Politik

Verschwörungsmythos QAnon Trump ermutigt die gefährlichen Schwurbler

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Ein QAnon-Anhänger nimmt an einer Solidaritätsdemonstration für die Polizei in New York City teil.

(Foto: REUTERS)

Es ist eine der gefährlichsten Verschwörungsmythen im Netz: Die bunt gemischte QAnon-Szene verbreitet Geschichten von Kinderblut trinkenden Geheimbünden und andere Horrorstorys. Facebook und Twitter erkennen das Risiko, während US-Präsident Trump die Wirren dieser Welt ermutigt.

Für die Anhänger des Verschwörungsmythos QAnon haben sich die Anzeichen für die Richtigkeit ihrer Annahmen in den vergangenen Stunden weiter verdichtet: Der US-Präsident höchstpersönlich bekannte in seiner jüngsten Pressekonferenz seine Sympathie für die Szene. Auf die Frage einer Reporterin hin sagte Donald Trump, er wisse zwar nicht viel über QAnon. Aber er habe gehört, dass die Anhänger der Bewegung "mich sehr mögen, was ich zu schätzen weiß".

Dass QAnon-Anhänger glaubten, er würde die Welt vor pädophilen Netzwerken retten, könne ja nichts Schlechtes sein. "Wenn ich der Welt helfen kann, Probleme zu lösen, bin ich dazu bereit", sagte Trump in anscheinend völligem Unwissen bezüglich der Gefährlichkeit seiner Aussagen.

Fast zeitgleich gab Facebook bekannt, dem Beispiel von Twitter zu folgen und gegen die QAnon-Sympathisanten vorzugehen. Auch diese Nachricht passt gut in das Weltbild der Freunde von Q: Böse Eliten versuchen demnach, die vermeintliche Wahrheit zu unterdrücken. Trump dagegen gilt ihnen als aufrechter Kämpfer, gegen den sich die sogenannten Mainstream-Medien verschworen hätten.

Eine Horrorstory mit prominenten Anhängern

In ihren Foren, etwa beim Messengerdienst Telegram, verbreiteten die Netzaktivisten jubelnd die Videoclips von Trump. Schließlich wurde ihnen mit den Löschkampagnen von Twitter und Facebook weder der Nährboden noch alle Plattformen entzogen. Erstens ist es technisch gar nicht so einfach, jeden Netzaktivisten und alle QAnon-Inhalte vollständig zu blockieren. Zweitens bieten sich diverse andere Netzwerke, Telegram genauso wie Youtube, wo QAnon-Videos teilweise millionenfach angeschaut und angebliche Informationen in den Kommentarspalten ausgetauscht werden.

Die dort verbreiteten Geschichten muten für die meisten skurril an, aber auch in Deutschland scheinen inzwischen Zehntausende QAnon ernst zu nehmen. Darauf deuten zumindest die hohen Nutzerzahlen in vielfältigen deutschsprachigen Gruppen im Netz hin. Zumal sich viele dieser Menschen auch an Protesten gegen die Corona-Politik der Bundesregierung beteiligen. QAnon-Anhänger gaben sich durch ihre Schilder bei den großen Corona-Demonstrationen und bei den Sonntagsprotesten entlang der Bundesstraße 96 zu erkennen. Prominente Anhänger wie Xavier Naidoo und zum Teil auch Attila Hildmann machen die Schwurbelgeschichten zusätzlich bekannt.

Seit drei Jahren ein Dauerbrenner im Internet

Die verkürzte, in unterschiedlichsten Varianten kursierende QAnon-Geschichte geht in etwa so: Ein mit den höchsten Kreisen verknüpfter Geheimbund hält Tausende entführte Kinder in Kellern und Tunnelsystemen gefangen. Dort erleiden sie satanische Folterrituale, in deren Verlauf ihnen Blut abgenommen wird. Es gibt Variationen: Die Kinder werden demnach als Sexsklaven gehandelt oder ihr Blut wird für ein den Superreichen vorbehaltenes Supermedikament namens Adrenochrom verwendet.

Zu diesem Geheimbund zählen nach QAnon-Lesart unter anderem die Partei der US-Demokraten und jüdische Zirkel. Eine wichtige Rolle spiele dabei die frühere US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Ihr Gegenspieler, der Mann, der jetzt schon Tausende Kinder im Rahmen von Geheimoperationen befreit habe, ist demnach niemand Geringeres als US-Präsident Donald Trump. In der Vergangenheit verbreitete er selbst schon Dutzende Tweets von QAnon-Aktivisten. Viele Republikaner - einfache Trump-Anhänger wie Abgeordnete - bekennen sich zu QAnon.

