Politik

Historisches TV-Duell vor Wahl Türken verfolgen gebannt Kampf um Istanbul

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Café-Besucher in Istanbul schauen die TV-Debatte.

(Foto: REUTERS)

Das Ringen um die Bosporus-Metropole geht in die entscheidende Runde: Nachdem die Präsidentenpartei AKP eine Annullierung der ersten Wahl erzwungen hat, steht die Neuwahl an. Weil Erdogans Kandidat diesmal gewinnen muss, findet er sich zum ersten TV-Duell seit 2002 bereit.

Am Sonntagabend fanden die Menschen in Istanbuls Straßencafés vor dem Fernseher zusammen: Anlass war das erste TV-Duell im Fernsehen seit 17 Jahren. Die Duellanten waren die Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Istanbul am kommenden Sonntag: Der Kandidat der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, Binali Yildirim, und Gegner Ekrem Imamoglu von der linksnationalistischen Oppositionspartei (CHP).

Yildirim bezichtigte Imamoglu wiederholt der Lüge. Dieser widerum warf Yildirim vor, "kein Recht zu haben", Versprechen zu machen, da seine Partei die Stadt schon seit Jahrzehnten regiere. Er kritisierte insbesondere die Verschwendung von Steuergeldern und die Förderung religiöser Stiftungen durch die AKP. Angesichts des aufgeheizten, polarisierten Klimas in der Türkei verlief die Debatte aber überraschend sachlich und höflich.

Vorwürfe bleiben vage

Die Kandidaten versprachen, Arbeitsplätze und mehr Grünflächen in der Stadt zu schaffen. Imamoglu sagte: "Istanbuls größtes Problem ist die Armut." Thema war unter anderem auch das Verkehrsproblem in der Millionenstadt. Einen Großteil der Debatte verbrachten Imamoglu und Yildirim jedoch damit, über die Gründe der Annullierung der Wahl zu diskutieren, und sich diesbezüglich gegenseitig Vorwürfe zu machen.

Imamoglu hatte die Bürgermeisterwahl vom 31. März knapp gewonnen und zwei Wochen später offiziell sein Amt im Rathaus angetreten. Die AKP machte jedoch Unregelmäßigkeiten geltend. Unter dem Druck der Regierungspartei ordnete die Wahlkommission Anfang Mai die Annullierung und Wiederholung der Wahl an. Am 23. Juni wird daher erneut gewählt.

Yildirim wiederholte in dem TV-Duell den Vorwurf, die Wahl sei "gestohlen" worden. Er sagte jedoch nicht durch wen. Imamoglu kritisierte, dass die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu in der Wahlnacht vom 31. März kurz vor Mitternacht aufgehört hatte, die Ergebnisse zu aktualisieren, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Stimmen ausgezählt waren.

Waren Kandidaten vorbereitet?

Es ist das erste Mal seit dem Amtsantritt der AKP 2002, dass sie sich zu einem Fernsehduell bereit erklärt hat. Bis in die 90er Jahre waren TV-Debatten zwischen Kandidaten üblich in der Türkei. In den vergangenen Jahren zogen es die AKP-Politiker aber vor, sich den Wählern in TV-Interviews zu präsentieren. In der Türkei wurde die Debatte daher mit Spannung erwartet.

Das Duell unter der Moderation des Fox-Journalisten Ismail Kücükkaya wurde von allen großen Sendern live übertragen. Für eine Kontroverse sorgte in der Debatte die Frage, ob der Moderator die Fragen vorab mit den Kandidaten abgeklärt habe, was aber alle bestritten.

Istanbul war 25 Jahre von islamisch-konservativen Bürgermeistern regiert worden. Die Niederlage für die AKP Ende März war auch ein Gesichtsverlust für den Präsidenten und AKP-Vorsitzenden Recep Tayyip Erdogan, der einst selbst Bürgermeister der Millionenmetropole gewesen war.

Quelle: n-tv.de, shu/dpa/AFP

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