Politik

"Hätte das sonst nie gesehen"US-Medienaufsicht verhilft Opposition zu unverhofftem Erfolg

18.02.2026, 12:05 Uhr 20240327-DSC-8255Von Lukas Wessling
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Der texanische Abgeordnete James Talarico nährt Hoffnungen der US-Demokraten auf den Zugewinn eines Sitzes bei den Senatswahlen dieses Jahr. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

"Wissen Sie, wer heute Abend nicht mein Gast ist?" Eine ungewöhnliche Frage in einer Talkshow. Und der Auftakt zu einer unerwarteten Wendung: Eine Neuregelung, zu der Präsident Trump die US-Medienaufsicht gedrängt hatte, beschert einem Politiker der US-Demokraten große Aufmerksamkeit.

Der US-Showmaster Stephen Colbert hat mit einem eher unspektakulären Interview für Furore gesorgt. Colbert sprach darin mit dem texanischen Abgeordneten James Talarico, der sich um die Senatskandidatur der Demokraten bewirbt. Nach einem Tag haben das Interview auf Youtube mehr als fünf Millionen Menschen gesehen. Das sind doppelt so viele wie bei Colberts erfolgreichstem Video der vergangenen zwei Wochen.

Das dürfte kaum an Talaricos Prominenz liegen. Der US-Demokrat ist nur für Menschen in Texas und für politische Feinschmecker interessant. Das bestätigen die Kommentare unter dem Video mit Talarico. "Ich schaue mir das an, weil meine Regierung es vor mir zu verbergen versucht", schreibt eine Person. Mehr als 42.500 Menschen stimmen dem zu. Eine zweite Userin kommentiert: "Liebe FCC: Danke, dass ihr mich darauf aufmerksam gemacht habt. Ich hätte das sonst niemals gesehen."

Die FCC ist die Medienaufsicht der USA. Sie hatte im Januar eine einschneidende Entscheidung getroffen: Die in den USA beliebten Talkshows gelten seitdem nicht mehr automatisch als Nachrichtensendungen. Sie sind deshalb nun angehalten, Kandidaten von gegnerischen Parteien die gleiche Sendezeit zukommen zu lassen.

Bis zuletzt konnten sich die Sender auf eine Entscheidung der FCC aus dem Jahr 2006 berufen, die Talkshows über eine Ausnahme von der Regel weitgehende Freiheiten bei der Gästeauswahl gewährt hatte. Ihren Kurswechsel begründetet die Aufsicht in einer Mitteilung so: "Der FCC wurden keine Beweise dafür vorgelegt, dass der Interviewteil einer der derzeit ausgestrahlten Talkshows im Fernsehen für die Ausnahmeregelung für seriöse Nachrichten in Frage kommen würde."

Seit Anfang Februar geht die FCC Beschwerden von US-Präsident Donald Trump nach. Der hatte sich darüber geärgert, dass in der Sendung "The View" der Texaner Talarico interviewt wurde - ohne dass ein republikanisches Pendant zu Wort kam. Nun prüft die FCC, ob Talaricos Auftritt gegen die Regeln zur Gleichbehandlung von Wahlkandidaten verstößt.

"Wissen Sie, wer heute Abend nicht mein Gast ist?"

Colbert steigt in diesen Streit jetzt mit ein. Die Show des prominenten Trump-Kritikers wird im Mai nach 33 Jahren abgesetzt. Offiziell aus finanziellen Gründen. Der Sender CBS hatte die Einstellung verkündet, kurz nachdem FCC-Chef Brendan Carr sie öffentlich mehr oder weniger unverhohlen gefordert hatte. Trump feierte die Entscheidung anschließend.

In seiner neuesten Sendung fragt Colbert am Dienstag sein Publikum: "Wissen Sie, wer heute Abend nicht mein Gast ist?" Die Antwort: James Talarico. "Er sollte eigentlich hier sein", so Colbert. "Aber die Anwälte unseres Senders haben uns in einem direkten Telefonat unmissverständlich mitgeteilt, dass wir ihn nicht in der Sendung zeigen dürfen." Buh-Rufe sind zu hören. Colbert spricht weiter: Die Anwälte hätten auch darauf hingedeutet, dass Colbert nicht erwähnen dürfe, dass Talarico nicht zu sehen sein würde. Das Publikum johlt.

"Da mein Sender offensichtlich nicht möchte, dass wir darüber sprechen", sagt Colbert: "Lassen Sie uns darüber sprechen." Colbert erklärt die neue Regel der FCC, die Einschränkungen, die sie für Talkshows bedeutet. Colbert nimmt kein Blatt vor den Mund. Er sagt, Trumps Regierung wolle mit der neuen FCC-Regel die Leute zum Schweigen bringen, die im Fernsehen schlecht über Trump sprechen - "weil Trump nichts anderes tut, als fernzusehen". Unter dem Video zu Colberts Sendung schreibt jemand, er habe den Punkt seiner Karriere erreicht, an dem sein Motto sei: Was wollen sie machen, mich feuern?

FCC-Chef Carr hatte Kritik an der neuen Regel mit dem Hinweis abgetan, Colbert und seine Kollegen könnten doch einen Podcast machen oder ins Internet ausweichen, wenn sie sich nicht an die neuen Regeln für Talkshow-Fernsehen halten wollten. Colbert antwortet darauf am Dienstag, er werde Carrs Tipp ernst nehmen.

Er werde heute Abend James Talarico interviewen, sagt Colbert, nur nicht während seiner Fernsehsendung. Das Interview werde auf Youtube zu sehen sein. Er dürfe keinen Link nennen oder anzeigen, "aber ich verspreche Ihnen, dass Sie es auf unserer Youtube-Seite finden werden". Mehr als fünf Millionen Menschen haben das mittlerweile getan.

Colberts Sender dementiert Verbot

Colberts Sender CBS ließ in der Zwischenzeit wissen, er habe Colbert nicht verboten, das Interview mit Talarico zu zeigen. Man habe "rechtliche Hinweise" gegeben, wonach die Ausstrahlung des Interviews zur Folge gehabt hätte, dass zwei weitere Kandidaten die gleiche Sendezeit erhalten müssten.

Talarico selbst erklärt sich den Wirbel um ihn in seinem Interview mit Colbert so: Trump sei besorgt, dass die US-Demokraten Texas gewinnen könnten. Er warnte, die Medienkontrolle von oben sei die gefährlichste. "Führungskräfte von Medienunternehmen verkaufen die Pressefreiheit, um sich bei korrupten Politikern Vorteile zu verschaffen", so Talarico.

Dass die FCC die Ausstrahlung dieses Interviews verhindern habe wollen, bedeute, dass man es sehen sollte, kommentiert ein Nutzer. Zumindest kurzfristig hat die Medienaufsicht mit ihrem Beharren auf gleiche Sendezeit Talarico zu ungleich größerer Aufmerksamkeit verholfen, als er sich erhoffen konnte.

Quelle: ntv.de