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Berateraffäre bei der Truppe Wenn der General als Pate einspringt

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General Erhard Bühler ist Pate eines der fünf Kinder von Manager Timo Noetzel - dessen Firma einen millionenschweren Bundeswehr-Auftrag erhielt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre geht es um Freundschaft und andere Spielarten des menschlichen Miteinanders. Das führt zu teils grotesken Erklärungen der Schlüsselfiguren. Vier-Sterne-General Bühler sagt: "Ich nehme keinen neuen Begriff mehr an."

Es ist kurz vor 21 Uhr, als General Erhard Bühler als Zeuge im Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Berateraffäre mit seinem Lobgesang auf Ex-Staatssekretärin Katrin Suder und Accenture-Manager Timo Noetzel beginnt. Alle drei sind Schlüsselfiguren in dem Skandal. Allerdings fehlt nach wie vor die Antwort auf die entscheidende Frage: Haben sie, wie es die Opposition vermutet, ein "Buddy-Netzwerk" gebildet und auf diese Weise dem IT-Dienstleistungsunternehmen Accenture mindestens einen millionenschweren rechtswidrigen Auftrag zugeschustert?

Das Trio ist in doppelter Hinsicht miteinander verbunden. Sie kennen sich einerseits aus unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen seit vielen Jahren und sind andererseits privat mehr oder weniger eng miteinander verbandelt. Aus Sicht der Opposition geht die Verquickung von privat und beruflich deutlich zu weit. Sie sieht darin die Ursache, dass Accenture rechtswidrig Millionen aus der Staatskasse erhalten habe - was Noetzel zurückweist.

Bis weit nach Mitternacht wird die Befragung Bühlers dauern. Der Vier-Sterne-General lobt Noetzel und Suder als absolute Top-Leute und Accenture als absolute Top-Firma. Über Suder sagt er: "Ich habe sie als herausragende Chefin und unermüdliche Arbeiterin erlebt." Ihr Handeln habe sich nach dem ausgerichtet, was das Beste für das Land sei. Und: "An der Vergabeentscheidung zur externen Unterstützung war sie nicht beteiligt."

"Das war mir als Katholik Verpflichtung und Ehre zugleich"

Der General beschreibt Noetzel "als außergewöhnlich intelligenten, strategischen Kopf mit hervorragenden Referenzen". Ihr Verhältnis nennt er professionell und vertrauensvoll. "Der private Hintergrund kam allein durch die Taufe der fünf Noetzel-Kinder zustande", sagt Bühler. Seine Geschichte geht so: 2016 suchte der Accenture-Mann einen Taufpaten für seine Kinder. Da kein Katholik unter den Gästen der Taufe war, entsprach er Noetzels Bitte und sprang "kurzfristig" ein. "Das war mir als Katholik Verpflichtung und Ehre zugleich." Er habe im Ministerium bewusst daraus kein Geheimnis gemacht, damit Klarheit und Transparenz herrsche. "Die Rolle als katholischer Taufpate wurde zwei Jahre später mit meiner dienstlichen Tätigkeit verknüpft." Das sei "Verleumdung und üble Nachrede".

"Wer General Bühler kennt, weiß, dass er niemals Aufträge an Accenture vergeben würde, weil er der Taufpate meiner Kinder ist", betont Noetzel ebenfalls als Zeuge. Suder sei "mit 16 Jahren aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten". Als der IT-Stratege gefragt wird, wann die Taufe war, überlegt er eine Weile, nennt das Jahr 2016 und schaut fragend zu seinem Rechtsanwalt. Der muss passen, schüttelt den Kopf und lächelt. Der Ausschuss bricht in helles Gelächter ob der Szene aus.

Noetzel berichtet, sich sowohl mit Suder als auch mit Bühler zu duzen. Vor dem Ausschuss spricht er stets von "Frau Suder" und "General Bühler". Das Miteinander mit Bühler bezeichnet er als "sehr respektvolles Vertrauensverhältnis". Er würde den Militär schon wegen des Altersunterschiedes von circa 20 Jahren - Noetzel ist 42 - "nicht als meinen Freund und schon gar nicht als meinen Buddy bezeichnen". Richtig sei, dass "General Bühler mein Mentor war und ist". Was dem gar nicht gefiel: "Ich nehme keinen neuen Begriff mehr an", gibt Bühler bekannt.

