Politik

Pandemie voll unter Kontrolle Was Taiwan bei Corona besser gemacht hat

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Straßenszene in Taipeh.

(Foto: Klaus Bardenhagen)

Direkt neben China, dicht besiedelt - und das Coronavirus voll unter Kontrolle. Taiwans Erfolge werfen die Frage auf, was Deutschland sich abgucken könnte. Zumindest für die nächste Pandemie.

Als Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen am 10. Oktober ihre Rede zum Nationalfeiertag hielt, bemühte sie keine Durchhalteparolen. Sie musste auch nicht an ihre 23 Millionen Landsleute appellieren, Einschränkungen zu ertragen. "Dieses Jahr war schwierig, aber auch lohnend", sagte sie. "Mit Einigkeit und Beharrlichkeit haben wir im Kampf gegen die Pandemie standgehalten und Taiwan zu einem globalen Vorbild gemacht."

Tatsächlich sprechen sich die Erfolge der demokratischen Insel vor Chinas Südostküste herum. Nicht mal 600 Ansteckungen verzeichnete Taiwan bislang - nicht täglich, sondern insgesamt. Seit April gab es keine inländischen Infektionen mehr, sondern nur noch von außen mitgebrachte Fälle. Die ganze Zeit waren keine Lockdowns nötig, und abgesehen vom häufigeren Maskentragen ging das Leben für die meisten völlig normal weiter. Nur ganz wenige andere Länder - etwa Vietnam, Neuseeland und Südkorea - konnten die Kurve ähnlich flach halten.

In der zweiten Welle fragen sich nun viele, ob und was Deutschland von Taiwan lernen könnte. Nicht mehr wettmachen lässt sich der Startvorteil. Taiwans Behörden waren auf eine Pandemie vorbereitet und reagierten früh. Schon am 31. Dezember war Taiwans Gegenstück zum Robert-Koch-Institut alarmiert und kontrollierte Passagiere aus der chinesischen Stadt Wuhan noch im Flugzeug auf Symptome. Als China am 20. Januar offiziell die Übertragbarkeit des Coronavirus von Mensch zu Mensch einräumte, aktivierte Taiwan sein Krisenzentrum - zehn Tage, bevor die Weltgesundheitsorganisation den Notstand erklärte.

Die Seuchenbekämpfer konnten schnell die ersten Cluster eindämmen und eine Ausbreitung in der Bevölkerung verhindern. Seit dem Frühjahr - als Europa gerade mit der ersten Welle kämpfte - müssen sie vor allem dafür sorgen, dass niemand das Virus von außen einschleppt.

Die Insellage allein ist es nicht

Als Argument gegen Taiwan als Vorbild heißt es oft, einer Insel falle es nun mal leicht, das Virus draußen zu halten. In der Tat hat Taiwan weder Grenzpendler noch ist es Mitglied in einer Gemeinschaft wie der EU oder dem Schengen-Raum. Allerdings sind Inselstaaten nicht per se besser gewappnet, wie etwa Großbritannien oder die Philippinen zeigen.

Entscheidender als die Frage, wer noch ins Land kommt, ist ohnehin: Was passiert dann? Taiwans wohl wichtigstes Erfolgsrezept ist überraschend einfach: Ebenso wie Kontaktpersonen von Infizierten muss jeder Einreisende in Quarantäne, meist für 14 Tage. Damit man keinen Fuß vor die Tür setzt, wird das Mobiltelefon während dieser Zeit überwacht - ohne App oder GPS, sondern per Funkzellenortung. Entfernt es sich zu weit vom Fleck, wird es abgeschaltet oder beantwortet man einen täglichen Kontrollanruf nicht, klopft jemand an die Tür.

Weil die Behörden es ernst meinen und saftige Strafen verhängen, liegen Quarantäne-Verstöße im Promillebereich. Dem Argument, Taiwan lege wohl keinen Wert auf Datenschutz, halten die Verantwortlichen entgegen: Zwar hatten bislang mehr als 350.000 Menschen zwei Wochen lang weniger Freiheiten. Doch im Gegenzug konnten mehr als 20 Millionen ihr Leben ohne Gefahr und Einschränkungen weiterführen. Außerdem ende die Überwachung mit Ablauf der Quarantäne. Lebensmittellieferungen und ein Tagegeld für Taiwaner, die sich an die Regeln halten, sollen die Zeit erträglicher machen.

Regierung hat sich Vertrauen erarbeitet

Ob Quarantäne oder Maskenpflicht - niemand stellt die Maßnahmen grundlegend infrage. Das liegt nicht an grundlegender Obrigkeitshörigkeit, wie manche in Deutschland mutmaßen. Die Menschen sehen ein, dass es in dieser Situation allen Vorteile bringt, an einem Strang zu ziehen. Taiwan ist eine muntere Demokratie, deren Bürger es gewohnt sind, ihrem Unmut Luft zu machen und gegen alles Mögliche auf die Straße zu gehen. Ihr Vertrauen hat die Regierung sich erarbeitet, mit sichtbaren Erfolgen und guten Begründungen. Monatelang trat der Gesundheitsminister Tag für Tag live vor die Kameras, beantwortete Fragen und erklärte Maßnahmen im Detail.

Fragen lassen musste er sich auch, warum Taiwan nicht viel mehr anlasslos teste - offiziell gezählt wurden nicht mal 250.000 Corona-Tests, verschwindend wenige etwa im Vergleich mit Deutschland. Wenn es in der Gesellschaft so gut wie keine unerkannten Fälle gebe, erklärte der Minister statistische Wahrscheinlichkeiten, dann überwiege die zu erwartende hohe Zahl falsch positiver Ergebnisse den Nutzen. Und gäbe es tatsächlich versteckte Ausbreitung, hätten sich längst symptomatische Patienten gemeldet und wären entdeckt worden.

Länder wie Taiwan, die eine Ausbreitung des Virus von Anfang an verhindert haben, befinden sich heute in einer grundlegend anderen Situation als etwa Deutschland. Konkret abgucken kann man sich da nicht mehr so viel - zumindest in dieser Pandemie ist der Zug Richtung Taiwan-Modell längst abgefahren.

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Das Sprichwort "Aus Schaden wird man klug" scheint sich zu bewahrheiten: In der ersten Sars-Epidemie 2003 wurde Taiwan kalt erwischt und war mit 73 Toten eines der am stärksten betroffenen Länder. Als Folge dieses Schocks stellte es sein Krisenreaktionssystem neu auf. Notfallpläne für genau so einen Fall wie das aktuelle Coronavirus lagen bereit. Irgendwann, wenn Covid-19 besiegt ist, kommt die nächste Pandemie. Erst dann wird sich wohl zeigen, was Deutschland von Ländern wie Taiwan gelernt hat.

Der Autor lebt seit mehr als zehn Jahren in Taiwan und hat bislang die ganze Epidemie vor Ort miterlebt.

Quelle: ntv.de

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