Politik

Interview mit Michael Blume "Verschwörungsmythen sind immer gefährlich"

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Auf der Corona-Demo in Berlin am 29. August waren mehrere Symbole des "QAnon"-Verschwörungskultes zu sehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Anhänger von Verschwörungsmythen glauben daran, dass böse Mächte die Welt beherrschen, sagt Michael Blume, der gerade ein Buch zum Thema geschrieben hat. Eine Frage der Bildung sei das nicht: "Man kann einen Ingenieur-, einen Doktor- oder einen Professorentitel haben und sich mit seiner ganzen Intelligenz nur umso tiefer in Verschwörungsmythen hinabschwurbeln." Mit Blick auf den QAnon-Verschwörungsmythos sagt Blume voraus, dass die Bewegung nach der Präsidentschaftswahl in den USA zerfällt. Die verbleibenden Anhänger werden sich allerdings radikalisieren, fürchtet er. "Es nicht auszuschließen, dass aus dieser Verschwörungsbewegung weitere Gewalt hervorgeht."

ntv.de: Wie kommt ein Antisemitismusbeauftragter darauf, ein Buch über Verschwörungsmythen zu schreiben?

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Michael Blume ist Religionswissenschaftler und seit 2018 Beauftragter der baden-württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Michael Blume: Als Religionswissenschaftler habe ich mich schon vor meiner Berufung zum Antisemitismusbeauftragten mit Verschwörungsmythen beschäftigt. 2016 habe ich zum Beispiel einen Artikel veröffentlicht, in dem ich argumentiere, dass Verschwörungsgläubige an eine Macht des Bösen glauben, die sie selbst bedroht.

Ist Antisemitismus auch ein Verschwörungsmythos?

Ja. Wenn Menschen in den Verschwörungsglauben abdriften und an eine böse Weltverschwörung glauben, dann landen sie nie bei einer "Weltverschwörung der Australier" oder bei einer "Verschwörung der Adventisten". Sie landen eigentlich immer im Antisemitismus.

Warum ist das so?

Das liegt einfach daran, dass das Judentum die erste Religion des Alphabets war, die erste Religion der Bildung. Seit Jahrhunderten trauen Verschwörungsgläubige deshalb vor allem dieser Gruppe zu, die Weltverschwörung anzuführen.

Sie wenden sich in Ihrem Buch gegen die Vorstellung, dass Denken immer etwas Gutes sei.

Alles, was wir Menschen tun, kann gut oder schlecht sein. Das betrifft das Denken genauso wie Religion, Wissenschaft oder Politik. Wir müssen uns daher immer wieder selbst infrage stellen.

Haben Sie Mails von "Querdenkern" bekommen, die Ihnen vorwerfen, Sie wollten das Denken verbieten?

Tatsächlich ist an vielen bösen Zuschriften, die bei mir eingehen, zu erkennen, dass Leute ganz viel Hirnschmalz darauf verwenden, Verschwörungsmythen passend zu machen. Das sind keineswegs nur dumme oder formal ungebildete Menschen. Man kann einen Ingenieur-, einen Doktor- oder einen Professorentitel haben und sich mit seiner ganzen Intelligenz nur umso tiefer in Verschwörungsmythen hinabschwurbeln.

In Ihrem Buch nehmen Sie den Philosophen Martin Heidegger als Beispiel für eine "Übersteigerung des Selberdenkens".

Heidegger war ein großer Denker, wurde aber zum wüsten Antisemiten. Er stammte aus Freiburg, also aus meiner Heimat Baden-Württemberg. Schon 1931 schickte er seinem Bruder Hitlers "Mein Kampf" und schrieb darin, es gehe jetzt "um Rettung oder Untergang Europas und der abendländischen Kultur". 1933 trat er der NSDAP bei. In Heideggers Weltbild kann der Mensch sich nicht selbst befreien, sondern braucht einen Erlöser, einen Führer.

Am Anfang Ihres Buches und vermutlich auch am Anfang jeder Verschwörungstheorie steht Platons Höhlengleichnis. "Erst wenn ein Mensch befreit wird und die Höhle verlässt, kann er das Licht und die Dinge sehen, wie sie in Wahrheit sind", schreiben Sie. Kann ein Mensch sich innerhalb dieses Gleichnisses nicht auch allein aus der Höhle befreien?