Noetzel mit Suder befreundet

"Mit Frau Suder bin ich befreundet. Auch unsere Familien sind befreundet", fährt Noetzel fort. Allerdings weist auch er den Vorwurf der "Buddy-Netzwerke" von sich: "Frau Suder hat mich zu keinem Zeitpunkt bevorzugt, weil wir eine persönliche Beziehung haben." Die frühere für Rüstungsbeschaffung zuständige Staatssekretärin - beide kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei McKinsey - habe auch nichts mit seinem Wechsel zu Accenture zu tun. Das Unternehmen habe "Aufträge bekommen, weil wir besondere Fähigkeiten haben und nicht besondere Beziehungen".

Laut Noetzel ging Suder, die erst Ende dieses Jahres vor dem Ausschuss als Zeugin aussagen soll, mit der Freundschaft zu ihm offen um und meldete das im Frühsommer 2016 einer Compliance-Stelle des Ministeriums. Die SPD-Abgeordnete Siemtje Möller will wissen, wo genau, da es den Compliance-Beauftragten erst seit 2017 gebe. Er habe "nicht weiter nachgefragt", sagt Noetzel. Der Sozialdemokrat Dennis Rohde verweist darauf, dass davon in Tausenden Akten nichts stehe und auch der Compliance-Verantwortliche des Ministeriums vor dem Ausschuss nichts dazu gesagt habe. "Das überrascht mich", sagt Rohde. "Mich auch", erwidert der Accenture-Mann.

Noetzels Auftritt lässt erahnen, warum er so schnell Karriere machte. Er gibt ohne Umschweife Ehrgeiz zu, zeigte sich eloquent, betont höflich, klug, clever und reaktionsschnell. Die Opposition und die SPD versuchen immer wieder, ihn aufs Glatteis oder in die Ecke zu treiben. Vergeblich. Möller fragt Noetzel, warum er im Accenture-Blog erklärt habe, "einen strategischen Brückenkopf" in der Chefetage des Ministeriums errichtet zu haben, was auf Suder deuten könnte. Noetzel ordnete die Formulierung einem wichtigen Digitalprojekt der Bundeswehr zu und löst es damit von konkreten Personen los.

"Ist das normal?"

Der Zeuge erzählt von Jours fixes bei Suder, die dabei "klares Feedback gegeben" habe, "wo Accenture den größten Mehrwert" für die Bundeswehr und darüber hinaus erbringen könne. Rohde will wissen: "Ist das normal, dass eine Staatsekretärin solche Hinweise gibt?" Suder habe keine konkreten Ratschläge für Geschäfte gegeben, sagt Noetzel. Die Deutung, dass die Ex-Staatssekretärin damit Tipps gegeben habe, neue Aufträge an Land zu ziehen, weist er als absurd zurück. "Sie hat uns nicht bei der Marktpositionierung geholfen." Dies schaffe ein Konzern wie Accenture mit weltweit rund 450.000 Mitarbeitern schon allein.

Zum Ende der Sitzung begrüßt die Opposition immerhin, dass nun die Spekulationen ein Ende hätten, wie Notzel, Suder und Bühler zueinander stünden. Am Vorwurf der "Buddy-Netzwerke" hält sie fest. "Noetzel war sozusagen der Kopf des Ganzen", glaubt die FDP-Parlamentarierin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Sie bescheinigt wie Tobias Lindner von den Grünen Bühler "krasses Fehlverhalten". Lindner nennt Bühlers Argumentation, Accenture allein deshalb ohne juristische Prüfung und Suche nach Alternativen ausgewählt zu haben, "weil wir die Firma schon kannten", einen "glatten Rechtsbruch".

Laut Noetzel steht eine Zahlung des Bundes an Accenture von drei Millionen Euro nach wie vor aus. Bühler plädiert öffentlich für eine Überweisung: "Einmal in gutem Glauben erbrachte ordentliche Arbeit muss auch wie verabredet vergolten werden."

Quelle: n-tv.de

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