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Im Kreis strategischer Lügner Vielleicht will Saudi-Arabien suspekt wirken

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Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

(Foto: Star Max/IPx)

Sind die Geheimdienste Riads wirklich solche Stümper? Glaubt der Kronprinz wirklich, dass ihm die Welt seine Beschwichtigungen abnimmt? Mohammed bin Salman wirkt im Fall Khashoggi vor allem eines: verdächtig. Womöglich will er genau das.

Drei Tage, nachdem Jamal Khashoggi verschwunden ist, verlor die Führung Saudi-Arabiens in dem Fall ihre Glaubwürdigkeit. Kronprinz Mohammed bin Salman gab der Agentur Bloomberg ein Interview, in dem es auch um den Regierungskritiker ging.

"Drohen ihm in Saudi-Arabien Strafen?", fragen die Journalisten.

"Wir müssen zunächst herausfinden, wo Jamal ist", antwortet der Kronprinz.

"Also könnten ihm in Saudi-Arabien Strafen drohen?", haken die Journalisten nach.

"Wenn er in Saudi-Arabien ist, wüsste ich das", antwortet bin Salman den Reportern. Oder besser gesagt: Redet er an ihnen vorbei.

Nach dem Interview kamen mit jedem Tag fragwürdigere Ausflüchte aus Riad. Der vorerst neueste Stand: Saudi-Arabien will angeblich einräumen, dass Khashoggi bei einem Verhör ums Leben kam, das außer Kontrolle geriet. Die Führung in Riad bleibt zugleich bei ihrer Behauptung, nicht in das eingeweiht gewesen zu sein, was sich am 2. Oktober bei Khashoggis Besuch des saudischen Konsulat in Istanbul ereignete. Obwohl ein großer Teil des "Verhör-Teams" einem Bericht der "New York Times" zufolge zur Leibgarde des Kronzprinzen gehörte. Und obwohl demnach auch Salah Muhammad al-Tubaiqi ein Mitglied dieses Teams war. Al-Tubaiqi wurde als ein hochrangiger Rechtsmediziner im saudischen Sicherheitsapparat identifiziert. Ihm wird vorgeworfen, Khashoggi mit einer Knochensäge bei lebendigem Leib zerschnitten zu haben.

In der westlichen Öffentlichkeit stehen nun vor allem zwei Fragen im Raum. Erstens: Wie kann es sein, dass einer der reichsten Staaten der Welt einen Kritiker derart stümperhaft aus dem Weg räumt? Im eigenen Konsulat – während die Freundin des Opfers vor der Tür wartet. Zweitens: Glauben die Saudis wirklich, dass ihnen jemand ihre Ausflüchte abnimmt?

Bisher kam bin Salman mit allem durch

Ein Gedankenspiel. Gehen wir davon aus, dass Mohammed bin Salman wirklich hinter dem Verschwinden Khashoggis steckt, ist die Antwort auf die erste Frage vielleicht diese: Der 33 Jahre alte Kronprinz, der meist mit seinen Initialen M.B.S. abgekürzt wird, musste sich noch nie ernsthaft Gedanken darüber machen, Dissidenten geschickt loszuwerden. Und er tat es offensichtlich auch nie.

Das prominenteste Beispiel dafür ist der Ritz-Carlton-Vorfall. Im November 2017 ließ der frisch gekürte Kronprinz Hunderte Unternehmer und Regierungsmitglieder in das prunkvollste Hotel Riads sperren. Er ließ sie dort wegen Korruptionsvorwürfen monatelang schmoren und wollte sie erst nach milliardenschweren Schadenersatzzahlungen wieder freilassen. Journalisten bekamen Zugang zu dem Fünf-Sterne-Gefängnis. Der Ritz-Carlton-Vorfall war ein medienwirksamer Akt, der auch dazu diente, den alten Eliten ihren neuen Platz im Königreich zu verdeutlichen. M.B.S. hielt es dabei offensichtlich nicht für nötig, seine Männer davon abzuhalten, einige der Gefangenen zu foltern. Eine ganze Reihe musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Auch Berichte über einen zu Tode gequälten General machten die Runde. Bestätigt sind diese allerdings nicht.