Platon sagte, dass dazu ein Befreier nötig sei. Heute wissen wir von der Psychologie, dass Menschen, die glauben, sie stünden einer Weltverschwörung gegenüber, sich nach einem Erlöser, einem Anführer sehnen. Man nennt das "Tyrannophilie", die Sehnsucht nach einem befreienden Erlöser. Wenn wir sehen, dass manche Politiker es schaffen, eine geradezu fanatische Anhängerschaft um sich zu scharen, dann denke ich, dass man die Tyrannophilie stärker in den Blick nehmen sollte, als das bisher geschieht.

Ihre These lautet, dass Deutschland gerade deshalb zum "Land der Richter und Henker" werden konnte, weil die Deutschen sich seit dem 19. Jahrhundert als "Dichter und Denker" sahen.

In der deutschen Tradition gab es ein starkes Leiden an der Moderne und an der Demokratie, eine romantische Flucht in den "Geistesadel". Als sich das mit dem Antisemitismus verband, wurde es gefährlich: In der deutschen Geschichte ging der Antisemitismus nicht nur von Arbeitslosen aus oder von Menschen ohne formale Bildung, sondern wir finden ihn in der Beamtenschaft, in Pfarrhäusern und Parlamenten. Auch heute sollten wir nicht so tun, als beträfe der Antisemitismus nur Zuwanderer oder Ärmere. Er kommt direkt aus der Mitte der Gesellschaft.

Sie sehen dualistische Weltbilder, die vom Gegensatz von Gut und Böse geprägt sind, als Grundvoraussetzung für die Anfälligkeit von Menschen für Verschwörungsmythen. Gibt es denn Weltbilder oder Religionen, die ohne einen solchen Dualismus auskommen?

Das Problem des Dualismus ist nicht einfach, dass man sagt: Es gibt Gut und Böse. Das ist in allen Religionen und Weltanschauungen der Fall. Zum Problem wird der Dualismus, wenn man ihn mit einer anderen Menschengruppe verbindet. So entstehen Verschwörungsmythen - so entsteht der Glaube, eine bestimmte Gruppe sei an allem schuld. Gerade das Judentum zeigt, dass eine Religion auch ohne Dualismus auskommen kann: Nach der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 hat das rabbinische Judentum den Dualismus scharf zurückgewiesen. Hier können sich andere Religionen ein Beispiel nehmen.

Warum benutzen Sie den Begriff "Verschwörungsmythen", warum sprechen Sie nicht über "Verschwörungstheorien"?

Der Begriff "Verschwörungstheorien" entstand schon im 18. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg warnte der Philosoph Karl Popper, bei diesen Verschwörungstheorien handele es sich nicht um wissenschaftliche Theorien, sondern um einen Aberglauben. Bizarrerweise ist es so, dass viele Leute, auch in Deutschland, glauben, die CIA hätte den Begriff "Verschwörungstheorie" erfunden, um die Mythen rund um den Mord an John F. Kennedy zu diskreditieren. Ich plädiere für den Begriff "Verschwörungsmythos", weil die Erzählungen, die mit diesem Begriff gemeint sind, nichts mit wissenschaftlichen Theorien zu tun haben, sondern mit Mythen, die die Welt in Gut und Böse einteilen. Deshalb sollten wir sie auch so nennen.

Gibt es Parallelen zwischen Religionen und Verschwörungsmythen?

Ja. Das war übrigens der Titel meines eingangs erwähnten Artikels: der "Verschwörungsglaube ist ein religiöses Problem". In Religionen und Weltanschauungen lernen wir Weltvertrauen; das Vertrauen in gute Mächte. In Verschwörungsmythen lernen wir, dass böse Mächte die Welt beherrschen. Deshalb sind Religionen und Weltanschauungen auch dringend aufgerufen, sich mit dieser Gefahr auseinanderzusetzen.

Sind Verschwörungsmythen denn immer gefährlich?

Verschwörungsmythen sind gefährlich, weil sie Leute in Panik versetzen. Das ist auch der große Unterschied zu religiösen Mythen. In einer Religion kann ich über die religiösen Inhalte nachdenken, ich kann sogar zweifeln. Ein Verschwörungsmythos erzählt mir dagegen, dass für mich jetzt eine unmittelbare Bedrohung von einer bösen Macht ausgeht: Sie wollen dich vernichten, mit der Pandemie oder der Wirtschaftskrise oder der "Umvolkung". Verschwörungsgläubige können sich nicht die Zeit geben, um kritisch nachzudenken oder zu zweifeln. Wer mit Verschwörungsgläubigen spricht, spürt gleich den Stress, unter dem diese Menschen stehen. Für sie ist es nicht möglich, einen Schritt zurückzugehen und sich das Thema etwas ruhiger anzuschauen.

