Politik

Detonationen registriert Was wir zu den Nord-Stream-Gaslecks wissen - und was nicht

Die drei Gaslecks an Nord Stream 1 und 2 sorgen für Diskussionen. Die Ursache ist zwar noch unklar. Aber vieles deutet auf einen gezielten Anschlag hin. So registrieren schwedische Messstationen zwei Explosionen in der Nacht zuvor. Die Ukraine vermutet die Verantwortlichen im Kreml - von dort heißt es, man sei "besorgt".

Bei den Lecks an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 von Russland nach Deutschland steht Sabotage im Raum. "Ein Zufall ist kaum vorstellbar", sagte Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen. Expertenmeinungen und Einschätzungen aus Sicherheitskreisen gehen ebenfalls in diese Richtung. Auch der Kreml gab an, einen Sabotageakt nicht auszuschließen. Kiew will derweil den Schuldigen bereits ausgemacht zu haben. Was zu den Gaslecks bisher bekannt ist:

Druckabfall, Gaslecks und deren Auswirkungen

Die dänischen und schwedischen Behörden bestätigten am heutigen Dienstagmorgen, dass an zwei Stellen Gas aus der Nord-Stream-1-Pipeline austritt. Die Lecks traten demnach in der Nähe der dänischen Insel Bornholm in dänischen und in schwedischen Hoheitsgewässern auf. Auch in der Pipeline Nord Stream 2 wurde ein Leck gemeldet. Die dänische Marine veröffentlichte Aufnahmen, auf denen eine großflächige Blasenbildung an der Meeresoberfläche zu sehen ist. An einer Stelle seien die Blasen demnach auf einer kreisförmigen Fläche von einem guten Kilometer Durchmesser zu beobachten, erklärte das Militär.

Da keine der Erdgasleitungen derzeit in Betrieb ist, haben die Vorfälle derzeit keine Auswirkung für Europas Energieversorgung. Somit ist auch nicht die aktuelle Gasversorgung Deutschlands betroffen. "Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit sehen wir nicht", teilte die Bundesnetzagentur mit. "Es fließt seit dem russischen Stopp der Lieferungen Anfang September kein Gas mehr durch Nord Stream 1. Die Speicherstände steigen dennoch weiter kontinuierlich an. Sie liegen aktuell bei rund 91 Prozent."

In der Nacht zu Montag war zunächst in einer der beiden Röhren der nicht genutzten Pipeline Nord Stream 2 ein starker Druckabfall festgestellt worden. Am Montagabend meldete der Betreiber dann auch einen Druckabfall in beiden Röhren von Nord Stream 1. Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) und Bundesnetzagentur teilten übereinstimmend mit, man stehe miteinander und mit den betroffenen Behörden im Austausch, um den Sachverhalt aufzuklären. Nach Angaben eines Sprechers von Nord Stream 2 wird noch tagelang Erdgas in die Ostsee strömen.

Behörden vermuten Sabotageakt

Zu einer möglichen Ursache der Schäden liegen von offizieller Seite bislang keine Angaben vor. Messstationen in Schweden und Dänemark haben jedoch einem Medienbericht zufolge vor dem Entstehen der Nord-Stream-Gaslecks in der Ostsee kräftige Detonationen unter Wasser verzeichnet. Es bestehe kein Zweifel daran, dass es sich um Sprengungen oder Explosionen gehandelt habe, sagte der Seismologe Björn Lund vom Schwedischen Seismologischen Netzwerk (SNSN) dem schwedischen Rundfunksender SVT. Es habe am Montag zwei deutliche Detonationen in dem Gebiet gegeben, berichtet der Sender unter Berufung auf das Netzwerk - eine in der Nacht um 2.03 Uhr und eine zweite um 19.04 Uhr am Abend. Nach "Spiegel"-Informationen wurden die Leitungen über größere Längen aufgerissen. Anders sei der "explosionsartige Druckabfall" in den Pipelines nicht zu erklären, hieß es demnach aus Kreisen der Bundesregierung.

Derartige Gaslecks seien "äußerst selten", sagte ein dänischer Behördensprecher. "Aufgrund der Vorfälle der vergangenen 24 Stunden sehen wir Anlass, die Sicherheitsstufe zu erhöhen", um die Energieinfrastruktur zu überwachen. "Es ist eine ungewöhnliche Situation, dass drei Lecks unweit voneinander entfernt auftreten", sagte Regierungschefin Mette Frederiksen. Sabotage werde daher nicht ausgeschlossen. Die Ministerpräsidentin war im polnischen Budno zu Besuch, wo eine neue Pipeline von Norwegen über Dänemark und durch die Ostsee nach Polen eingeweiht wurde.

Auch Mychajlo Podoljak, Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, geht davon aus, dass die Gaslecks an der Ostseepipeline Nord Stream 1 mutwillig herbeigeführt wurden - und benennt gleich einen Schuldigen: Es sei "nichts weiter als ein von Russland geplanter Terroranschlag und ein Akt der Aggression gegen die EU", twitterte er. Russland wolle die wirtschaftliche Situation in Europa destabilisieren und vor dem Winter Panik verbreiten. "Die beste Antwort und Sicherheits-Investition - Panzer für die Ukraine", so Podoljak. "Insbesondere deutsche …"

Die Regierung in Moskau zeigte sich derweil angesichts der berichteten Lecks ebenfalls "extrem besorgt". "Dies ist eine noch nie dagewesene Situation, die dringend untersucht werden muss", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Auf die Frage, ob es sich um einen Sabotageakt handeln könnte, sagte er, es könne "keine" Option ausgeschlossen werden.