In einem ähnlich drastischen Fall ließ M.B.S. angeblich Ende des vergangenen Jahres den Ministerpräsidenten des Libanons, Saad Hariri, an einen Stuhl fesseln und verprügeln. Das berichteten US-Quellen. M.B.S. wollte demnach, dass Hariri sich im Libanon engagierter gegen den Einfluss des Erzrivalen Iran in der Region einsetzt. Kurz nach der Tracht Prügel, von der die Rede ist, trat ein sichtlich entkräftet wirkender Hariri vor die Kameras eines saudischen Fernsehsenders. Er erklärte: "Irans Hände in der Region werden abgehackt."

Konsequenzen gab es nie: Unternehmen aus dem Westen machten trotzdem eifrig Geschäfte mit dem Königreich, das auch Bomben auf die Bevölkerung des Jemen warf, Drogendealer enthauptet, den ultraorthodoxen Wahabismus verbreitet und politische Gefangene wie Raif Badawi öffentlich auspeitschen lässt. M.B.S. hat erlebt: Er kommt mit vielem durch. Bisher mit praktisch allem. Warum also sollte er beim Mord eines einzelnen Kritikers im Ausland von etwas anderem ausgehen?

Große Vorbilder

Gehen wir weiterhin davon aus, dass M.B.S. hinter dem Verschwinden Khashoggis steckt und er überdies davon überzeugt war, dass ihm keine ernstzunehmenden Repressalien drohen, liegt eine Antwort auf die Frage Nummer zwei sehr nahe: M.B.S. glaubt nicht, dass die Welt ihm seine Ausreden abnimmt. Aber das ist ihm völlig egal. Denkbar ist sogar das: Der Kronprinz könnte es geradezu darauf angelegt haben, dass die Menschen an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln.

In dieser Lesart wirkte der Mord so stümperhaft, weil er stümperhaft wirken sollte. Und die Ausflüchte erschienen so dreist, weil sie dreist erscheinen sollten. Der Fall Khashoggi wäre vor allem eines: eine beispiellose Machtdemonstration. Den Bürgern Saudi-Arabiens würde M.B.S. damit zeigen: Ihr Kronprinz kann sich alles erlauben. Seinen Kritikern würde er deutlich machen: Sie können sich nirgends auf der Welt sicher fühlen. Und den regionalen Rivalen Türkei würde er aufs Äußerste demütigen, indem er tief in Ankaras Souveränität eingreift.

Es ist eine Lesart, die nach Verschwörungstheorie klingt. Aber M.B.S. wäre wohl nicht der erste, der auf diese Art Politik betreibt. Russlands Präsident Wladimir Putin ist wahrscheinlich der Meister des Spiels mit durchsichtigen Vertuschungsversuche. Skripal, grüne Männchen auf der Krim, MH17 - die russischen Grenzüberschreitungen wirken so offensichtlich, dass alle Welt zu wissen glaubt, wer dahinter steckt. Weil es in solchen Fällen den ultimativen Beweis nur selten gibt, streitet der Kreml alle Vorwürfe selbstbewusst ab. Das Ergebnis: Putin gilt als unberechenbar. Die Welt traut ihm alles zu. Auch daraus speist sich seine Macht.

US-Präsident Donald Trump treibt es noch weiter. Wohl anders als Putin versucht er nicht einmal mehr, irgendeinen Schein zu wahren. Trump lügt so oft und so offensichtlich, dass die "Washington Post" ihn in seinen ersten 558 Tagen im Amt 4229 Falschaussagen nachweisen konnte. Egal. Trump beharrt auf vielen seiner Lügen. Schon früh in seiner Amtszeit etablierte die Beraterin des US-Präsidenten Kellyanne Conway den Begriff "alternativer Fakten". Gehen wir also davon aus, dass M.B.S. wirklich hinter dem Mord an Khashoggi steckt und die Absurdität des Falles bewusst einsetzt, befindet er sich in prominenter Gesellschaft von strategischen Lügnern.

Quelle: n-tv.de

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