Trump sprach wie die QAnon-Gläubigen oft von einem "tiefen Staat", gegen den er anzukämpfen habe. Gemeint sind die vielen hohen Beamten, die unter wechselnden Regierungen arbeiten und dadurch eine hohe Gestaltungsmacht haben. Trump wähnt unter ihnen viele Gegner. QAnon-Anhänger vermuten unter ihnen Unterstützer der angeblichen Kindersklaven-Halter.

Der Name QAnon geht zurück auf einen Eintrag im Internetforum 4Chan, in dem schon 2017 ein Nutzer dieses Namens den Grundstein für die ungeheuerliche Geschichte legte. Wer auch immer der Autor war - viele Anhänger sprechen nur von Q -: Er behauptete, als hochrangiger Regierungsmitarbeiter supergeheime Dokumente einsehen zu können, und versorgt seither das Internet mit kryptischen Informationen. "Es gibt viele Gruppen, die behaupten, QAnon zu sein, das kann ja im Grunde jeder sein", sagt Andre Wolf, Sprecher des Vereins Mimikama, der über Falschinformationen im Internet aufklärt.

Pandemie-Sorgen als Brandbeschleuniger

Im deutschsprachigen Raum dagegen wurde die Geschichte erst in den vergangenen Monaten populär. "Bei den Gelbwesten-Protesten in Deutschland waren die Warnwesten eines Herstellers mit einem großen Q schon sehr beliebt, aber diese Explosion der QAnon-Anhänger verzeichnen wir erst seit Corona, in etwa seit Mitte März", sagt Miro Dittrich, der für die Amadeu-Antonio-Stiftung Extremismus im Internet beobachtet.

Den gleichen Zusammenhang beobachtet Wolf in den sozialen Medien: "Seit Anfang April, also mit der Corona-Krise, schwappt das ganz stark nach Europa." Deutschsprachige Videos zum Thema verzeichnen Hunderttausende Aufrufe. Pathetisch, krawallig, aber erstaunlich professionell künden sie von einem Endkampf der Wissenden gegen die Verschwörer.

"Die Gruppierung ist alles andere als homogen. Da gibt es Trolle, die das ins Lächerliche überspitzen, und bei anderen nimmt das teilweise gefährliche, krankhafte Züge an", sagt Mimikama-Sprecher Wolf. "Die Leute befinden sich in einem kollektiven Wahn", beobachtet Dittrich. Beide sehen Parallelen zu Sekten, wobei die Elemente der QAnon-Geschichte alte Bekannte seien: "Der blutabnehmende Ritualmord an Kindern durch die Elite: Das kennen wir schon aus antisemitischen Erzählungen aus dem 15. Jahrhundert", sagt Dittrich.

Gefährliche Ausbreitung

Dass zunehmend auch Normalbürger den bösen Märchen verfallen oder zumindest glauben, dass "da schon etwas dran sein" müsse, ist wohl der Ausnahmesituation der vergangenen Monate geschuldet. "Die Anziehungskraft liegt in den einfachen Antworten auf komplexe Fragen", erklärt Wolf. "Die Menschen suchen Halt und auch ein böses Märchen gibt den Menschen zumindest Orientierung." So sieht es auch Dittrich: Es sei für viele Menschen einfacher, solche Geschichten zu glauben, als sich einen unsichtbaren Feind - etwa eine Viruspandemie - vorzustellen, der eine Reihe komplexer, unglücklicher Zufälle zugrunde liegt.

Dabei greifen die QAnon-Storys aus dem Netz schnell ins reale Leben über: Auch die Attentäter von Halle und Hanau beriefen sich in ihren Pamphleten auf Elemente verbreiteter Verschwörungstheorien. Der Mann, der in Hanau neun Menschen wegen ihres vermeintlich migrantischen Aussehens erschoss, schwurbelte in einem Youtube-Video ebenfalls davon, dass ein Geheimbund, der die US-Politik steuere, Kinder misshandele.

In den USA stehen Dittrich zufolge zwei Morde, ein versuchter Mord und zwei Entführungen in Zusammenhang mit QAnon-Anhängern. "Es wird zu zivilem Ungehorsam aufgerufen und Unruhe gestiftet", sagt Wolf über die Inhalte von Chats und Videos. Wer von Tausenden misshandelten Kindern erfahre, könne nicht tatenlos bleiben, gibt Dittrich zu bedenken: "Wenn Prominente diese Geschichten verbreiten, ist das sehr gefährlich."

Quelle: ntv.de