Politik

Symbolischer Erfolg bei Charkiw Ukrainische Truppen stoßen zur russischen Grenze vor

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Ukrainische Soldaten ruhen sich in einem kürzlich zurückeroberten Dorf nördlich von Charkiw im Osten der Ukraine aus.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Bereits seit einigen Tagen befinden sich die russischen Truppen im Großraum Charkiw auf dem Rückzug. Zumindest in einem Abschnitt scheinen sie die Ukraine vollständig verlassen zu haben: Ukrainische Truppen posieren an der russischen Grenze. Im August soll die Wende gelingen.

Ukrainische Truppen melden einen symbolträchtigen Erfolg bei ihrer Gegenoffensive im östlichen Gebiet Charkiw: Sie sind zumindest an einer Stelle bis zur Grenze zu Russland vorgestoßen. Das ukrainische Verteidigungsministerium veröffentlichte in der Nacht ein Video mit einem Dutzend Soldaten neben einem Grenzpfahl in den Nationalfarben Blau und Gelb. Sie gehören den Angaben zufolge zu einer Freiwilligen-Brigade aus der Stadt Charkiw.

Das ukrainische Militär hatte bereits in den vergangenen Tagen berichtet, dass es schrittweise gelinge, russische Truppen bei Charkiw zurückzudrängen. Unter anderem der ukrainische Generalstab teilte mit, dass sich russische Streitkräfte aus mehreren Ortschaften nordöstlich der Großstadt zurückgezogen hätten.

"Bereiten uns auf große Offensiven vor"

Dennoch ist der Erfolg zumindest vorläufig nur symbolischer Natur. Im Osten des Landes halten die russischen Truppen den Druck aufrecht, auch wenn die ukrainischen Einheiten sie mit heftigem Widerstand ausbremsen konnten. "Wir bereiten uns auf große Offensiven in Sewerodonezk und an der Straße zwischen Lysytschansk und Bachmut vor", teilte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, am Wochenende mit. Die russische Armee zerstörte nach eigenen Abgaben mehrere militärische Ziele in der Region Donezk und griff auch die westukrainische Region Lwiw wieder an.

Bisherige Versuche zur Einkesselung von Sewerodonezk hätten die ukrainischen Soldaten zurückgeschlagen, erklärte Hajdaj. Zugleich beschrieb er die zunehmend schwierige humanitäre Lage in der Region Luhansk: "Es gibt absolut kein Gas, kein Wasser und keinen Strom." An der Grenze zur Region Donezk, auf der Seite der Stadt Popasna, werde heftig gekämpft.

Bericht über Befehlsverweigerung

Nahe des Dorfes Bilohoriwka versuchen die russischen Streitkräfte seit drei Wochen erfolglos, einen Fluss zu überqueren. Nach Angaben des Gouverneurs erlitten die russischen Truppen schwere Verluste an Soldaten und Ausrüstung.

Aus abgehörten Telefongesprächen habe die ukrainische Seite erfahren, "dass ein ganzes russisches Bataillon sich geweigert hat anzugreifen, weil sie gesehen haben, was passiert". Luftaufnahmen zeigten Dutzende von zerstörten Panzerfahrzeugen am Flussufer sowie zerstörte Pontonbrücken.

Befehlshaber unter Druck

Das britische Verteidigungsministerium erklärte, die russische Armee habe schwere Verluste erlitten, nachdem die ukrainischen Streitkräfte ihren Versuch der Überquerung des Flusses zurückgeschlagen hätten. Das Manöver spreche "für den Druck, unter dem die russischen Befehlshaber stehen, ihre Operationen in der Ostukraine voranzubringen".

In der Region Lwiw nahe der Grenze zu Polen trafen laut Regionalgouverneur Maxym Kosytsky vier russische Raketen militärische Infrastruktur. Opfer gab es den Angaben zufolge keine und die ukrainische Armee zerstörte nach eigenen Angaben zwei Marschflugkörper in der Region. Lwiw war zuletzt am 3. Mai von russischen Raketen getroffen worden.

Neue Luftschläge in Lwiw

Nach Angaben aus Moskau wurden in der Nacht zum Sonntag mehrere Hochpräzisionsraketen auf zwei ukrainische Kommandopunkte und vier Artilleriemunitionslager in der Nähe von Saporischschja, Konstantinowka und Nowomichailowka in der Region Donezk abgefeuert. Die russische Luftwaffe habe zudem zwei Raketenwerfer der S-300-Systeme und ein Radarsystem in der Region Sumy zerstört, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Russische Flugabwehrsysteme hätten zudem 15 ukrainische Drohnen in den Regionen Donezk und Luhansk vernichtet.

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Der britische Militärgeheimdienst ging von herben Verlusten Moskaus in der Ostukraine aus, weshalb die Offensive "an Schwung verloren" habe. Der russische Schlachtplan sei "erheblich in Verzug", hieß es aus Geheimdienstquellen.

Russland habe "wahrscheinlich Verluste von einem Drittel der Bodenkampftruppe erlitten, die es im Februar eingesetzt hatte", hieß es weiter. Unter den derzeitigen Bedingungen sei es unwahrscheinlich, dass Russland sein Vormarschtempo in den nächsten 30 Tagen erheblich beschleunigen werde. Der Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, Kirilo Budanow, sagt für die zweite Augusthälfte sogar einen militärischen "Wendepunkt" in dem Konflikt voraus: Noch vor Jahresende werde der Krieg mit einer Niederlage für Russland enden, erklärte er.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 16. Mai 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, chr/dpa/AFP

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