Politik

Zehn Stimmen aus Wisconsin Warum Trump nach Kenosha fährt

US-Präsident Trump zeigt Verständnis für den mutmaßlichen Mörder von Kenosha. Viele Wähler dürfte er damit verprellen. Mit Blick auf seine Chancen am 3. November könnte sein Vorgehen dennoch die für ihn richtige Strategie sein.

Die Job-Beschreibung von US-Präsidenten in Krisenzeiten ist normalerweise eindeutig: zusammenführen, Mut machen, kein Öl ins Feuer gießen. Dass Donald Trump sein Amt anders versteht, ist nach fast vier Jahren zu Genüge bekannt. Am Montag stellte er bei einem Auftritt vor der Presse im Weißen Haus einen mutmaßlichen Mörder als Opfer dar.

Bei Protesten gegen Polizeigewalt in der Stadt Kenosha hatte am Dienstag der vergangenen Woche ein 17-jähriger Weißer namens Kyle Rittenhouse zwei Demonstranten erschossen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm zweifachen "beabsichtigten Mord ersten Grades" vor, was einer Mordanklage entspricht. Sein Anwalt sagt dagegen, bei der Tat seines Mandanten handele sich um "klassische Selbstverteidigung".

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Ausschreitungen in Kenosha am 24. August.

(Foto: AP)

Dieser Darstellung schloss Trump sich an. Vor Journalisten im Weißen Haus sagte er, Rittenhouse habe versucht zu fliehen, sei dann gefallen und brutal attackiert worden. "Ich glaube, er war in sehr großen Schwierigkeiten. Er wäre wahrscheinlich getötet worden."

Damit macht Trump genau das, was er seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden vorwirft: Er nimmt einseitig Partei. In derselben Pressekonferenz erklärte der Präsident, Biden stehe an der Seite von Randalierern und Linksradikalen. "Seit Monaten gibt Joe Biden den Vandalen moralische Unterstützung", so Trump. "Joe Biden und seine Partei haben ihren gesamten Parteitag damit verbracht, diese hasserfüllte und destruktive Botschaft zu verbreiten und kein Wort über die Gewalt verloren."

Kritiker werfen Trump vor, er fache die Gewalt mit seiner Rhetorik und seiner Reise nach Kenosha noch an. Das ist vermutlich nicht falsch - aus Trumps Sicht aber auch ein Vorgehen, das Erfolg versprechen kann.

Angefangen hatten die Proteste in Kenosha, nachdem ein Polizist mehrere Schüsse von hinten auf einen Schwarzen abgegeben hatte. Der Mann überlebte, wird vermutlich aber von der Hüfte abwärts gelähmt bleiben. Heute fährt Trump nach Kenosha. Er will sich dort nicht mit der Familie des Opfers treffen, sondern "mit den Leuten, die so einen guten Job für mich gemacht haben", wie er mit Blick auf die Nationalgarde sagte, die dort eingesetzt worden war. "Wir haben enorme Unterstützung in diesem Staat." Deshalb habe er versprochen, dass er dorthin fahren werde.

Staaten wie Wisconsin entscheiden die Wahl

Wisconsin - der Bundesstaat, in dem Kenosha liegt - gehört zu den etwa zehn Staaten, in denen die Präsidentschaftswahl am 3. November entschieden wird. In den jüngsten Umfragen dort führt Biden. Allerdings zeigt die aktuelle Auswertung landesweiter Erhebungen, dass Trumps Werte seit einiger Zeit wieder steigen. Der Amtsinhaber liegt zwar nach wie vor deutlich hinter seinem Herausforderer. Aber bei der Präsidentschaftswahl kommt es nicht darauf an, die meisten Stimmen zu bekommen, sondern die Mehrheit im Gremium der Wahlmänner und -frauen. In diesem electoral college hat Wisconsin zehn Stimmen. Bei der Wahl 2016 gingen diese an Trump, nachdem der Bundesstaat seit Ende der 1980er-Jahre durchgehend von demokratischen Präsidentschaftskandidaten gewonnen worden war.

In Wisconsin - wie in anderen Staaten im Mittleren Westen der USA - sind Weiße ohne College-Abschluss die größte demografische Wählergruppe. Sie bilden den Kern von Trumps Anhängerschaft: Bei der Wahl 2016 gehörten zwei Drittel der Trump-Wähler in diese Gruppe. Landesweit geht ihr Anteil an der Bevölkerung zwar zurück. Trumps Wahlkampfteam setzt trotzdem darauf, dass sie ihm erneut den Sieg bringen werden. Denn die Wahlbeteiligung von Weißen ohne College-Abschluss lag vor vier Jahren lediglich bei knapp 58 Prozent. Zum Vergleich: 2004, als George W. Bush wiedergewählt wurde, gingen 61 Prozent von ihnen zur Wahl. Es ist also nicht abwegig, wenn Trump darauf setzt, die Mobilisierung dieser Wählergruppe zu steigern. Klare Aussagen über Recht und Ordnung schaden ihm dabei sicher nicht.

Während Trump sich mit seinen politischen Botschaften auf eine relativ homogene Gruppe konzentrieren kann, hat Biden es schwerer. Er muss mit Blick auf die Proteste und Ausschreitungen in Kenosha deutlich machen, dass er Gewalt ablehnt, das Anliegen der friedlichen Demonstranten aber unterstützt. Nicht nur im politisch aufgeheizten Klima der USA ist das eine kommunikative Herausforderung.

Die Zustimmung zu den Protesten nimmt ab

Versucht hat Biden es. "Ich will sehr deutlich sagen: Krawalle sind kein Protest. Plünderungen sind kein Protest. Feuer zu legen, ist kein Protest. Das ist Gesetzlosigkeit, nichts anderes. Und wer das macht, sollte strafrechtlich verfolgt werden." Aber es ist eine offene Frage, ob diese Botschaft überall ankommt. Die Zeitschrift "The Atlantic" formuliert es so: "Unter den groben Bedingungen eines Präsidentschaftswahlkampfes wissen Wähler, dass der Demokrat es ernst meint, wenn er Polizeigewalt anprangert. Aber das ist weniger sicher, wenn er Krawalle kritisiert."

Die "Black Lives Matter"-Proteste, die in den USA nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd Ende Mai begonnen hatten, schienen Biden im Wahlkampf zunächst zu helfen. Bis Ende Juni stiegen seine Umfragewerte deutlich an. Seither fallen sie wieder. Auch die Zustimmung der US-Bürger zu den Protesten hat mittlerweile abgenommen. Was das für den Wahlerfolg von Joe Biden bedeuten könnte, sieht man eindrücklich an einer Grafik, die nicht Umfragen abbildet, sondern den Stand der beiden Kandidaten in den Wettbüros. Aktuell führt Biden hier mit 3,2 Punkten. Noch vor einem Monat lag dieser Wert über 24.

Quelle: ntv.de