchem die Gerichtsbarkeit des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag aufbaut, als Kriegsverbrechen gilt, so Othman. Sein Team habe im Februar nach dreimonatiger Recherche dem UN-Menschenrechtsrat in Genf einen Bericht vorgestellt, in welchem auch der Einsatz von Kindersoldaten dokumentiert sei.
Der Krieg in Sudan, der vor drei Jahren begann, ist eine der größten humanitären Katastrophen weltweit. Fast zehn Millionen Menschen wurden innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben, mehr als vier Millionen suchen in den Nachbarländern Schutz. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist von akutem Hunger bedroht.
"Löwenbabys" mit schweren Traumata
Vor allem die zahllosen unbegleiteten Kinder, die ohne Eltern in den zahlreichen Vertriebenenlagern umherirren, "laufen Gefahr, für den Krieg rekrutiert zu werden", so Bashir. Laut Angaben der Vereinten Nationen sind es mehr als 40.000 Kinder, die ohne Eltern in den Lagern registriert wurden. Die meisten haben laut Bashir auf der Flucht oder während der Bombardierungen ihre Eltern verloren.
Als "Löwenbabys" werden sie online bezeichnet. Der Begriff wurde bereits in den vergangenen Kriegen in Sudan aber auch in den umliegenden Ländern verwendet. Im Südsudan und in Uganda wurden in der Vergangenheit abertausende Kinder an den Fronten eingesetzt. Doch diese Kindersoldaten sind letztlich schwer traumatisiert und ihr Leben lang gezeichnet, warnt Bashir von Save the Children. "Statistiken zufolge leiden bis zu 50 Prozent der Kinder in Sudan an posttraumatischer Belastungsstörung", so Bashir und betont: "Das sind wirklich alarmierende Zahlen."
Bei den Kindern, die gezwungen werden mitzukämpfen, sind die Zahlen wahrscheinlich noch höher. Doch die Folgen zeigen sich meist erst langfristig. Denn posttraumatische Belastungsstörungen äußern sich oft erst viel später und haben vielfältige Symptome, unter anderem Albträume und nachlassende Schulleistungen. "Doch um all diese Kinder zu behandeln, fehlen uns in Sudan schlichtweg die spezialisierten Gesundheitseinrichtungen, die sich mit diesem Problem auskennen", so Bashir.
Wenn jedoch diese Kinder keine Behandlungen erfahren, zieht dies sehr negative Folgen für die ganze Gesellschaft nach sich, auch wenn der Krieg vorüber ist, so Victor Ochen. Der Ugander ist Direktor der Organisation AYNET, die sich auf die psychosoziale Behandlung von ehemaligen Kindersoldaten spezialisiert hat. Sie ist eine der wenigen Einrichtungen dieser Art auf dem Kontinent. Dass nun diese Kindersoldaten zu regelrechten Kriegshelden stilisiert werden, findet er alarmierend: "Sie können durch ihr Verhalten auf den Sozialen Medien als Propagandainstrumente der Kriegsparteien missbraucht werden."
Krieg prägt auch künftige Generation
Jüngst schulte Ochen, der selbst in Ugandas Bürgerkrieg als Kind aufgewachsen ist, auch Psychologen aus dem Sudan. Er weiß: Meist prägen die Kriegserfahrungen nicht nur die Kinder, sondern auch die zukünftigen Generationen. In einer regionalen Studie im Auftrag der Afrikanischen Union arbeiteten die Mitarbeiter von AYNET heraus, dass die ganze Region - darunter auch Sudan - in regelmäßigen Zyklen brutale Bürgerkriege erfahre. Der Grund, so Ochen: "Weil viele als Kinder Krieg erleben. Sobald sie zehn bis 15 Jahre älter und erwachsen werden, sind diese ehemaligen Kindersoldaten bereit, zurückzuschlagen." Damit setze sich das Trauma und die Gewalt über Generationen hinweg fort.
Investigativjournalist Sebastian Vandermeersch konfrontierte TikTok mit diesen Videos. Doch die Plattform reagierte nur sehr verhalten, musste er feststellen. "Nach 48 Stunden waren die Accounts aber immer noch auf TikTok verfügbar", sagt Vandermeersch. Erst nach Veröffentlichung seines Artikels hat die Plattform alle gemeldeten Accounts abgeschaltet. Doch, so der Journalist: "Letzte Woche musste ich bereits neue Accounts melden, denn dieselben Kindersoldaten haben einfach neue Konten eröffnet."
