Politik

"Hart aber fair" zum Krieg Melnyk: "Ukraine wird Russlands Stalingrad"

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"Die Ukrainer sind bereit, für ihre Rechte und Werte zu kämpfen", sagt Melnyk.

(Foto: WDR/Oliver Ziebe)

Auch am fünften Tag des Krieges wird in der Ukraine weiter gekämpft. Gleichzeitig verlassen immer mehr Menschen das Land. Zwei der Themen in der ARD-Sendung "Hart - aber fair", in der Frank Plasberg mit seinen Gästen über die Folgen des Ukraine-Krieges diskutiert.

Fünf Tage dauert der Krieg in der Ukraine, deutlich länger, als von Russlands Präsident Wladimir Putin gedacht. Der hatte offenbar mit einem zweitägigen Durchmarsch seiner Armee gerechnet. Bereits am Samstag war versehentlich für kurze Zeit ein Kommentar der staatlichen russischen Nachrichtenagentur online, in dem der Sieg gefeiert wurde. Zu früh.

Noch immer dauert der Kampf um die Hauptstadt Kiew an, die Ukrainer wehren sich erbittert. Gleichzeitig wollen immer mehr Menschen das Land verlassen. Angeblich eine halbe Million Ukrainer sind auf der Flucht ins Ausland. Dort erwartet sie eine Welle der Hilfsbereitschaft. Selbst Ungarns Präsident Orbán, bisher eher ein Gegner der europäischen Flüchtlingspolitik, will Menschen aus der Ukraine aufnehmen.

Zudem zeigen die Sanktionen von EU und USA erste Wirkungen, obwohl noch lange nicht alle bestehenden Möglichkeiten ausgeschöpft wurden. Russlands Präsident Wladimir Putin hat jedoch geantwortet und seine Nuklearwaffen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Themen, über die Moderator Frank Plasberg in der ARD-Sendung "Hart - aber fair" am Montagabend mit seinen Gästen diskutiert. Überraschend für kurze Zeit mit dabei: der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk.

"Putin packt das große Besteck aus"

Zuerst blickt Ex-NATO-General Hans-Lothar Domröse auf die aktuelle Lage in der Ukraine, wo in vielen Städten Straßenkämpfe toben. Dort würden jetzt Panzer aus Kellern oder U-Bahn-Schächten beschossen. Domröse vergleicht das mit den Partisanenkämpfen in Afghanistan, nur dass dort die Panzer in den Tälern von den Kämpfern auf den Bergen angegriffen wurden. Trotzdem sagt er: "Das kann ein Afghanistan 2.0 werden."

Über die russische Militärstrategie ist er, so wörtlich, "erschrocken". Den russischen Soldaten fehlten Angriffsschwung und Koordination. Darum habe Putin jetzt das "große Besteck" ausgepackt und drohe mit Nuklearwaffen. Das könnten kleine Waffen sein, mit denen man ein Dorf oder eine Stadt vollständig vernichten könne.

Ob die am Montagmittag begonnenen Friedensverhandlungen ein schnelles Ende des Krieges bringen könnten, fragt der Moderator die Politikwissenschaftlerin Sabine Fischer. Die winkt ab. Sie würde die Gespräche in Belarus nicht als Friedensverhandlungen bezeichnen. Schließlich hätten die Russen keine wirklich relevanten Verhandlungsteilnehmer geschickt. Gegen einen von ihnen seien gar Sanktionen verhängt worden. Deswegen spricht sie lieber vom Beginn von Waffenstillstandsverhandlungen.

Für den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Michael Roth von der SPD, haben die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine einen sehr gewichtigen Grund. Die Zustimmung für den Krieg sei in Russland sehr gering, sagt er. Zudem habe Wladimir Putin die Wehrhaftigkeit des ukrainischen Volkes und die Geschlossenheit des Westens unterschätzt. "Und dann hat er es mit einem ukrainischen Präsidenten zu tun, der sich derartig klug und verantwortungsbewusst verhält, dass die hässliche Fratze von Putin noch abschreckender wirkt", sagt er.

"Wir reden hier von Ortskämpfen"

Wenn die allermeisten Russen ein Herz und Mitgefühl haben, dann räche sich jetzt, was Putin lange Zeit erzählt habe. "Putin hat ja immer vom Brudervolk in der Ukraine gesprochen, und gegen Schwestern und Brüder führt man nicht einen solchen Krieg." Auch die Menschen im Westen, die Putin lange Zeit die Stange gehalten hätten, schwiegen oder haben ihre Meinung geändert, sagt Roth. Sabine Fischer erklärt, es seien vor allem junge Menschen in Russland, die sich eher über soziale Medien als über das russische Staatsfernsehen informierten. Das sind etwa 30 Prozent der Bevölkerung, sagt sie. Die Zahl der Kritiker in Russland wachse, je blutiger der Krieg wird. Schon jetzt habe es in vielen Städten Friedensdemonstrationen gegeben, trotz zahlreicher Verhaftungen.

Für den SPD-Politiker ist darin auch ein Grund zu sehen, warum Putin jetzt mit seinen Atomwaffen droht. "Putin steht mit dem Rücken an der Wand, und er wendet jetzt etwas an, um in seinem Land Stärke zu dokumentieren, aber auch, um Angst und Schrecken in den westlichen Ländern zu verbreiten." Dann warnt er: "Wenn wir zulassen, dass jetzt Zweifel genährt werden, dann könnte Putin politisch gewinnen. Das dürfen wir nicht zulassen."

Auch Domröse glaubt, dass Putin Angst hat. "Wer so früh das große Besteck rausholt, muss verzweifelt sein." Domröse war sehr lange Soldat, und er weiß, wovon er spricht. "Wir reden hier von Ortskämpfen", sagt er. "Das macht kein Soldat gerne, weil er weiß: Wer da reingeht, der ist schon halb tot."

"Russland ist ein Koloss auf tönernen Füßen"

Dann kommt der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk zu Wort, der sich zunächst bei den vielen Menschen in Deutschland bedankt, die am Sonntag für den Frieden in der Ukraine demonstriert haben. Kein Vorschlag, der bisher aus Moskau kam, sei für sein Land verhandelbar. Der Krieg werde sich in die Länge ziehen. "Die Ukrainer sind bereit, für ihre Rechte und Werte zu kämpfen", sagt Melnyk. In der Ukraine lebten 40 Millionen Menschen, die werden so lange kämpfen wie möglich, so Melnyk.

"Putin hat sich überschätzt. Dieser Krieg ist für ihn schon lange verloren, und das weiß er. Russland ist ein Koloss auf tönernen Füßen, und Russland wird sein Stalingrad in der Ukraine finden", betont der Botschafter. Für Melnyk ist wichtig, dass die Schlupflöcher bei den Sanktionen geschlossen werden müssen. Alle russischen Banken müssten vollständig vom Swift-System ausgeschlossen werden.

Außerdem fordert er einen Importstopp von Gas, Öl, Kohle und Metallen aus Russland. Doch das wichtigste für den ukrainischen Botschafter: "Mein Präsident hat sich heute an die EU-Staaten gewandt mit der Bitte, dass die Ukraine eine Beitrittsperspektive zur EU erhält. Das möchte ich hier weitergeben. Für meine Landsleute ist es wichtig, jetzt zu agieren, und nicht zu warten, bis es zu spät ist."

Quelle: ntv.de

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