Politik

"Niemand braucht uns!" Wer rebelliert hier - Rekruten oder Söldner?

Im russischen Belgorod nahe der Grenze zur Ukraine stehen Uniformierte neben einem Zug und protestieren dagegen, wie die russische Armee sie behandelt. Das Video könnte Ausdruck der miesen Moral in der Truppe sein - oder Folge eines Machtkampfes.

In russischen sozialen Netzwerken sind Videos aufgetaucht, in denen sich Hunderte Soldaten über das Chaos rund um die Mobilmachung beschweren. Sie seien keiner Einheit zugeteilt worden und hätten eine Woche lang "wie Tiere" leben müssen. "Es gibt keine Verpflegung und kein Geld", sagt ein Mann auf einem der Videos.

Die Gruppe bestehe aus ungefähr 500 Männern. Ihnen seien zwar Waffen gegeben worden, aber sie hätten keinerlei Informationen darüber, was mit ihnen geschehen solle. Die Waffen seien auch nicht auf ihre Namen registriert worden, was Artikel 222 des russischen Strafgesetzbuchs widerspreche. "Keines der Maschinengewehre ist in unseren Militärausweisen registriert worden", heißt es in dem Video. Einer ruft: "Niemand braucht uns!" Ein anderer sagt, die Waffen, die man ihnen ausgehändigt habe, seien aus den 1970er und 80er-Jahren.

Nach einer Analyse des Verifizierungsteams von RTL und ntv kursieren die Videos seit Mittwochabend. Sie wurden vermutlich zuerst auf dem russischen Imageboard Dvach veröffentlicht und dann über Telegram verbreitet. Der in den Videos genannte Standort nahe Belgorod ist demnach korrekt. Die Region Belgorod liegt an der Grenze zur Ukraine, unmittelbar neben der fast komplett befreiten Region Charkiw und der umkämpften Region Luhansk.

Wagner-Söldner sind auch dabei

Die Videos werden als Beleg für die schlechte Organisation, Ausstattung und Moral der russischen Armee geteilt. In diese Richtung geht etwa ein Bericht der mittlerweile im Exil erscheinenden "Moscow Times". Anton Geraschtschenko, ein Berater des ukrainischen Innenministeriums, teilte drei Videos aus der Serie und schrieb, das "Kanonenfutter" beginne zu hinterfragen, ob es - wie die Gewehre, die ihnen ausgehändigt wurden - ebenfalls als "gebraucht" betrachtet werde.

Möglicherweise haben die Videos aber auch einen ganz anderen Hintergrund. Mark Krutov, ein Journalist des Senders Radio Liberty, weist darauf hin, dass das Video von Telegram-Kanälen verbreitet wurde, die der Söldner-Gruppe Wagner nahestehen. Zudem sind im Video auf einigen Uniformen der angeblich gerade mobilisierten Soldaten Aufnäher der Gruppe Wagner zu erkennen.

Deren Chef Jewgeni Prigoschin ("Putins Koch") agitiert derzeit offen gegen den russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu, dem von Hardlinern die Schuld für den russischen Rückzug in der Ukraine zugeschoben wird. "All diese Loser gehören barfuß mit Gewehren an die Front", schrieb Prigoschin unlängst auf Telegram. Er reagierte damit auf den Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, der die Armeeführung für ihre Vetternwirtschaft attackiert hatte.

Keine Kritik am Krieg

Krutov hat in einem der Videos einen Soldaten erkannt, der bereits Ende September ein Video von sich aufgenommen hat und das ebenfalls viral ging. Darin sagt der Mann, er gehöre dem 1. Panzer-Regiment an. Ihnen sei mitgeteilt worden, dass die Soldaten am 29. September ohne jede Ausbildung an die Front nach Cherson geschickt würden.

Über das russische Netzwerk VKontakte nahm Krutov nach eigenen Angaben Kontakt zu dem Soldaten auf. Der antwortete ihm: "Kann jetzt nicht sprechen, die Dinge haben sich drastisch verändert, hoffentlich zum Besseren." Nach Krutovs Einschätzung ist die Identität dieses Mannes echt; das würde dafür sprechen, dass nicht nur Wagner-Söldner auf den aktuellen Videos zu sehen sind.

Generelle Kritik am Krieg an sich oder gar am Überfall auf die Ukraine gibt es in den Videos nicht, es geht allein um die Behandlung der Soldaten durch die russische Armee. Krutov schreibt, für ihn "riechen die Videos ein bisschen nach einer gestellten Geschichte". Er sehe noch Spielraum dafür, dass das Video echt ist, habe allerdings Bedenken. Sollte das Video tatsächlich gestellt sein, könnte dies dafür sprechen, dass die Macher versuchen, Russlands Militärführung und damit das Verteidigungsministerium gezielt zu diskreditieren.

Quelle: ntv.de

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