Sie schildern, wie die Hexenverfolgung zu Beginn der Frühen Neuzeit mit der Verbreitung des Buchdrucks eskalierte. Wie wirken sich Internet und soziale Netzwerke auf die Verbreitung von Verschwörungsmythen aus?

Neue Medien wirken immer als enorme Beschleuniger. Das galt für den Buchdruck und das galt auch für die elektronischen Medien Radio und Film in der Zeit des Nationalsozialismus. Die alten Institutionen und die alten Medien haben immer enorme Schwierigkeiten, mit einer solchen Beschleunigung umzugehen - und auch wir Menschen sind von solchen Entwicklungen erst einmal überfordert. Das ist immer die Zeit von Verschwörungsmythen: Parallel zur Einführung neuer Medien gibt es immer einen Ausbruch an Verschwörungsmythen und Antisemitismus. Genau das erleben wir leider gerade jetzt. Deshalb begrüße ich es auch, dass Facebook sich endlich entschieden hat, gegen die Leugnung des Holocaust vorzugehen. Denn die sogenannten sozialen Medien sind zu Hass-Schleudern, zu Radikalisierungsmaschinen geworden.

"QAnon" ist ein Beispiel für einen Verschwörungsmythos, der sich rasant verbreitet hat. Können Sie sich vorstellen, dass dem Erfinder klar war, dass er Lügen verbreitet?

Das Perfide an der QAnon-Digitalsekte ist, dass es ein Mitmachspiel ist. Die Erfinder, soweit man bisher weiß, haben das wohl als ein böses Spiel gesehen. Aber dadurch, dass Leute mitmachen, ihre eigenen Verschwörungsmythen andocken und über die unterschiedlichen Plattformen verbreiten können, immunisiert dieser Glaube gegen jede Widerlegung. Die Bewegung wird nicht einmal dann infrage gestellt, wenn eine Prophezeiung sich als falsch herausstellt - und keine Prophezeiung von "Q" ist eingetroffen.

Dass eine so wilde Geschichte wie die von QAnon in den USA auf fruchtbaren Boden fällt, kann man ja noch auf das aggressive politische Klima im Land schieben. Aber warum konnte man auf der Querdenker-Demo Ende August in Berlin so viele QAnon-Symbole sehen? Warum fallen Leute hier auf einen solchen Unsinn rein?

Das spricht für die These von der Tyrannophilie. Die Erlöserfigur im QAnon-Kult ist Donald Trump. Durch die Digitalisierung haben wir "Qultisten" nicht nur in den USA, sondern quer durch Europa, in Brasilien, auf den Philippinen, sogar in der Türkei. Das ist die Verschwörungsunterseite der Globalisierung. Durch die Klimakrise dürfte das noch heftiger werden.

Was passiert, wenn Trump im November abgewählt werden sollte?

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In meinem Buch habe ich ja bereits die These formuliert, dass die QAnon-Bewegung zerfallen wird. Ich glaube, das können wir bereits beobachten. Das Problem ist nur: Bei diesen Zerfallsprozessen haben die Anhänger von Verschwörungsmythen nur zwei Optionen: Sie können sich eingestehen, dass sie jahrelang falsch lagen. Oder sie radikalisieren sich weiter. QAnon wird schrumpfen, aber ich fürchte, die Leute, die dabeibleiben, werden sich weiter radikalisieren. Deshalb bitte ich auch unsere Sicherheitsbehörden um eine hohe Wachsamkeit. Denn es nicht auszuschließen, dass aus dieser Verschwörungsbewegung weitere Gewalt hervorgeht.

Sie geben am Schluss Ihres Buches Handlungsempfehlungen für den Umgang mit Freunden und Verwandten, die Verschwörungsmythen zum Opfer gefallen sind. Was ist der wichtigste Tipp?

Das Wichtigste ist das Entschleunigen, die Panik rauszunehmen. Statt in eine Konfrontation zu gehen, sollte man lieber einen Podcast oder ein Buch empfehlen - etwas, mit dem sich die Person auch mal allein auseinandersetzen kann. Erst dann sollte man schauen, ob es möglich ist, ins Gespräch zu kommen. Wir müssen uns aber klarmachen, dass wir nicht alle Menschen erreichen werden. In Baden-Württemberg sind wir deshalb dabei, die Beratungsangebote auszubauen. Denn das Problem hat durchaus das Format eines Sektenausstiegs. Irgendwann haben Verschwörungsgläubige ihren gesamten Freundeskreis und ihre gesamte Weltanschauung entsprechend ausgerichtet. Dann ist es unheimlich schwer, da rauszukommen.

Mit Michael Blume sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de