Politik

Herxheims Kreuz mit der Glocke Und ewig grüßt Herr Hitler

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Da oben rechts hängt sie, von Blicken verborgen: die "Hitler-Glocke".

(Foto: Julian Vetten)

Herxheim am Berg ist ein hübsches Weindorf, perfekt gelegen an der deutschen Weinstraße. Seit einem guten Jahr stört allerdings eine Glocke die Pfälzer Idylle: Ein zweigestrichenes C, das nach Nationalsozialismus klingt.

250 Kilogramm. In Glockenmaßstäben gesehen ist das Exemplar, das in Herxheim am Berg hängt, ein ziemliches Leichtgewicht. Zu schwerer Kost wird das Geläut in der protestantischen Kirche der 700-Seelen-Gemeinde allerdings durch die eingravierte Botschaft, die bei jedem Schlag durch den Kirchturm pendelt: "Alles fuer's Vaterland Adolf Hitler" ist dort zu lesen, darunter prangt ein großes Hakenkreuz. So ein Gottesdienst unterm Hakenkreuz, das hat schon etwas Gruseliges. Sollte man meinen.

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Pittoreskes Dorf mit braunen Unterströmungen: Herxheim

(Foto: Julian Vetten)

Finden die Herxheimer indes nicht, die sind nämlich ganz glücklich mit ihrer Glocke: "Die hängt da jetzt seit 84 Jahren und hat nie jemanden gestört", sagt ein Anwohner, der an diesem eiskalten Sonntag seinen Gehweg vom Neuschnee befreit. Für die ersten 83 Jahre mag das zutreffen, spätestens aber seit dem vergangenen Sommer ist es vorbei mit dem Frieden in dem pittoresken Dorf an der Weinstraße: Damals machte eine Musiklehrerin öffentlich, was im Dorf schon lange bekannt war - alle Viertelstunde grüßt der Herr Hitler mit einem hellklingenden zweigestrichenen C aus dem Kirchturm.

Immer diese Judenverfolgung ...

Reportageserie Mittelstädte

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Die Aufregung war verständlicherweise groß, von nah und fern reiste die Journaille an, um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Und stieß auf den wahrscheinlich unreflektiertesten Umgang mit der NS-Zeit, den man sich außerhalb von AfD, Pegida und Konsorten derzeit vorstellen kann. Der Beitrag eines Fernsehteams der RBB-Sendung "Kontraste", um nur ein Beispiel zu nennen, ist im Grunde eine tragische Realsatire mit Protagonisten, deren Aussagen so überzeichnet sind, dass man sie für erfunden halten müsste, hätte man den Film nicht mit eigenen Augen gesehen.

Bernd Schmidt: "Es war nicht alles schlecht. Ich will nicht sagen, wir bräuchten heute noch mal einen Adolf Hitler, das brauchen wir nicht mehr, aber es war nicht alles schlecht, was Adolf Hitler gemacht hat."

Kontraste: "Was war denn gut?"

Bernd Schmidt: "Als der Hitler an die Macht kam, wurden die Leute beschäftigt, die Autobahnen wurden gebaut, es gab keine Arbeitslosen mehr. Die Leute waren zufrieden."

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Genussreiche Aussichten? Man wird sehen.

(Foto: Julian Vetten)

Dass der Abschnitt der A6, der in zwei Kilometern Entfernung an Herxheim vorbeiführt, erst nach dem Krieg gebaut wurde, sei jetzt einfach mal so dahingestellt - viel entscheidender ist die irritierende Perspektive, aus der ein Großteil des Weindorfes den Nationalsozialismus zu betrachten scheint. Schmidt, der tatsächlich mal für die SPD im Gemeinderat saß, ist mit seiner Meinung schließlich nicht alleine: "Wenn man den Namen Adolf Hitler nennt, dann sind immer gleich die Judenverfolgung und die Kriegszeiten als Erstes oben auf", sagte auch Ronald Becker, damals noch Bürgermeister der Gemeinde: "Wenn man über solche Sachen berichtet, soll man umfangreich berichten. Dass man sagt, das waren die Gräueltaten und das waren auch Sachen, die er in die Wege geleitet hat und die wir heute noch benutzen." Und überhaupt: "Wir sind stolz, eine Glocke mit solcher Inschrift zu haben. Diese Glocke jetzt als Hitler-Glocke zu bezeichnen, das ist immer so negativ."

Für seine Aussagen musste Becker damals den Hut nehmen, seitdem sind sie in Herxheim ein bisschen vorsichtiger, was öffentliche Statements angeht. An der allgemeinen Stimmungslage hat sich indes wenig geändert, ganz im Gegenteil: In einer Gemeinderatssitzung wurde erst vor wenigen Tagen mit einer beeindruckenden Mehrheit von neun zu drei Stimmen beschlossen, das Geläut genau dort hängen zu lassen, wo es sich gerade befindet.

"Ich höre im Läuten Adolf Hitler"

Gut, könnte man jetzt sagen, so ein Glockenaustausch kostet ja auch Geld. Dass eine kleine Gemeinde wie Herxheim so etwas nicht mal eben aus der Portokasse stemmen kann, ist klar. Außerdem: "Die Kosten der Aktion würden für den gleichen Klang jedoch nur mit einer anderen Inschrift sich [sic] auf ca. 50.500 € belaufen", heißt es in einem im Januar veröffentlichten Gutachten, das die Gemeinde erstellen ließ. Reine Symbolpolitik also? "Ja, na klar geht es hier darum, Zeichen zu setzen - und zwar die richtigen. Man sollte die Glocke abhängen", findet Monika aus Baden-Württemberg, die mit ihren Freundinnen unterwegs zum stylishen und sicher nicht ganz günstigen Neubau der Winzergenossenschaft ist, um dort die Weine des Dorfes zu probieren. Die Existenz der "Hitler-Glocke" war der Gruppe vorher zwar bereits ein Begriff, aber nicht, dass sie in Herxheim hängt. "Irgendwie ein komisches Gefühl, hier jetzt gleich was zu trinken", sagt die Frau. Und spricht aus, was sich geradezu aufdrängt: "Wenn ich hier in die Kirche gehen würde, ich glaube, mir würde bei jedem Glockenläuten ein kalter Schauer über den Rücken laufen."

