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"Sie müssten ganz Mossul hinrichten" Tausende fliehen heimlich vor dem IS

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Zivilisten kommen im Bezirk Mithaq im Osten Mossuls an, der von der irakischen Armee kontrolliert wird.

(Foto: REUTERS)

Zivilisten, die versuchen, vor dem IS aus dem Westen Mossuls zu fliehen, richten die Dschihadisten bis vor kurzem noch hin. Doch inzwischen gehen Tausende in der Stadt das Risiko ein und setzen sich über den Tigris in den Osten der Stadt ab.

Sie warten bis zum Einbruch der Nacht. Mit Booten wagen sie sich in der Dunkelheit über den Tigris. Andere versuchen, sich an Seilen über die zerbombten Brücken ans andere Ufer des Flusses zu hangeln - stets in Gefahr, beschossen zu werden. Den Westteil Mossuls kontrolliert die radikal-islamische IS-Miliz. Im Osten steht die irakische Armee. Dort sie die Menschen in Sicherheit.

Rund 116.000 Zivilisten sind aus der irakischen Millionenmetropole geflohen, seit die Armee vom Osten Mossuls her ihre Offensive gegen die IS-Miliz begonnen hat. Doch auch nach fast zwölf Wochen und der schwersten Schlacht im Land seit 2003 ist der Westen noch immer unter der Kontrolle der Extremisten. Und immer mehr Menschen versuchen, dem IS zu entkommen.

"Nur, wer Glück hat, kommt raus", sagt Dschamal. Er ist mit Hilfe über die Trümmer einer der fünf Brücken in den Ostteil Mossuls gelangt. Nun haust Dschamal in einem Lager, mit seiner Frau und drei Kindern. "Wenn sie nur für eine Viertelstunde einen Weg öffnen würden - nicht einer bliebe im Westteil."

Lebensmittel werden knapp

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Rauchsäulen über den umkämpften Gebieten der zweitgrößten Stadt des Irak.

(Foto: REUTERS)

Dort wird zwar derzeit nicht gekämpft. Doch die Lebensmittel werden knapp. Die Regierungstruppen sind im November zusammen mit schiitischen Einheiten auch vom Südwesten her auf Mossul vorgerückt. Die einzige Zugangsstraße, über die der IS sich versorgen könnte, ist seither abgeriegelt.

Zivilisten, die in den vergangenen Tagen aus West-Mossul geflohen sind, berichten, die IS-Miliz habe versprochen, schon bald Lebensmittel zu verteilen. In Kürze werde die Belagerung der Regierungstruppen durchbrochen, habe der IS angekündigt. Die Menschen sollten bleiben. Sie glauben den Extremisten nicht.

Hilfsorganisation bereiten sich auf eine Massenflucht aus Mossul vor. Die meisten der rund 1,5 Millionen Einwohner sind bislang geblieben. Viele wollten ausharren, andere hatten keine Chance zur Flucht. Das spielt dem IS in die Hände, denn die irakische Armee bemüht sich, zivile Opfer zu vermeiden. So geriet ihr Angriff ins Stocken.

Die meisten Einwohner hätten das Ende der Offensive abwarten wollen, berichtet Abu Moschen. "Als der Angriff stoppte, haben die Leute gesagt: Die Armee kommt nicht durch zu uns", erzählt der 20-Jährige, der sich von einem Freund über den Tigris in den Ostteil der Stadt hat rudern lassen. "Jetzt glauben die Leute, dass es ein oder sogar zwei Jahre dauern wird." Vergangene Woche hat die irakische Armee einen neuen Anlauf unternommen, den Westteil Mossuls zu erobern.

Bis vor kurzem haben die IS-Extremisten jeden hingerichtet, den sie bei einem Fluchtversuch aus ihrem selbst ausgerufenen Kalifat erwischt haben. Doch angesichts der schieren Masse an Flüchtlingen lassen sie inzwischen davon ab. "Jetzt peitschen sie die Leute aus und schicken sie nach Hause", sagt der 22-jährige Abu Abd, der erst vor drei Tagen den Tigris überquerte. "Sie müssten ja ganz Mossul hinrichten."   

Quelle: n-tv.de, Isabel Coles, rts

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