Politik

Wende im russischen Luftkrieg? Ukraine fürchtet den nächsten Schwarmangriff

21.01.2026, 19:07 Uhr 1000017286-8192-5464Von Martin Morcinek
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Kiew im vierten Kriegswinter. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Die russischen Luftangriffe treffen die Ukraine empfindlich: Nacht für Nacht schlagen feindliche Geschosse ein. Seit kurzem zeigt sich dabei ein neues Muster: Daten der Luftabwehr deuten auf einen russischen Strategiewechsel hin.

Der russische Dauerbeschuss aus der Luft hält im mittlerweile vierten Kriegswinter an: Die ständige Bedrohung aus der Luft zielt offenkundig darauf ab, den Widerstandswillen der Bevölkerung zu zermürben und die Infrastruktur des Landes zu zerstören.

Doch während die Angriffe in der ersten Hälfte des Winters 2025/26 noch einem fast regelmäßigen Muster folgten, verzeichnet die ukrainische Luftabwehr mittlerweile ein deutlich verändertes Vorgehen. Die Intensität der russischen Angriffswellen scheint sich zu abzuschwächen.

Intensive Massenattacken mit mehr als 500 anfliegenden Waffensystemen wie noch im Herbst sind seit dem Jahreswechsel nicht mehr zu verzeichnen. Wie aus den täglich veröffentlichten Angaben aus Kiew hervorgeht, liegt der letzte russische Großangriff mit mehr als 400 eindringenden russischen Waffensystemen bereits mehr als 20 Tage zurück.

Zuletzt erfassten ukrainische Beobachter in der Nacht von Freitag auf Samstag, 27. Dezember insgesamt 519 Kampfdrohnen, zehn ballistische Raketen und 30 Marschflugkörper. Seitdem gab es lediglich drei Angriffsnächte mit deutlich mehr als 200 russischen Geschossen. Gehen dem russischen Militär etwa die Waffensysteme aus? Oder spart Russlands Machthaber Wladimir Putin die verfügbaren Bestände nur auf für die nächste kombinierte Mega-Attacke?

Zum Vergleich: Im vergangenen Herbst vergingen im Schnitt nicht mehr als fünf Tage, bis nach verhältnismäßig ruhigen Nächten in der Ukraine mit dem nächsten russischen Großangriff zu rechnen war. In der Spitze waren es nicht mehr als neun Tage. Mit der Hilfe von Verbündeten wie Iran und Nordkorea und unterstützt durch Material aus China weitete Russland den Luftkrieg in der Ukraine bisher stetig aus.

Seit dem Sommer mussten die Menschen in Städten wie Kiew, Charkiw, Odessa, Dnipro und selbst das weit im Westen gelegene Lwiw insgesamt 12 Großangriffsnächte mit mehr als 500 Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern überstehen. In sieben Nächten überstieg die Zahl der angreifenden Geschosse sogar die 600er-Schwelle.

Die russischen Schwarmangriffe folgen einer brutalen Logik: Die große Anzahl an eindringenden Drohnen soll die ukrainische Luftabwehr nach Einschätzung westlicher Beobachter schlicht durch ihre Masse überfordern. Die Kapazitäten lokaler Flak-Batterien sind schnell erschöpft, die Reichweite ist selbst bei moderneren Hightech-Systemen wie Iris-T oder Patriot beschränkt. Und nicht jede anfliegende Bedrohung rechtfertigt den Einsatz millionenteurer Abwehrraketen.

Die mobilen Luftabwehrtrupps in der Ukraine stehen unter Dauerstress. Die in Massen einfliegende Drohnen kommen jede Nacht aus unterschiedlichen Richtungen. Auf den Radarsystemen sollen Schwärme an Dummy-Drohnen von der Hauptangriffsrichtung ablenken - oder die Munitionsvorräte aufzehren, bevor die eigentliche Welle an Angreifern folgt.

Wann kommt der nächste Großangriff?

Die ukrainischen Verteidiger müssen die nächtlichen Einsätze nicht nur mit einer eng begrenzten Zahl an Luftabwehrsystemen planen. Zu schützen gilt es zudem eine Vielzahl an leicht verwundbaren möglichen Angriffszielen. Der russische Beschuss richtet sich nicht nur gegen Großstädte und Bevölkerungszentren, sondern auch gegen Kraftwerke, Häfen, Staudämme, Brücken und andere Einrichtungen der kritischen Infrastruktur.

Das veränderte Angriffsmuster ist in den Zahlen aus Kiew leicht zu erkennen. Sehr viel schwerer ist es jedoch, die Entwicklung zu deuten: Die Daten zeigen bisher nur Veränderungen in der eingesetzten Masse an Waffensystemen.

Die Angaben verraten jedoch nichts darüber, wie hart die russischen Geschosse die Ukraine tatsächlich treffen. Das russische Militär hat die eigene Strategie zum Jahreswechsel offenbar neu ausgerichtet. Die Zielplanung scheint sich oben vorerst auf die ukrainische Energieversorgung zu konzentrieren.

Oder gibt es für die auffälligen Veränderungen in der Intensität der Angriffe andere Gründe? Naheliegend wäre eine Vermutung, die den ukrainischen Verteidigern sehr gelegen käme: Die russische Kriegsmaschinerie setzt Nacht für Nacht gewaltige Mengen an Material ein, die Nachschublieferungen stehen massiv unter Druck. Zudem sieht sich die russische Rüstungsindustrie selbst ukrainischen Luftangriffen ausgesetzt. Wie lange kann Russland diese Kraftanstrengung durchhalten?

Die Zahlen sind gewaltig: Allein seit Beginn des vergangenen Jahres verzeichnete die ukrainische Luftabwehr mehr als 57.000 eindringende Shahed-Drohnen oder vergleichbare Waffensysteme, dazu 865 ballistische Raketen und insgesamt 1192 Marschflugkörper. Ein Großteil davon bleibt in der ukrainischen Luftabwehr hängen, die Abschussquote lag zuletzt bei durchschnittlich 82 Prozent.

Kurz: Der Kreml verbrennt in der Ukraine allein im Luftkrieg Nacht für Nacht Unsummen an Material. Wie lange die russische Wirtschaft diesen Kurs durchhalten kann, ist allerdings noch offen. Möglicherweise spart das russische Militär die verfügbaren Waffensysteme nur für den nächsten großangelegten Schwarmangriff auf.

Quelle: ntv.de

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