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Sicher nicht aus der Portokasse erbaut: die Vinothek von Herxheim.

(Foto: Julian Vetten)

So erging es auch Sigrid Peters, als sie im vergangenen Jahr entdeckte, welches gusseiserne Geläut sie jahrelang als Organistin begleitet hatte: "Ich höre im Läuten der Glocke Adolf Hitler." Ein untragbarer Zustand befand die pensionierte Musiklehrerin damals und hängte das Thema daraufhin an die große Glocke. Mit dem enormen Gegenwind der Herxheimer hatte Peters indes nicht gerechnet: "Ich habe schlimme Befürchtungen an die Nazizeit nach dieser Sitzung", sagte sie nach der Gemeinderatssitzung - und bringt die Entscheidung für den Verbleib des Geläuts mit dem Erstarken des Rechtspopulismus in Verbindung.

Aber zurück zum schnöden Mammon. Die Glockenbeauftragte der Evangelischen Kirche der Pfalz, Birgit Müller, tat den Austausch der Glocke damals als unsinnig ab und stellte die Frage in den Raum: "Wer soll das bezahlen?" Die Antwort kam daraufhin postwendend von Müllers Chefs: Die evangelische Kirche selbst stellte 150.000 Euro für den Austausch der Herxheimer und aller weiteren Glocken in Aussicht, die noch in Rheinland-Pfalz in den Kirchtürmen herumschaukeln. Denn, man höre und staune: Das ist noch in fünf weiteren Gemeinden der Fall, obwohl Müller selbst lange davon sprach, dass die Herxheimer Glocke das einzige verbliebene Exemplar ihrer Art sei. Warum die Glockenbeauftragte damit nicht schon früher rausrückte? "Ich wollte die anderen Gemeinden schützen."

Was wirklich zählt, ist der Wein

Das alles wirft weder ein gutes Licht auf die Frau, die auch für das Gutachten zur "Hitler-Glocke" verantwortlich zeichnet, noch auf die Herxheimer selbst, die mittlerweile immerhin eine zumindest sprachlich medienpolitisch klügere Linie als noch im vergangenen Jahr einnehmen: Die Glocke müsse als Mahnmal in der Kirche hängenbleiben, formuliert es Georg Welker mittlerweile, der neue parteilose Bürgermeister der Gemeinde. Denn das sei immer noch besser, "als wenn sie in irgendwo in einem Museum hängt, wo sich bei jeder Gelegenheit jemand vor die Glocke stellt und ein Selfie produziert". Das kann tatsächlich kaum passieren, denn "die Läuteanlage im Kirchturm ist eine komplexe technische Einrichtung, verschlossen und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich", heißt es in der jüngsten Pressemitteilung der evangelischen Gemeinde. Wie das mit dem Gedenken so funktionieren soll, verrät der zuständige Pfarrer allerdings nicht: In der Mitteilung würden alle offenen Fragen ausgeräumt, ist Helmut Meinhardt überzeugt. Gespräch beendet.

Dass es auch anders geht, zeigen die Verantwortlichen in Essingen: "Als Adolf Hitler Schwert und Freiheit gab dem Deutschen Land, goss uns der Meister Pfeifer, Kaiserslautern", lautete hier die syntaktisch ebenfalls leicht fragwürdige Inschrift auf der Kirchenglocke. In dem knapp 40 Kilometer von Herxheim entfernten Ort entschied man sich dafür, auf das Angebot der Landeskirche einzugehen und das im Glockenturm hängende Nazidenkmal dem Historischen Museum der Pfalz zu übergeben: "Zur Aufarbeitung ist sie in Speyer besser aufgehoben", zeigte sich Ortsbürgermeisterin Susanne Volz überzeugt. Denn der Glockenturm sei ohnehin nicht begehbar und wenn die Glocke mit NS-Inschrift nicht sichtbar sei, könne die Gemeinde keine "Aufarbeitungsarbeit" leisten.

Klingt logisch. Aber selbst wenn man der neuen Linie der Herxheimer folgt und die Glocke nach zähem Hin und Her im Turm hängen lässt, begleitet von einer Gedenktafel noch unklaren Inhalts in der Kirche selbst, ist eines jetzt schon klar: Ruhe wird auf absehbare Zeit nicht wieder einkehren im beschaulichen Herxheim. Und das, obwohl die Herxheimer selbst nichts lieber tun würden als den Mantel des Schweigens auf ihrer Vergangenheit auszubreiten. Denn was in Herxheim wirklich zählt, ist der Wein - und für das Geschäft mit dem edlen Tropfen ist der ewig grüßende Herr Hitler garantiert nicht das beste Aushängeschild. Finden auch Monika und ihre Freundinnen: "Eine Glocke, die einem Mörder gewidmet ist und ein ganzes Dorf, das aus Trotz oder Verblendung daran festhält. Wo gibt's denn sowas noch? Das ist doch ein echter Schildbürgerstreich."

Quelle: n-tv.de