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"Dieser Angriff ist von unseren Streitkräften sofort erwidert worden", sagt der Ministerpräsident der Türkei Erdogan.
"Dieser Angriff ist von unseren Streitkräften sofort erwidert worden", sagt der Ministerpräsident der Türkei Erdogan.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Mittwoch, 03. Oktober 2012

Ankara schlägt zurück: Türkei beschießt Syrien

Hier kommt der Autor hin

Es ist ein Vergeltungsschlag: Die Türkei feuert nach eigenen Angaben auf Ziele in Syrien. Als Auslöser für den Angriff nennt das Nato-Miglied Granatbeschuss aus dem Nachbarland, der zuvor fünf türkischen Zivilisten das Leben kostete. Der Nato-Rat kommt zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen.

Die türkischen Streitkräfte haben nach einem tödlichen Granatenbeschuss aus Syrien Vergeltungsangriffe gestartet. "Dieser Angriff ist von unseren Streitkräften sofort erwidert worden", erklärte der türkische Ministerpräsident Recet Tayyip Erdogan. Die Streitkräfte feuerten demnach "auf Ziele entlang der Grenze, die mit Radar identifiziert" worden waren. Der Nato-Rat wurde am späten Abend zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengerufen. Es gehe dabei um eine Konsultation nach Artikel vier des Nato-Vertrags, berichteten Diplomaten. Der Artikel sieht Beratungen vor, wenn eines der Mitglieder die Unversehrtheit seines Gebiets als bedroht ansieht.

Auszug aus Nordatlantikvertrag

Artikel 4
Die Parteien werden einander konsultieren, wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht ist.

Artikel 5
Die Parteien vereinbaren, daß ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird; sie vereinbaren daher, daß im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jede von ihnen in Ausübung des in Artikel 51 der Satzung der Vereinten Nationen anerkannten Rechts der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung der Partei oder den Parteien, die angegriffen werden, Beistand leistet, indem jede von ihnen unverzüglich für sich und im Zusammenwirken mit den anderen Parteien die Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, trifft, die sie für erforderlich erachtet, um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten. Vor jedem bewaffneten Angriff und allen daraufhin getroffenen Gegenmaßnahmen ist unverzüglich dem Sicherheitsrat Mitteilung zu machen. Die Maßnahmen sind einzustellen, sobald der Sicherheitsrat diejenigen Schritte unternommen hat, die notwendig sind, um den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit wiederherzustellen und zu erhalten.

Artikel 6
Im Sinne des Artikels 5 gilt als bewaffneter Angriff auf eine oder mehrere der Parteien jeder bewaffnete Angriff

• auf das Gebiet eines dieser Staaten in Europa oder Nordamerika, auf die algerischen Departements Frankreichs, auf das Gebiet der Türkei oder auf die der Gebietshoheit einer der Parteien unterliegenden Inseln im nordatlantischen Gebiet nördlich des Wendekreises des Krebses;

• auf die Streitkräfte, Schiffe oder Flugzeuge einer der Parteien, wenn sie sich in oder über diesen Gebieten oder irgendeinem anderen europäischen Gebiet, in dem eine der Parteien bei Inkrafttreten des Vertrags eine Besatzung unterhält oder wenn sie sich im Mittelmeer oder im nordatlantischen Gebiet nördlich des Wendekreises des Krebses befinden.

Durch den Einschlag syrischer Granaten waren in Akcakale nahe der syrisch-türkischen Grenze fünf Menschen getötet worden. Es handelte sich dabei laut Augenzeugenberichten um eine Mutter und ihre Kinder. Bürgermeister Abdülhakim Ayhan sagte, die Bevölkerung sei wütend, da immer wieder Geschosse nach Akcakale hineinflögen.

Die Ortschaft Akcakale liegt unmittelbar an der Grenze zu Syrien und nahe des lange umkämpften Grenzübergangs Tell Abjad, den syrische Rebellen nach zweitägigen Gefechten eingenommen hatten. Es war zuletzt in der vergangenen Woche von einer aus Syrien abgefeuerte Mörsergranate getroffen worden. Zuvor waren schon mehrere Türken in Grenznähe von Schüssen aus Syrien getroffen worden. Ankara protestierte mehrmals und berief schon einmal eine Krisensitzung des Nato-Rates ein, Nato vor dem Bündnisfall?

Das Verhältnis der beiden Nachbarstaaten wandelte sich von freundschaftlich vor dem Beginn des Bürgerkrieges vor mehr als einem Jahr hin zu äußerst angespannt. Die Türkei Türkei verlegt Truppen an Grenze Nun schlug sie erstmals militärisch zurück.

UN und Nato zutiefst besorgt

Die Vereinten Nationen zeigten sich schon kurz nach dem Beschuss des türkischen Dorfes besorgt über das Verhältnis von Ankara und Damaskus. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte: Die Türkei müsse alle Kommunikationskanäle zu syrischen Behörden offenhalten, um einen weiteren Aufbau von Spannungen zu vermeiden, sagte er nach Angaben eines Sprechers bei einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu.

Davutoglu hatte Ban zuvor über den Zwischenfall in dem türkischen Grenzdorf unterrichtet. Davutoglu sprach auch mit dem internationalen Syrien-Sondervermittler Lakhdar Brahimi über den Vorfall. Zu diesem Telefonat teilte die UN keine Einzelheiten mit.

Von NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hieß es: Das Militärbündnis beobachte die Lage "mit großer Sorge". Der Generalsekretär hat den Vorfall nach Angaben einer Sprecherin "scharf verurteilt".

Auch US-Außenministerin Hillary Clinton äußerte ihre "Entrüstung" darüber, dass aus Syrien über die Grenze geschossen worden sei. "Wir bedauern den Verlust von Menschenleben auf der türkischen Seite", sagte Clinton. Der türkische Vize-Regierungschef Bülent Arinc sagte, dieser Angriff gehe "zu weit". Er verwies darauf, dass die Türkei als NATO-Mitglied Anspruch auf Beistand habe, wenn sie angegriffen werde.

Fast 50 Tote durch Autobomben

Bei mehreren Anschlägen mit Autobomben sind derweil in der nordwestsyrischen Metropole Aleppo nach Angaben aus Behördenkreisen fast 50 Menschen getötet worden. Mehr als 90 weitere seien verletzt worden, berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Das Staatsfernsehen sprach von "drei terroristischen Anschlägen", die auf dem zentralen Platz der Stadt stattgefunden haben sollen. Einige hundert Meter weiter detonierte eine vierte Bombe. Die Opfer seien vor allem Armeeangehörige hieß es.

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte richtete sich der Anschlag gegen einen Offiziersclub und ein Hotel. An dem Platz im Zentrum der seit Monaten heftig umkämpften Stadt befinden sich auch zahlreiche Regierungsgebäude, die sämtlich geschlossen wurden.

Aleppo war bis Juli unter der Kontrolle der Regierung. In der vergangenen Woche starteten die Rebellen eine neue Offensive, um die Stadt einzunehmen. Aleppos historische Altstadt brennt Seit dem Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad im März 2011 starben nach Angaben der Beobachtungsstelle in Syrien mehr als 31.000 Menschen.

Quelle: n-tv.de