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Chaoswochen schlagen durch Trump kann sich nicht alles erlauben

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Laut aktuellen Umfragewerten liegt Trump rund zehn Prozent hinter seinem Herausforderer Biden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Lange, lange Zeit hat es so ausgesehen, als sei die Unterstützung für US-Präsident Trump stabil - so wie sein Rückstand auf Herausforderer Biden bei Wahlumfragen. Dann beginnt der Oktober.

Wenn sich Donald Trumps Wahlkämpfer eine Realität aussuchen dürften, sähe sie vermutlich so aus: Wie im Jahr 2016 bleiben Demokraten aus Frust über einen zweifelhaften Kandidaten am 2. November zu Hause. Die Republikaner indes können sich auf die Trump'sche Kernwählerschaft, frustrierte Weiße ohne College-Abschluss, verlassen; die zeigen erneut den nötigen Enthusiasmus, um "ihren" Präsidenten weitere vier Jahre im Amt zu halten, und überzeugen genug Wankelmütige davon, dass nur Trump die Wirtschaft wieder in Gang bringen könnte.

Doch nach diesem Szenario sieht es zwei Wochen vor der Wahl in den USA nicht aus. Im Gegenteil, Trumps Herausforderer hat seinen Umfragevorsprung unter registrierten Wählern im entscheidenden Oktober ausgebaut. Im nationalen Schnitt liegt der Demokrat Joe Biden inzwischen rund 10 Prozent vor dem Präsidenten, das sind etwa drei Prozent mehr als noch im September. Auch in mehreren umkämpften Bundesstaaten, die für den Ausgang der Wahl entscheidend sind, hängt Trump leicht hinterher.

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Es ist zwar möglich, dass wie 2016 die Demokraten die Wahl schon fast als gewonnen ansehen und Trump mit Hilfe wütender, vormaliger Nichtwähler seinen Triumph wiederholt. Doch es gibt mehrere Dinge, die dagegen sprechen. So befragen die meisten Umfrageinstitute in diesem Wahlkampf anteilig mehr Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen. Wäre die Situation ähnlich wie vor vier Jahren, müssten Trumps Ergebnisse besser sein. Das Gegenteil ist der Fall. Hillary Clinton kam zum gleichen Zeitpunkt vor der Wahl 2016 auf rund vier Prozent weniger Vorsprung als Biden derzeit.

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Der Sprung, den Bidens Umfragewerte zu Beginn des Monats machten, waren nach der ersten Fernsehdebatte zu beobachten, als Trump sowohl den Demokraten als auch den Moderator des konservativen Nachrichtensenders Fox News permanent über den Mund gefahren war. Das könnte wankelmütige Wähler ins Zweifeln gebracht haben. Dazu kam die Erkenntnis, dass die USA bis über beide Ohren im Krisenmorast stecken: Das Coronavirus erreichte bekannte Republikaner, das Weiße Haus und auch den Präsidenten selbst. Trump wurde mit Sauerstoff versorgt, so kritisch war sein Gesundheitszustand.

Trump hat seither vergeblich versucht, einen Wahlkampfvorteil aus seiner Ansteckung zu ziehen, die Bedrohung als eine von außen zu verkaufen und damit auf andere zu zeigen. Ein schwieriges Unterfangen: Wie soll er die Krise für andere lösen, wenn er es noch nicht einmal schafft, das Virus von sich selbst, seinem Führungszirkel und seiner Familie fernzuhalten? Der Präsident trägt eine Mitverantwortung für die Coronakrise im Land, weil er sie nicht als tödliche Gefahr, sondern monatelang als Nachrichtenzyklus für seine Eigenwerbung verstanden habe, polterte zuletzt sogar ein republikanischer Senator bei einer Fragerunde mit Wählern.

Mahnungen vom Wahlkampfchef

Der für Trump bislang desaströse Oktober wirkt wie eine logische Entwicklung des bisherigen Wahlkampfes: Anfang des Jahres stand noch nicht einmal fest, dass Joe Biden überhaupt für die Demokraten antreten würde, da lag der Demokrat in Umfragen schon leicht vor dem Präsidenten. Nun, da die Coronakrise den Präsidenten seines großen Wiederwahlarguments, der guten Wirtschaftslage, beraubt hat, sieht es noch schlechter für ihn aus.

Am Spendenaufkommen ist zu beobachten, dass die Aussicht, Trump aus dem Amt zu bekommen, offenbar immer mehr Demokraten mobilisiert. Als etwa die liberale Oberste Richterin Ruth Bader Ginsburg starb und nicht klar war, ob die Republikaner es schaffen würden, sie mit einer Konservativen zu ersetzen, spendeten mehr US-Amerikaner für Biden als zuvor. Inzwischen hat er wesentlich mehr Geld als Trump in der Wahlkampfkasse.

Alles sicher für Biden also? Nicht aus Sicht seiner Wahlkämpfer. In einem internen Rundschreiben warnt Wahlkampfchefin Jen O'Malley Dillon vor Selbstgefälligkeit: "Während wir national einen soliden Vorsprung haben, sind wir nur drei Prozent vorne in Bundesstaaten wie Arizona und North Carolina, auf die wir für den Sieg zählen", zitiert das US-Magazin "The Hill" sie. Auch die besten Umfragen könnten sich demnach als falsch herausstellen, weshalb der Wahlkampf geführt werden muss, als läge man hinten. Auch im umkämpften und wichtigen Florida deuten die Umfrageergebnisse auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin.

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Trumps Wahlsieg vor vier Jahren war knapp und gelang nur aufgrund des Electoral College, des Wahlmänner-Systems. Trotz fehlenden Enthusiasmus hatte Clinton die meisten Stimmen auf sich vereint, die aber nicht reichten. Diesmal versuchen die Demokraten, ihre Wähler von Briefwahl zu überzeugen, die schon im Gange ist. 233 Millionen US-Amerikaner sind wahlberechtigt, über 80 Millionen Briefwahlunterlagen wurden laut der Universität von Florida beantragt und demnach bereits fast 27 Millionen Stimmen im ganzen Land abgegeben. Tendenziell stimmen mehr Demokraten per Brief ab als Republikaner.

Zwar gilt es, mit Prognosen noch vorsichtiger umzugehen als mit Umfrageergebnissen; eine Entwicklung zeigen sie jedoch zweifellos auf: Trumps Siegchance liegt derzeit nur bei 13 Prozent, schätzt das Statistikportal "FiveThirtyEight", so niedrig wie noch nie. Ende September waren es noch über 20 Prozent. Bidens Wahlkampfchefin beruhigt auch das nicht. Man dürfe Donald Trump oder seine Fähigkeit nicht unterschätzen, sich in den letzten Tagen noch einmal heranzukämpfen, mahnt sie: "Durch welche Schmutzkampagne oder hinterhältige Taktik auch immer."

Quelle: ntv.de