Politik

Scheidender Ukraine-Botschafter Melnyk erklärt Gründe für Abberufung

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Der Diplomat Melnyk pflegte einen oft undiplomatischen Stil - verschaffte sich damit aber auch Gehör.

(Foto: IMAGO/Chris Emil Janßen)

Eines ist dem scheidenden ukrainischen Botschafter Melnyk gelungen: Er hat den Anliegen seines Landes Gehör verschafft - wenn auch nicht immer nach diplomatischem Lehrbuch. In einem Interview blickt er nun zurück und äußert ein gewisses Bedauern.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Deutschlands Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ein zweites Mal eingeladen, in die Ukraine zu reisen. Das sagte der scheidende ukrainische Botschafter Andrij Melnyk in einem Gespräch mit der "Zeit". "Wir warten noch auf seinen Besuch in Kiew. Im letzten Telefonat hat Präsident Selenskyj ihn zum zweiten Mal persönlich eingeladen", so der ukrainische Botschafter.

Melnyk sagte, er selbst werde Deutschland "in zwei, drei Wochen" verlassen. Über den Grund für seine Demission wird bis heute gerätselt. Das sei "zwar eine Routinesache", habe aber auch mit seiner "Art der Diplomatie" zu tun. Der Diplomat ist für teils scharfe und verletzende Äußerungen bekannt. So bezeichnete er Bundeskanzler Olaf Scholz einmal als "beleidigte Leberwurst". Das sei "wohl nicht angemessen" gewesen, meinte Melnyk nun.

Bei anderer Gelegenheit äußerte Melnyk Verständnis für den ukrainischen Nationalisten und NS-Kollaborateur Stepan Bandera, dem Menschenrechtsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs vorgeworfen werden. Heute bedauert Melnyk seine Äußerungen. Er habe "die emotionale Bedeutung, die dieses äußerst sensible Thema vor allem für unsere polnischen Freunde immer noch hat, unterschätzt. Das war ein Fehltritt. Ich wollte keinen verletzen."

Vorwürfe an die Bundesregierung

Präsident Selenskyj hatte vor drei Wochen ein Dekret unterzeichnet, mit dem er Diplomaten aus Deutschland und einer Reihe weiterer Länder abberief. Es handele sich um eine "simple Rotation, wie es üblich ist", versicherte Selenskyj. Neben Melnyk wurden auch die Botschafter in Tschechien, Norwegen, Ungarn, Indien, Nepal, den Malediven, Sri Lanka und Bangladesch zurück nach Kiew beordert.

Melnyk war seit Dezember 2014 Botschafter in Berlin. Deutschlands Politik hatte er angesichts des russischen Angriffskriegs in seiner Heimat immer wieder scharf kritisiert und der Bundesregierung eine zu zögerliche Haltung insbesondere in der Frage der Waffenlieferungen vorgeworfen.

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 27. Juli 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, vpe/AFP

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