Politik

Zensur für Zungenküsse Ugandas Regierung hat Angst vor Sex

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Propaganda für Homosexualität? Szene aus "Der Dinner-Club" (im Original: "De Eetclub").

(Foto: Promo / Benelux Film)

Die ugandische Regierung verbietet einen niederländischen Film, weil er Schimpfwörter und Sexszenen enthält. Und, schlimmer noch: Ugandas Zensurbehörden sehen versteckte Werbung für Homosexualität in dem Film.

Minutiös listet die Zensurbehörde jede unangemessene Szene des Filmes auf: "Tiefe Zungenküsse vor den Augen von Kindern, Alkoholgenuss, Rauchen, heiße Sexszenen, unanständige Schimpfwörter wie das A-Wort oder das F-Wort". Es geht um den niederländischen Streifen "Der Dinner-Club", der beim Europäischen Filmfestival in der ugandischen Hauptstadt Kampala nicht gezeigt werden darf. Der wichtigste Grund für das Verbot: "Der Film zeigt und glorifiziert Homosexualität".

"Der Dinner-Club" von Regisseur Robert Jan Westdijk basiert auf dem gleichnamigen Buch von Saskia Noort, welches 2004 nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in den USA und Großbritannien ein Bestseller wurde. Die Geschichte: Ein junges Pärchen zieht mit der pubertierenden Tochter in ein nobles Stadtviertel und sucht neue Freunde. Die Frauen aus der Nachbarschaft haben einen "Dinner-Club" gegründet, in welchem sie auch ihre intimen Geheimnisse erörtern. Dann begehen zwei Clubmitglieder plötzlich Selbstmord. Die zugezogene Tochter geht den Geheimnissen des Clubs auf den Grund.

"Das ist gegen unsere Werte", heißt es in einem Schreiben des ugandischen Medienrats an die niederländische Botschaft in Kampala: "Die Frauen gründen einen 'Dinner-Club', der in Wirklichkeit ein Bordell darstellt." Zehn Minuten lang würden sich Frauen in dem Film darüber auslassen, wie hart es sei, mit Männern verheiratet zu sein. Dies würde also indirekt die Homosexualität glorifizieren, schlussfolgert der Medienrat.

In dem kleinen Land in Ostafrika ist Homosexualität illegal. Darauf stehen harte Strafen, selbst auf jede öffentliche "Werbung" dafür. 2009 hatten Parlamentsabgeordnete der Regierungspartei einen Gesetzentwurf eingebracht, der sogar die Todesstrafe für Schwule und Lesben fordert. Jahrelang wurde das Gesetz im Parlament diskutiert. Erst auf starken internationalen Druck hin schmetterte Ugandas Verfassungsgericht 2014 den Entwurf ab. Die USA hatten mit Sanktionen gedroht, falls das Gesetz verabschiedet würde. Seitdem war es etwas ruhiger geworden in der Schwulen-Debatte. Viele Homosexuelle haben in den vergangenen Jahren Asyl in den USA und Europa beantragt, vor allem in den Niederlanden.

"Ethik-Minister" verbietet Pornos und hält Vergewaltigung für "natürlich"

Ugandas Bevölkerung ist extrem konservativ. Die Mehrheit ist christlich und die Kirchen verfügen über enormen Einfluss in Gesellschaft und Politik. Das manifestiert sich vor allem im sogenannten Ministerium für Ethik und Anstand, geleitet vom 59-jährigen Minister Simon Lokodo, einem ehemaligen katholischen Priester aus einer ländlichen Region des Landes. In den vergangenen Jahren hat Lokodo unzählige Gesetze entworfen, die Ugandas Werte oder Moral hochhalten sollen.

Heiß diskutiert wurde auch sein 2014 eingebrachtes "Mini-Rock-Gesetz": Frauen müssen seitdem Röcke tragen, die über das Knie reichen, weil sie sonst in der Gesellschaft "Sex stimulieren", so der Ethikminister. Umgekehrt hatte Lokodo keine Scheu, in einem Interview zu behaupten, dass es "natürlich" sei, wenn Männer Mädchen vergewaltigen. 2013 sorgte Minister Lokodo dafür, dass ein Anti-Pornographie-Gesetz verabschiedet wurde. Für viel Geld hat das bettelarme Land Software gekauft, die Internetnutzer überwacht und aufspürt, wenn sie im Netz Pornos anschauen. Das Gesetz wird auch angewandt, um Homosexuelle oder regierungskritische Oppositionelle zu verfolgen. Homosexualität ist in Lokodos Augen zutiefst unafrikanisch; sie sei von Ausländern aus dem Westen eingeschleppt worden, erklärte er einmal. "Sie sollen nach Hause gehen", sagte er über europäische Menschenrechtler, die seine Gesetze kritisierten.

Gemeint waren mit den Ausländern vor allem Niederländer, die sich in der Homosexuellen-Debatte für die Rechte sexueller Minderheiten eingesetzt hatten. Offenbar hat Ugandas Regierung das den Niederlanden nie verziehen – mit dem Verbot des Films kommt jetzt wohl die späte Rache. "Die Botschaft bedauert die Entscheidung des ugandischen Medienrats und zieht die Teilnahme am Europäischen Filmfestival in Uganda zurück", schrieben die Diplomaten auf Facebook, wo sie auch den Brief des Medienrats veröffentlichten.

Das Schreiben wirkt wie ein schlechter Witz. Lokodo zum Trotz ist Kampalas kunterbuntes Stadtviertel Kabalagala in ganz Ostafrika bekannt für seine Nachtclubs, Bordelle und Drogenszene – ähnlich wie St. Pauli in Hamburg. Selbst aus den Nachbarländern kommen Kongolesen oder Südsudanesen, um in Uganda einen drauf zu machen. Dagegen wirkt der "Dinner-Club" geradezu harmlos.

Quelle: ntv.de