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Flucht, Hunger, Hyperinflation Venezuela wählt in der Katastrophe

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15 Prozent der Venezolaner litten 2017 an Unterernährung. Vor allem Kinder machen traumatische Erlebnisse.

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Die Wahlen in Venezuela finden unter desaströsen Umständen statt. Kinder sterben an Unterernährung. Die überlebenswichtige Ölindustrie produziert immer weniger. Die Hyperinflation paralysiert das Land.

Simon Bolívar blickt fest von einer Hauswand auf die Passanten. "Wenn die Tyrannei Gesetz wird, ist Rebellion ein Recht", ist auf dem riesigen Bild in Caracas zu lesen. Mit rechten Dingen ging es im Vorfeld der heutigen Präsidentschaftswahl jedoch weniger zu. Die Entscheidung um sein Amt hat Präsident Nicolás Maduro auf den heutigen Sonntag vorgezogen. Sie hätte eigentlich erst in einigen Monaten fallen sollen. Wichtige politische Gegner sind diesmal nicht zugelassen. Das von der Opposition kontrollierte Parlament wurde bereits im vergangenen Jahr von Maduro entmachtet und durch die linientreue verfassungsgebende Versammlung (ANC) ersetzt. Die USA beschuldigen Maduro, der auch Chef der sozialistischen Partei PSUV ist, dass er und sein Vize Diosdado Cabello Drogenschmuggel staatlich organisieren und davon profitieren.

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Angefeuert vom einstigen Fußballstar Diego Armando Maradona: Präsident Maduro küsst die venezolanische Flagge. Seine Chancen auf eine weitere Amtszeit stehen trotz der verheerenden Zustände im Land gut.

(Foto: REUTERS)

Die USA, Kanada, die EU und mehrere lateinamerikanische Länder wollen die Wahl nicht anerkennen. Zwei Gegenkandidaten treten trotzdem gegen Maduro an: der evangelikale Ex-Prediger Javier Bertucci, dem kaum Chancen zugerechnet werden, sowie Henri Falcón, der sich als gemäßigter Chavist bezeichnet. Er könnte Maduro gefährlich werden, weil sich weite Teile der venezolanischen Bevölkerung ebenso sehen. Falcón verspricht einen moderateren linken Kurs; dazu gehört die Einführung des US-Dollar als offizielle Währung, um die Hyperinflation zu stoppen. Zudem will er Kredite vom Internationalen Währungsfonds IWF beantragen und den staatlichen Erdölkonzern PDVSA für private Investoren öffnen.

Maduro hat sich seit seinem Amtsantritt im Jahr 2013 vieler seiner Kritiker entledigt. Nun will er sich für weitere sechs Jahre bestätigen lassen. Die Basis des Präsidenten wird auf etwa 20 Prozent der Wahlberechtigten geschätzt. Es ist sehr gut möglich, dass es für einen Sieg reicht.

Politologe rechnet mit niedriger Wahlbeteiligung

Große Teile der internationalen Gemeinschaft halten die Wahl für nicht fair. Für das oppositionelle Parteienbündnis MUD ist sie illegal, es ruft zum Boykott auf. Ihre wichtigsten Politiker Leopoldo López und Henrique Capriles durften nicht antreten. Auf einen anderen gemeinsamen Kandidaten hatte sich das MUD nicht einigen können. Einige Oppositionelle befinden sich im Exil, etwa die 2017 von der ANC abgesetzte Generalstaatsanwältin Luisa Ortega. Sie hatte die Entmachtung des Parlaments scharf kritisiert und Maduro einen Putsch gegen die Gewaltenteilung vorgeworfen.

Der venezolanische Politologe John Magdaleno hält den Urnengang ebenfalls für nicht demokratisch, weil die wichtigsten Oppositionellen nicht zugelassen sind. "50 Prozent werden wählen gehen und 10 bis 14 Prozent nur möglicherweise", sagt Magdaleno. Die Hälfte der Wahlberechtigten könnte also ihre Stimme nicht abgeben. Weil die Menschen es nicht für nötig halten, weil sie keinen Zugang zum Wahllokal haben oder weil sie wie das MUD die Wahl demonstrativ verweigern. Maduro profitiert davon. Bleibt die Hälfte zu Hause, könnte er dank seiner Wählerbasis in einkommensschwachen Schichten auf insgesamt 40 Prozent kommen, obwohl ihm nur 20 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme gegeben haben. Es wird darauf ankommen, wie viele Maduro-Wähler zu Falcón überlaufen.