"Alles spricht gegen einen Zufall"

Auch in deutschen Sicherheitskreisen werde von Sabotage ausgegangen, berichtet der Berliner "Tagesspiegel" unter Verweis auf Insider-Informationen. "Unsere Fantasie gibt kein Szenario mehr her, das kein gezielter Anschlag ist", sagte demnach eine in die Bewertung durch die Bundesregierung und die Bundesbehörden eingeweihte Person. Weiter hieß es: "Alles spricht gegen einen Zufall." Ein derartiger mutmaßlicher Anschlag auf dem Meeresboden sei alles andere als trivial, er müsse mit Spezialkräften, zum Beispiel Marinetauchern, oder einem U-Boot ausgeführt werden, hieß es laut der Zeitung weiter aus den über die erste Lagebewertung informierten Kreisen.

Der "Spiegel" berichtete unter Verweis auf Quellen im Umfeld der Bundesregierung, es werde befürchtet, dass es sich um einen Anschlag handle, der Verunsicherung auf den europäischen Gasmärkten provozieren sollte. Derzeit würden die Sicherheitskonzepte auch anderer Pipelines und Gasversorgungsanlagen überprüft.

Ein EU-Kommissionssprecher sagte in Brüssel: "Ein Sabotageakt gegen die Infrastruktur wäre natürlich etwas, was wir verurteilen." Es sei aber noch zu früh, um die Gründe für die Lecks zu beurteilen. Die Kommission sei in Kontakt mit den betroffenen Mitgliedstaaten.

Gründe für einen möglichen Anschlag

Bezüglich der Urheberschaft der mutmaßlichen Attacken werden dem "Tagesspiegel" zufolge in Sicherheitskreisen vor allem zwei Möglichkeiten diskutiert. Zum einen könnten laut den Spekulationen ukrainische oder mit der Ukraine verbundene Kräfte verantwortlich sein. Mit dem vorübergehenden Ausschalten der Nord-Stream-Pipelines wären Gaslieferungen von Russland nach Deutschland und Zentraleuropa nur noch über die über Polen laufende Verbindung Jamal oder das ukrainische Pipeline-Netz möglich.

Zum anderen sei demnach genau das gleiche Szenario, aber als sogenannte "False-Flag"-Operation Russlands eine mögliche Erklärung für die Lecks der Pipelines. Damit könnte zusätzliche Verunsicherung geschürt und möglicherweise der Gaspreis wieder nach oben getrieben werden, um die europäische Energiepreiskrise, die sich zuletzt minimal entspannt hatte, wieder zu verschärfen.

Der deutsche Marineinspekteur Jan Christian Kaack warnte vor kurzem vor russischen Angriffen unter Wasser. "Auch unter Wasser hat Russland erhebliche Kapazitäten aufgebaut", sagte der Vize-Admiral. "Auf dem Grund der Ostsee, aber auch im Atlantik gibt es einiges an kritischer Infrastruktur wie Pipelines oder Unterseekabel für IT. Da können sie Ländern wie Estland schnell das Licht ausschalten, und es gibt Gefährdungen der globalen Kommunikationsstrukturen, auf die man besonders achten muss." Nach Kaacks Worten haben sich russische Unter- oder Überwassereinheiten zuletzt über längere Zeit im Bereich dieser Kabel aufgehalten.

Wie geht es weiter?

Das Ausmaß der Schäden an der Leitung sei noch nicht zu überblicken, sagte ein Unternehmenssprecher von Nord Stream 2. Dem Energieexperten Nicolas Goldberg von der Beratungsfirma Colombus zufolge ist ein Gasleck unter Wasser nicht ohne Weiteres zu reparieren, insbesondere wenn Salzwasser in das Rohr gelangt ist. Beide Leitungen sind mit Gas gefüllt, obwohl sie nicht in Betrieb sind.

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Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) schätzt die kurzfristigen Auswirkungen der Lecks auf die Umwelt als lokal begrenzt ein. "Dort entsteht für die Tiere allerdings die Gefahr, zu ersticken. Das betrifft besonders die Tiere, die nicht schnell flüchten können", sagte Nadja Ziebarth, Leiterin des BUND-Meeresschutzbüros, der "Tagesschau".

Reines Methan, das sich im Meer löst, ist zwar ungiftig. Die genaue Zusammensetzung des entweichenden Gases, das in der Regel auch noch aus anderen Kohlenwasserstoffen besteht, sei aber nicht bekannt. "Da unklar ist, welches Gemisch genau in Nord Stream transportiert wird, könnten durch andere Gase unbekannte Schäden im marinen Ökosystem lokal entstehen", warnte Ziebarth.

Quelle: ntv.de, mit dpa und rts

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