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Anschlag von Straßburg Tatverdächtiger saß in Deutschland in Haft

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Frankreichs Regierung rief die höchste Terrorwarnstufe aus.

(Foto: dpa)

Wer ist der Mann, der gestern in Straßburg drei Menschen getötet haben soll? Offenbar handelt es sich um einen 29-Jährigen, der bereits polizeibekannt war. Der Inlandsgeheimdienst führte ihn als Sicherheitsrisiko.

Der mutmaßliche Angreifer von Straßburg hat nach Kenntnis der deutschen Justiz bereits etliche Jahre im Gefängnis verbracht - in allen Fällen ging es um Einbrüche. So verurteilte das Amtsgericht Singen den Mann Mitte 2016 zu zwei Jahren und drei Monaten Haft, weil er in eine Zahnarztpraxis in Mainz und eine Apotheke in Engen im Süden Baden-Württembergs eingebrochen war.

Wie aus dem entsprechenden Urteil außerdem hervorgeht, wurde er unter anderem schon 2008 in Frankreich und 2013 in der Schweiz jeweils wegen mehrerer Einbrüche zu Gefängnisstrafen verurteilt. Alle Taten hat er zugegeben. Nach Informationen des Berliner "Tagesspiegels" saß der inszwischen 29-jährige Franzose marokkanischer Abstammung wegen eines schweren Diebstahls von Januar 2016 bis Februar 2017 in Deutschland in Haft: Von Januar bis Oktober 2016 in der Justizvollzugsanstalt Konstanz, dann in der JVA Freiburg.

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Er sei zusammen mit sechs Geschwistern im Elternhaus in Straßburg aufgewachsen, heißt es. Er habe einen dem Hauptschulabschluss vergleichbaren Abschluss, aber keine Ausbildung gemacht. Nach der Schule habe er bei der Gemeinde gearbeitet, seit 2011 sei er arbeitslos gewesen und nach eigener Aussage viel gereist. Schon vor seiner Verurteilung in Singen habe er insgesamt vier Jahre in Gefängnissen verbracht.

Nach dem Verbüßen der Strafe wurde er im Februar 2017 nach Frankreich abgeschoben. Dort sei er als terroristischer Gefährder eingestuft, in Deutschland aber offensichtlich nicht, schreibt der "Tagesspiegel". Die deutschen Sicherheitsbehörden sind demnach nicht nur an der Suche nach dem Attentäter von Straßburg beteiligt, sondern fahnden auch nach dessen Bruder.

Die beiden wohnten in Straßburg, wie das Blatt berichtete. Die Brüder würden als radikalisiert eingestuft und dem Straßburger Islamistenmilieu zugerechnet, sagte ein hochrangiger Sicherheitsexperte der Zeitung. Kontakte zur Salafistenszene in Deutschland seien bislang allerdings nicht bekannt.

In Deutschland tauchen die Namen des mutmaßlichen Attentäters Chérif C. und seines Bruders Sami C. allerdings nach dpa-Informationen nicht in der Datei für islamistische Gefährder auf. Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Schwelle für eine Registrierung in der französischen "fiche-S-Datei" sei deutlich niedriger als für die Aufnahme in die deutsche Gefährder-Datei.

Am Vorabend hatten die Ermittler lediglich mitgeteilt, dass ihnen der Tatverdächtige bekannt sei. Die Straßburger Polizeipräfektur erklärte, der Täter sei vom Inlandsgeheimdienst als Sicherheitsrisiko eingestuft gewesen. Demnach gibt es eine eigene Akte: Über ihn sei ein sogenanntes "Fiche S" geführt worden, hieß es. In dieser Kategorie werden rund 26.000 Personen gelistet, darunter auch gewaltbereite Islamisten. Diesen Angaben zufolge ist den Behörden der volle Name des Mannes bekannt.

Im Internet kursieren Bilder, die angeblich das Gesicht des dringend tatverdächtigen Mannes zeigen. Bei dem Gesuchten soll es sich Medienberichten zufolge um einen Mann namens Chérif C. handeln. Gesicherte Angaben zur Identität des Täter liegen allerdings noch nicht vor. Von den Behörden bestätigt ist bislang nur, dass der Tatverdächtige in Straßburg geboren wurde und französischer Staatsbürger ist.

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Der Verdächtige hatte nach Angaben der Präfektur am Vorabend gegen 20 Uhr nahe dem Weihnachtsmarkt von Straßburg das Feuer eröffnet. Die Behörden beschrieben den genauen Tatort nicht näher und gaben lediglich an, der Täter habe an drei verschiedenen Orten in der Stadt "Terror" verbreitet. Zwischen 20 und 21 Uhr habe er sich zweimal einen Schusswechsel mit Sicherheitskräften im Patrouilleneinsatz geliefert. Die Nachrichtenagentur AFP meldete unter Berufung auf die Polizei, der vermutlich radikalisierte Mann sei vor seiner Flucht von Soldaten verletzt worden. Laut dem Sender France Info entkam er mit einem Taxi, das er gestohlen hatte. Wie stark der mutmaßliche Täter bei den Schusswechseln verletzt wurde, ist unklar.

Festnahme gescheitert

Der junge Mann hätte einem Medienbericht zufolge eigentlich schon am Dienstagmorgen verhaftet werden sollen. Offenbar waren ihm die Ermittler bereits wegen anderer Delikte auf der Spur. Am Vormittag scheiterte eine geplante Festnahme, wie mehrere Medien berichteten. Wie France Info unter Berufung auf Polizeiquellen berichtet, trafen ihn die ausgesandten Ermittler nicht zu Hause an.

Bei den Ermittlungen gegen ihn soll es ursprünglich um schweren Raub gegangen sein. Chérif C. wird in diesem Zusammenhang unter anderem auch versuchter Mord vorgeworfen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung sollen Granaten gefunden worden sein, wie France Info und die Zeitung "Le Parisien" berichteten. Der 29-Jährige wohnte laut dem Lokalblatt DNA im Straßburger Stadtteil Koenigshoffen. Diesen Angaben zufolge wurde der Mann im Jahr 2011 zu einer zweijährigen Haftstrafe unter anderem wegen eines bewaffneten Überfalls verurteilt.

Der Täter ist noch immer flüchtig. Die Bundespolizei kontrolliert mehrere Grenzübergänge von Deutschland nach Frankreich. Die französische Regierung rief nach dem Anschlag die höchste nationale Sicherheitswarnstufe aus. Die Grenzen des Landes werden verstärkt kontrolliert, ebenso die Weihnachtsmärkte. Das Auswärtige Amt verschärfte seine Reisehinweise für Frankreich. Reisende werden gebeten, "besonders vorsichtig zu sein und den Anweisungen von Sicherheitskräften unbedingt Folge zu leisten".

Die Polizei geht bei dem Anschlag in Straßburg von einem terroristischen Hintergrund aus. Die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft leitete noch am Dienstagabend Ermittlungen wegen des Verdachts auf "Mord und Mordversuch im Zusammenhang mit einer terroristischen Unternehmung" und wegen "Bildung einer kriminellen terroristischen Vereinigung" ein.

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Quelle: n-tv.de, ghö/AFP/dpa/rts

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