Dem Kollaps entgegen

Aus Chávez' demokratischem Sozialismus ist unter Maduro ein Land geworden, das dem Kollaps entgegentaumelt. Die Hyperinflation lähmt die Wirtschaft. Auf dem Schwarzmarkt verlor der Bolívar in der vergangenen Woche fast 15 Prozent an Wert. Kredite gibt es keine. Bargeld ist rar, weil es sich so schnell entwertet, dass die Zentralbank nicht mit dem Drucken hinterherkommt. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich fast alles auf elektronischen Zahlungsverkehr im nationalen Bankensystem umgestellt. Wer jemanden im Ausland kennt, lässt sich von dort Devisen mitbringen, die dann in kleinen Mengen getauscht werden. Etwa 4,4 Millionen US-Dollar werden so täglich getauscht, gibt die venezolanische Firma Ecoanalytica an. Es lohnt sich nicht, mehr Bolivares zu haben, als man ausgeben will.

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Herausforderer Falcón gilt als gemäßigter Chavist. Seine Kontakte zur Wall Street könnte Venezuela gut gebrauchen.

(Foto: REUTERS)

Gut zeigen lässt sich das venezolanische Alltagsproblem auch in der Markthalle des Stadtteils Chacao. Hier werden am Tag vor der Präsidentschaftswahl Hamsterkäufe getätigt. "Danach könnte es nichts mehr geben", sagt ein junger Mann, der gerade 20 Packungen Mehl in seinen Einkaufswagen packt. Das Geld dafür bekommt seine Familie von einer Cousine aus Kanada. Während die Menschen woanders stundenlang für subventioniertes Mehl anstehen, bezahlen sie hier mehr als einen halben monatlichen Mindestlohn für ein Kilo. Wer sich rund 15 Minuten dafür anstellt, bezahlt 550.000 Bolivares je Packung. Wer es eilig hat und direkt kaufen will, muss 100.000 drauflegen. Ein venezolanischer Arbeiter verdient mindestens 1 Million Bolivares pro Monat, das sind rund ein US-Dollar.

Die Lebensmittelversorgung ist das größte Problem des Landes. Die Ölindustrie wäre der Schlüssel zu einer besseren Versorgung, aber sie produziert wegen fehlender Wartung, Investitionsmangel und abtrünnigem Personal immer weniger. Seit Januar 2017 sind rund 30.000 der zuvor 146.000 Mitarbeiter aus Venezuela geflohen. Das Land braucht Devisen aus dem Ölverkauf dringender denn je, denn die Agrarindustrie produziert inzwischen weniger als ein Viertel der benötigten Lebensmittel. Das Haushaltsdefizit lag im vergangenen Jahr bei mehr als 21,2 Prozent.

Maduro profitiert von Auswanderern

Nur etwa ein Fünftel der venezolanischen Bevölkerung kann derzeit ausgewogen essen. Etwa 15 Prozent der Menschen litten im vergangenen Jahr an Unterernährung, sagt die Menschenrechtsorganisation Provea. Die Kindersterblichkeit war 2016 um 30 Prozent angestiegen; das sind die bislang letzten Zahlen, die veröffentlicht wurden. Permanent fliehen deshalb Venezolaner ins Ausland, laut Oppositionsangaben sollen es bereits 4,5 Millionen Menschen sein. Für die Venezolaner ist das eine Katastrophe, für Maduro nicht unbedingt: Wer ins Ausland geht, überweist potenziell Devisen zu Angehörigen und Freunden in die Heimat. Und wählen dürfen die meisten Venezolaner von dort auch nicht.

Trotzdem sieht es für Maduro düster aus, er ist international größtenteils isoliert. Einen Ausweg könnte es geben: die Zusammenarbeit mit Falcón. Der Chavist ist unverbraucht und hat Kontakte an die Wall Street. Das Geld von dort kann Venezuela dringend gebrauchen, um seine Schulden zu bedienen und drohende Pfändungen von Ölanlagen zu verhindern. Beim Wahlkampfabschluss sprach Maduro von einem "nationalen Dialog" und einer "wirtschaftlichen Revolution". Details nannte er nicht. Aber in Falcóns Schattenkabinett sitzt Francisco Rodríguez von Torino Capital. Die Firma aus New York konzentriert sich auf Investitionen in Lateinamerika. Rodríguez ist als Wirtschaftsminister vorgesehen.

Quelle: n-tv.de

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