Politik

Der "Verräter" am Ziel seiner Träume Temer ist neuer brasilianischer Präsident

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Michel Temer und Dilma Rousseff haben sich nichts mehr zu sagen.

(Foto: REUTERS)

Viele Jahre schon lange strebt Michel Temer nach der brasilianischen Staatsspitze. Durch die Amtsenthebung von Dilma Rousseff ist er nun endlich Präsident. Das Schicksal seiner Vorgängerin könnte allerdings auch ihn ereilen.

Mit der Absetzung der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff hat Michel Temer sein Ziel erreicht: Der bisherige Vizepräsident, der bereits seit der Suspendierung der Sozialistin im Mai als Interimspräsident die Staatsgeschäfte führte, rückt nun selbst an die Staatsspitze. Dem 75-jährigen Politikveteranen von der Mitte-Rechts-Partei PMDB ist damit durch politische Winkelzüge das gelungen, was ihm seit Jahren an den Urnen verwehrt geblieben war.

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Bei der brasilianischen Bevölkerung überwiegt noch die Freude über die Absetzung von Dilma Rousseff. "Auf Wiedersehen, Liebste" steht auf dieser aufblasbaren Figur.

(Foto: AP)

Für Rousseff und ihre Anhänger ist die Amtsenthebung nichts anderes als ein "Putsch" und Temer ein "Verräter" oder "Chef einer Verschwörung", um die demokratisch gewählte Staatschefin aus dem Amt zu drängen. Trotz der mangelnden Legitimation durch Wahlen ist Temer entschlossen, bis zur nächsten Präsidentenwahl Ende 2018 im Amt zu bleiben. Seine Hoffnung ist, bis dahin seinen Rückhalt bei den Brasilianern zu stärken, von denen laut Umfragen derzeit nur 14 Prozent hinter ihm stehen.

Temer ist kein charismatischer Populist, der die Massen mitreißt. Eher entspricht er dem Typ des gerissenen Fuchses, der Chancen zu nutzen weiß. 1940 wurde er im Bundesstaat São Paulo als jüngster Sohn libanesischer Einwanderer geboren. Er profilierte sich als Verfassungsrechtler und war wiederholt Präsident des Abgeordnetenhauses. Lange war er den Brasilianern vor allem bekannt, weil er mit einer mehrere Jahrzehnte jüngeren Ex-Schönheitskönigin verheiratet ist, die bald ein Kind von ihm zur Welt bringen wird. Temer hat bereits fünf Kinder aus drei Ehen.

Bruch per Brief

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Mit Freude legt Michel Temer den Amtseid ab.

(Foto: dpa)

Seit 15 Jahren ist Temer Vorsitzender der PMDB, die an sämtlichen Regierungen seit 1994 beteiligt war. Im vergangenen Herbst legte er einen wirtschaftspolitischen Entwurf mit dem Titel "Eine Brücke in die Zukunft" vor. Darin ging er mit Rousseffs linker Arbeiterpartei hart ins Gericht und warf dem Koalitionspartner "Exzesse" und "Verschwendung" vor. Seine Gegenrezepte: rigide Sparpolitik, Steuererleichterungen für Reiche, Stopp der Sozialprogramme für die Ärmsten der Armen.

Im Dezember vollzog er dann den Bruch in einem "persönlichen Brief" an die Präsidentin. Voller Bitterkeit warf er ihr darin vor, ihn stets verachtet und als "Staffage" behandelt zu haben. Auf Anrufe aus dem Präsidentenpalast reagierte er fortan nicht mehr. Ende März ließ Temers Partei das Regierungsbündnis mit Rousseff platzen und leitete ein Amtsenthebungsverfahren ein, das im Mai zu ihrer Suspendierung führte, woraufhin Temer als Vizepräsident automatisch die Staatsführung übernahm.

Besonders peinlich war seine Antrittsrede als Übergangspräsident, die schon Wochen vorher an die Öffentlichkeit gelangte. Darin bezeichnete Temer es als seine "große Mission", das Land "zur Ruhe zu bringen und zu einen". Dabei ist Brasilien nicht zuletzt wegen seiner politischen Winkelzüge so tief gespalten. Die meisten Wähler wünschen sich, dass auch Temer aus dem Amt scheiden möge. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch gegen ihn ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet wird - wegen der Verwicklung in Korruptionsaffären.

Quelle: ntv.de, Rosa Sulleiro, AFP